Verkehr

Mittellinien auf der Straße sind in Norderstedt passé

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Frank Schulze
Neue Straßen-Wirklichkeit in Norderstedt: Wie hier am Friedrichsgaber Weg gibt es keine Mittelstreifen mehr.

Neue Straßen-Wirklichkeit in Norderstedt: Wie hier am Friedrichsgaber Weg gibt es keine Mittelstreifen mehr.

Foto: Patrick Pender / Pender

CDU-Politiker Patrick Pender hat kein Verständnis für das Vorgehen der Stadt. Die beruft sich auf neueste Forschungsergebnisse.

Norderstedt.  Viele Autofahrer sind empört, andere halten es für einen schlechten Scherz, und wieder andere glauben, dass die Stadt da nur etwas vergessen habe und sie noch kommen: die Mittelstriche auf dem Friedrichsgaber Weg und der Niendorfer Straße. Doch darauf können die Norderstedter Autofahrer lange warten, denn die Zeit der Fahrbahnmarkierungen auf den Straßen der Stadt ist vorbei – zumindest weitgehend.

Die Stadt beruft sich auf die neusten Erkenntnisse der Verkehrsforschung. Demnach habe man festgestellt, dass Autofahrer bei einer klaren Fahrbahnaufteilung – also mit Strich in der Fahrbahnmitte – schneller fahren. Wenn sie sich hingegen nur am Straßenrand und am Gegenverkehr orientieren können, gingen sie automatisch vom Gas. Das Nein zum Strich dient also der Verkehrsberuhigung.

Rathaussprecherin Nina Wrage betont, dass Straßen, auf denen nicht schneller als 50 km/h gefahren werden dürfe, keine Markierungen mehr benötigten. Lediglich in Kreuzungsbereichen und an Ampeln würden auch weiterhin Fahrbahnmarkierungen aufgetragen. Im Übrigen verweist sie darauf, dass demnächst eine Richtlinie der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) veröffentlicht werde, die die Einschätzung der Stadt untermauere.

CDU: Schlechte Orientierung bei Nacht, Nebel und Regen

Einer, der für die Abschaffung der Mittelstriche, die im Behördendeutsch Leitlinien heißen, überhaupt kein Verständnis hat, ist der Norderstedter CDU-Stadtvertreter Patrick Pender, der auch Mitglied im Stadtentwicklungsausschuss ist. „Straßenmarkierungen sind heutzutage weltweit bekannt und verständlich. Mit der Zunahme des Kraftverkehrs und der gestiegenen Unfallhäufungen wurden sie zur sicheren Führung des Verkehrs als notwendig angesehen. Eine weiße Mittelmarkierung teilt die Straße deutlich in zwei Richtungsfahrbahnen ein, damit jeder Verkehrsteilnehmer auf der richtigen Spur bleibt. Klar, universell und absichernd“, betont er in einer Pressemitteilung.

Markierungen würden aber nicht nur für mehr Sicherheit der Autofahrer vor allem bei Nacht, Nebel und Regen sorgen, sondern sie seien auch für die derzeitigen Entwicklungen in der Automobilindustrie unbedingt erforderlich: Man müsse nämlich erkennen, so Pender, dass die weißen Leitlinien als Grundlage der sogenannten New Mobility für die Stadt essenziell seien. Sämtliche Automobilhersteller leisteten sich derzeit einen teuren Wettlauf, wer am meisten von der Zukunft der Mobilität anzubieten habe.

Pender: „Im Mittelpunkt steht das teil- oder vollautomatisierte Fahren. Die Anforderungen an die eigenständige Verarbeitung der Verkehrssituation sind enorm. Verlässlich fahren können hochautomatisierten Systeme nur mit sichtbaren Fahrbahnmarkierungen. Diese Tatsache musste auch Volvo bei der Autoshow in Los Angeles erfahren, als ihr Zukunftsauto wegen fehlender Markierungen nicht losfahren wollte.“

Beim Umbruch durch die digitale Revolution im Straßenverkehr werden nach Meinung des Christdemokraten Straßenmarkierungen weiterhin eine wichtige Rolle für das Situationsbewusstsein des Fahrers in einer zunehmend komplexen Straßenumgebung einnehmen. „Wir wollen durch die Sanierungen dazu beitragen, den Straßenverkehr zukunftstauglich und sicherer zu gestalten“, so Pender. Er sieht die Gefahr, dass durch die Maßnahmen der Verwaltung letztendlich exakt das Gegenteil bewirkt werde.

ADAC unterstützt Vorgehen der Stadt Norderstedt

Penders Fazit: Gut sichtbare Straßenmarkierungen unterstützten heute den Verkehrsfluss, alarmierten beim Darüberfahren den menschlichen Fahrer und seien erforderlich, um eine sichere und zuverlässige Navigation autonomer Fahrzeuge durch die Fahrbahn in Zukunft zu gewährleisten.

Der ADAC schlägt sich bei der Norderstedter Linien-Debatte auf die Seite der Stadt: Dass nach Straßensanierungen weitgehend auf Fahrbahnmarkierungen verzichtet werde, sei heute bundesweit Standard, betonte ADAC-Verkehrsexperte Carsten Willms im Gespräch mit dem Abendblatt. Auch er verweist auf umfangreiche und eindeutige Forschungsergebnisse. Anfang des Jahres, als das Abendblatt schon einmal über das Thema berichtete, ergab eine Umfrage, dass außer Norderstedt auch viele andere Kommunen in der Region auf Striche auf ihren Straßen verzichten.

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