Norderstedt

Zu teuer: Steht die Rettungsleitstelle Holstein vor dem Aus?

Disponent Arne Köster von der Norderstedter Feuerwehr im Jahr 2016 am Einsatzpult der Rettungsleitstelle Holstein an der Stormarnstraße Norderstedt.

Disponent Arne Köster von der Norderstedter Feuerwehr im Jahr 2016 am Einsatzpult der Rettungsleitstelle Holstein an der Stormarnstraße Norderstedt.

Foto: HA / Wolfgang Klietz

Politische Diskussion über Kosten: Alarmierung von Rettungskräften im Kreis Segeberg ist für Norderstedt ein Minusgeschäft.

Norderstedt. Die Feuerwehren und die Rettungskräfte hören in Norderstedt und im Kreis Segeberg nur auf ein Kommando – dem aus der integrierten Rettungsleitstelle Holstein (ILS) im Feuerwehrtechnischen Zentrum an der Stormarnstraße 2. Die dort im Schichtdienst arbeitenden 22 Disponenten sind 365 Tage im Jahr rund um die Uhr in Notlagen für die etwa 276.000 Bürger des Kreises in Bereitschaft.

Doch für so viel Sicherheit gibt die Stadt Norderstedt auch sehr viel Geld aus. Und nun wird hinter den Kulissen im Rathaus scheinbar der Rechenschieber angesetzt und eine politische Diskussion um die Kosten und Sinnhaftigkeit der Leitstelle ist entbrannt. Gut möglich, dass dies am Ende auch das Aus für die seit 2004 bestehende Einrichtung bedeuten könnte.

Rettungsleitstelle Holstein sei zu teuer

In der nichtöffentlichen Sitzung des Hauptausschusses am Montag, 10. August, hatte sich die Verwaltung mit einer Vorlage zu den Kosten der Leitstelle an die Politik gewandt – der Ausgangspunkt für ein Gerücht, das kurz nach der Sitzung die Runde in der Lokalpolitik machte. Tenor: Die Leitstelle sei zu teuer, die Stadt Norderstedt müsse zu viel zahlen und der Kreis Segeberg als Vertragspartner viel zu wenig – so könne es nicht weitergehen.

Offiziell gibt es zu diesem Gerücht von der Stadt keinen Kommentar. Auf Anfrage wird lediglich bestätigt, dass der laufende Vertrag mit dem Kreis Segeberg über den Betrieb der ILS „turnusmäßig einer Überprüfung im Sinne der Sicherstellung eines optimalen Schutzes von Menschen in Notsituationen“ bedürfe. „Ein reibungsloser Ablauf in einer Rettungsleitstelle hat oberste Priorität und ist aufrecht zu erhalten.“ Eine Kostenbeteiligung des Kreises dabei sei aus städtischer Sicht immer wünschenswert. „Wie diese ausgestaltet werden könnte, bedürfte einer Beratung mit dem Kreis, sofern eine solche Beratung anstünde.“

Laut dem Vertrag, den beide Parteien zuletzt 2017 verlängert hatten, müsste das derzeit der Fall sein. In dem Papier verpflichteten sich Stadt und Kreis, bis spätestens 31. März 2020 Verhandlungen über eine Fortschreibung oder Änderung des pauschalen Kostenbeitrags unter Berücksichtigung der nachgewiesenen tatsächlichen Kosten für den Betrieb der ILS und der bis dahin geltenden Kostenverteilung aufzunehmen. Sollte eine Einigung nicht erzielt werden, würde ein Streitschlichter des Oberlandesgerichtes übernehmen. Wie genau denn nun die Kosten aussehen, darüber hält sich die Stadt bedeckt. Dies verbiete das gute Geschäftsgebaren, heißt es.

Die Kosten steigen, die Beiträge des Kreises nicht

Klar ist: Seit 2004, als die Leitstelle eingerichtet wurde, bezahlt der Kreis pauschal jedes Jahr 250.000 Euro – und das obwohl schon 2017 bei der letzten Vertragsverlängerung von der Stadt Norderstedt klar gemacht wurde, dass die Kosten für die ILS jährlich um 5 Prozent gestiegen seien. Der Knackpunkt sind die Personalkosten, wie es sich an der Entwicklung dieser Position im aktuellen Norderstedter Doppelhaushalt 20/21 für das Amt für Rettungsdienst und Katastrophenschutz ablesen lässt.

Zwischen 2018 und heute stiegen die Personalkosten im Rettungsdienst von 1,26 auf 1,43 Millionen Euro. Bis 2024 werden es knapp 1,5 Millionen Euro sein. Insgesamt liegen die Aufwendungen im Rettungsdienst bei über 1,7 Millionen Euro in beiden Haushaltsjahren, das jährliche Defizit der Sparte bei jeweils über 670.000 Euro. Auch für die technische Ausstattung der ILS ist finanziell allein die Stadt Norderstedt zuständig – und hier steht, wie man hört, nach 16 Jahren Betrieb eine umfangreiche Modernisierung an.

Alle laufenden Kosten für die ILS bleiben nicht allein an den Steuerzahlern in Norderstedt und im Kreis hängen: Den Löwenanteil von 50 Prozent tragen die Krankenkassen und deren Beitragszahler. In der Kreispolitik hat das Gerücht aus Norderstedt schon für offizielle Anfragen gesorgt. Die Kreistagsabgeordnete Rosemarie Jahn (FDP) hat als Vorsitzende des Ausschusses für Ordnung, Verkehr und Gesundheit des Kreises für die Sitzung am 31. August einen Bericht der Verwaltung auf die Tagesordnung gesetzt.

Leitstelle sei 2004 Wertschätzung für die freiwilligen Wehren gewesen

„Ich bin jetzt seit 25 Jahren im politischen Geschäft“, sagt Jahn. „An solchen Gerüchten ist immer was dran. Wenn es um Geld und Investitionen gehen sollte, muss man reden, aber nicht das Kind mit dem Bade ausschütten!“ Der Weiterbestand der Leitstelle sei wünschenswert, sagt Jahn. „Dem ehemaligen Oberbürgermeister Hans-Joachim Grote ist es 2004 gelungen, durch die Leitstelle zu beweisen, dass die Arbeit seiner freiwilligen Ortswehren die Unterstützung durch eine hauptamtliche Wachabteilung, nicht aber eine Berufsfeuerwehr braucht.“

Als Argument zählte 2004 auch die Ortskenntnis der Feuerwehrleute in der ILS. „Was in Zeiten von Google-Maps auf jedem Smartphone zu vernachlässigen ist“, sagt Doris Grote, die CDU-Kreisfraktionschefin, Frau des ehemaligen Oberbürgermeisters Grote. „Außerdem arbeiten in der Leitstelle, so weit ich weiß, kaum mehr Norderstedter.“ Die Leitstelle sei 2004 auch eine Wertschätzung für die freiwilligen Wehren der Stadt gewesen. „Der Kreis hat in all den Jahren immer den gleichen Beitrag bezahlt und profitiert massiv von der Leitstelle in Norderstedt.“

Einsatztechnisch ist die ILS Holstein ersetzbar. Die Leitstelle des Kreises Pinneberg in Elmshorn könnte übernehmen – dort werden ohnehin schon die Polizeieinsätze im Kreis Segeberg koordiniert.

So arbeitet die Leitstelle Holstein in Norderstedt

Wer den Notruf 112 wählt, wird mit der zuständigen kooperativen Regionalleitstelle verbunden. In Schleswig-Holstein gibt es sieben Leitstellen, neben Norderstedt in Flensburg, Kiel, Lübeck, Neumünster, Elmshorn und Bad Oldesloe.

Die Leitstelle Holstein in Norderstedt ist zuständig für 276.000 Einwohnerinnen und Einwohner im Kreis Segeberg. Alle Notrufe und Krankentransporte (unter 04551/192 22) werden hier bearbeitet. Elf Rettungswachen mit 21 Rettungswagen, zwei Krankentransportwagen und vier Notarzteinsatzfahrzeugen, Rettungshubschrauber, 115 Freiwillige Feuerwehren, eine Werkfeuerwehr und diverse Einheiten vom THW, der DLRG, Rettungshundestaffeln und Hilfsorganisationen reagieren auf die Alarmierung aus Norderstedt.

Über das Einsatzleitsystem werden jährlich etwa 4000 Einsätze der Feuerwehr und 62.000 Einsätze des Rettungsdienstes abgewickelt.

Besonderheiten im Einsatzgebiet sind der Segeberger Staatsforst, mit einer Größe von über 4000 Hektar eines der größten Waldgebiete in Schleswig-Holstein, und die drei Bundesautobahnen A 7, A 20 und A 21.

In einer Leitstelle arbeiten die Teams an 365 Tagen im Jahr im Schichtdienst. Sie bestehen aus mindestens drei Disponenten und einem Operativ-taktischen Leiter. Ihre Arbeit ist geprägt von Zeitdruck und Komplexität: Oft müssen sie innerhalb weniger Sekunden Entscheidungen über lebensrettende Maßnahmen treffen.

Disponenten fragen bei den Notfall-Anrufern medizinische Daten strukturiert ab und entscheiden über die zu ergreifenden Maßnahmen. Sie sind Notfallsanitäter und Rettungsassistenten mit mindestens drei Jahren Berufserfahrung.