SHMF

Zwei Sternstunden im Norderstedter Stadtpark

Voller Energie und dich sehr konzentriert: Martin Grubinger (m.), Richard Putz (l.) und Slavik Stakhov begeisterten in Norderstedt.

Voller Energie und dich sehr konzentriert: Martin Grubinger (m.), Richard Putz (l.) und Slavik Stakhov begeisterten in Norderstedt.

Foto: Heike Linde-Lembke

Martin Grubinger begeisterte im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals 1000 Zuhörer mit Programm „Drums on Wheels“.

Norderstedt.  15 Konzerte hatten Martin Grubinger, Slavik Stakhov und Richard Putz in einer Woche schon gespielt, bevor sie mit ihren zwei Tiefladern voller Percussion-Instrumente Station im Norderstedter Stadtpark machten, um hier am Sonnabend das 16. und 17. Konzert zu geben. Die drei schlagkräftigen Jungs waren also schon richtig warmgespielt – und so gaben sie ein richtig tolles Konzert und wurden vom Norderstedter Publikum zu Recht stürmisch gefeiert.

„Ich habe es mir vor drei Monaten nicht träumen lassen, hier heute zwei Konzerte mit je 500 Zuschauern geben zu können“, sagte Christian Kuhnt, Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF). Aufgrund der Corona-Pandemie musste das Festival den schleswig-holsteinischen Festspiel-Sommer auf Eis legen. Doch Kuhnt komponierte mit seinem Team die Alternative „Sommer der Möglichkeiten“. Das Publikum war begeistert – sei es nun im strömenden Regen wie beim Solo-Konzert mit Festivalgründer Justus Frantz in Schenefeld, sei es unter sengender Sonne wie bei den zwei Grubinger-Konzerten im Norderstedter Stadtpark.

Ein sichtbar spielfreudiger Martin Grubinger sagte das Programm des wegen der Corona-Pandemie auf eine Stunde begrenzten und pausenlosen Konzerts an, um stante pede mit seinem Duo als Marching Band und dem Titel „Latino Unreal“ vor die Trucks zu marschieren und kräftig auf die Pauken zu hauen. Der Rhythmus brachte das Publikum sofort in Schwung, und das, obgleich die Percussionisten fast durchweg Stücke von zeitgenössischen, jungen Komponisten spielten.

Martin Grubinger, dieser österreichische Multi-Percussionist, ist seit 20 Jahren Star des SHMF und blieb dem Festival auch in der Corona-Pandemie treu, kann der Fan regionaler Feste doch hier seinem Faible für ungewöhnliche Konzertorte frönen. Für den „Sommer der Möglichkeiten“ des SHMF erfand der Musiker, dem mehr als 60 Konzerte wegen der Pandemie wegbrachen, die Trucks „Drums on Wheels“. Streaming-Konzerte konnten den charmanten Salzburger, der fast tausend Instrumente sein eigen nennt, nicht trösten. „Konzerte vor Publikum sind wie eine Droge“, sagte er dem Abendblatt.

Nach dem eher traditionellen Marching-Stück spielte der als einer der weltbesten Marimba-Spieler geltende Musiker „Udacrep Akubrad“ des 45 Jahre alten israelischen Komponisten Avner Dorman und betonte die zarten Passagen. Im „Epicentre Part 3 Txalaparta“ des Komponisten Johannes Maria Staud (44) wirbelte das Trio mit neongelb leuchtenden Stäben durch die Luft und faszinierte mit einem suggestiven Rhythmus. „Afro Blue“ von Mengo Santamaria (1922 bis 2003) gelang Grubinger als mitreißendes Solo, mit dem er den afrikanischen Klang in den heißen Norderstedter Stadtpark holte.

Grubinger, der früh das Jonglieren lernte, erwies sich auch als versierter Pantomime, als er die Geschichte des Stücks „Bad Touch“ des 38 Jahre alten Tonsetzers Casey Cangelosi nach Playback mit den neongelben Stäben erzählte. Wie Wellen im Abendlicht malte das Grubinger-Trio „What The Waves Brought“ des armenischen Komponisten Tigran Hamasyan (33).

„Sie sind so ein tolles Publikum, Sie motivieren uns sehr und machen uns froh“, dankte Martin Grubinger den 500 Zuhörerinnen und Zuhörern, um sich in „Born On 4th January“ von Rainer Furthner mit einem Trommel-Gewitter und einer feinen Tempi-Jonglage zu verabschieden. Dem Trio blieben nur eineinhalb Stunden Zeit bis zum nächsten Konzert um 20 Uhr. Zwei Sternstunden trotz Corona.