Schröters Wochenschau

Neue Perspektiven auf dem Wasser dank Hitze

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt.

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt.

Foto: Wolfgang Klietz

Norddeutschland erlebt gerade eine lange Hitzewelle. Kolumnist Jan Schröter machen derweil die Kanu-Touristen auf der Bramau zu schaffen.

Kreis Segeberg.  Herzlichen Glückwunsch, wir sind Rekordhalter. Diese und die zurückliegende Woche boten uns Nordlichtern die längste Hitzewelle mit täglichen Temperaturen über 30 Grad seit Aufzeichnungsbeginn der Wetterdaten im Jahr 1891. In der Nachbarschaft werden die ersten Retriever, Terrier und Schäferhunde gegen Kamele eingetauscht, weil die Wassernäpfe trockenfallen und kaum noch Nachschub aus der Leitung kommt. Keine Panik, Leute, das wird wieder besser, wenn mein neuer 500.000-Liter-Pool endlich vollgelaufen ist.

Den brauche ich nicht zum Schwimmen. Nein, ich will endlich wieder in Ruhe Kanu fahren. Auf der Bramau geht das zwar auch ganz gut, aber mein Haus-Flüsschen kenne ich zur Genüge. Und letztens beging ich den Fehler, erstmals in diesem Jahr wieder in meiner Geburtsstadt zu paddeln, Hamburg hat ja auch viel Wasser. Es war allerdings nicht viel davon zu sehen, so viele Boote waren unterwegs. Man muss nicht Jesus heißen, um derzeit trockenen Fußes über die Außenalster zu wandeln – bis zum nächsten Boot ist es immer nur ein Schritt. Wer von der Lombardsbrücke springt, landet höchstwahrscheinlich nicht im Wasser, sondern auf einem Wasserfahrzeug. Denn im Corona-Sommer mit Reisewarnungen und Strandampeln hat sich – verständlicherweise – Jedermensch ein Kanu, Kajak oder Schlauchboot zugelegt. Oder ein SUP-Board. Die gibt’s ja auch zum Aufblasen, dafür findet sich immer noch Platz im Schrank.

Während die windanfälligen und meist schwer zu manövrierenden Schlauchboote gern unkontrolliert den Kurs kreuzen oder in die Böschungen knallen, bewegt sich die Stehpaddel-Klientel aufrecht auf dem Brett und bietet ganz neue Perspektiven auf dem Wasser. Nicht zuletzt durch ihren Dresscode, der offenbar lautet: so wenig Textil wie gerade noch vertretbar und gerne eine mobile Boom-Box mit Partymucke dabei. Früher hieß das „Table-Dance“ und war kostenpflichtig.

Bootfahren früher, das war: treiben lassen, der Stille lauschen, Tiere beobachten, die Landschaft bewundern. Bootfahren im Corona-Sommer, das bedeutet: Alle Aufmerksamkeit gilt der Kollisionsvermeidung, vor der Landschaft steht immer mindestens ein Stehpaddler, und die Tiere sind sowieso alle längst im Exil, weil sie keinen Bock auf das Gedränge haben.

Leute, ich verstehe es ja. Bootfahren ist wirklich schön. Aber, ganz ehrlich: Ich freue mich, wenn wir nächstes Jahr alle geimpft sind, ihr wieder nach Malle reist und ich die Alster und Holsteiner Seen für mich habe. So, ich muss raus – mein Pool ist voll.