Schifffahrt

Zwei Tangstedter und die alte „Hafendockter“

Die „Hafendockter“ ist ein ehemaliges Arzt-Schiff, das 1929 gebaut wurde und auf dem kranke Seeleute betreut wurden. Nach der Restaurierung erstrahlt es neuem Glanz.

Die „Hafendockter“ ist ein ehemaliges Arzt-Schiff, das 1929 gebaut wurde und auf dem kranke Seeleute betreut wurden. Nach der Restaurierung erstrahlt es neuem Glanz.

Foto: Klaus Bülck

Erika Ahrens-Bülck und Klaus Bülck verliebten sich in die ehemalige Barkasse und machten sie mit dem Betreiberverein wieder flott.

Tangstedt . Der Kahn liegt im Hamburger Museumshafen Oevelgönne gleich neben dem Eisbrecher. Ein maritimes Schmückstück. Doch als Erika und Klaus Bülck, Marco Schütte und ihre Freunde am 1. Mai 2016 um 11 Uhr nach achtstündiger Nachtfahrt elbaufwärts von der Werft in Freiburg mit dem alten Seelenverkäufer dort ankamen, ernteten sie von den alteingesessenen Museumsschippern erst ungläubiges Staunen, dann Spott. Die Barkasse, die einst als „Hafenarzt 1“ kranke Seeleute betreute und nun von einer Schute geschleppt werden musste, war nur noch ein Schatten ihres einstigen Glanzes.

Im Jahr 2000 sank sie an der Kehrwiederspitze auf den Grund des Zollkanals, wurde vom Bergungsschiff „Taucher Flint 1“, Wasserschutzpolizei und Feuerwehr geborgen und drei Jahre restauriert. Eignerin war damals die Witwe des Hamburger NDR-Hörfunk-Journalist Willem F. Dincklage, der jede freie Minute auf dem Kahn verbrachte, mit Freunden die Elbe rauf und runter, durch den Hafen und auch über die Ostsee schipperte.

Barkasse gehörte einst einem NDR-Hörfunk-Journalisten

1983 hatte er die 1929 gebaute „Hafenarzt 1“ vom Hamburger Senat, der das weiße Schiff mit dem schwarzen Rumpf und dem gelben Schornstein in Rente geschickt hatte, ersteigert. „Hafenarzt 1“ durfte der Pensionär nicht mehr heißen, und niemand Geringeres als Schauspielerin Evelyn Hamann taufte die Barkasse dann auf „Hafendockter“. 1993 starb Dincklage. Seine Witwe verkaufte das Schiff nach dem Untergang im Jahr 2000, es geriet in Vergessenheit.

2014 machte dann ein Kollege Marco Schütte auf die „Hafendockter“ auf der Behrenswerft in Freiburg aufmerksam: „Kriegst du die wieder hin?“, wollte er wissen. Der Maschinenbauer liebt alte Motoren: „Das Schiff war in einem verheerenden Zustand, halb voll Wasser, seit seinem Untergang hatte sich niemand mehr um die Hafendockter gekümmert. Doch ich habe mich sofort in sie verliebt.“ Er wollte die Barkasse, der mittlerweile der Schiffsfriedhof drohte, wieder flottmachen. Doch dafür musste er erst einmal seine Lebensgefährtin Britta Hejnoss fragen. Sie guckte sich das Wrack an – und nickte den Rettungsplan schließlich ab.

Mit sechs anderen Enthusiasten gründete Marco Schütte den Betreiberverein „Hafendockter“. Die Mitglieder entkernten das Schiff, entrosteten Rumpf und Aufbauten und gaben dem alten Kahn einen neuen Anstrich. Vor allem restaurierten sie die Teile der Maschinenanlage, bauten alles wieder zusammen, setzten Fenster ein, richteten Salon, Kombüse und Toilette her. Sponsoren wie Marco Schüttes Arbeitgeber Wärtsilä, Service Center für Schifffahrts- und Energielösungen, die Werft Behrens und Firmen wie Relius, Piening und Rathjens und auch ehrenamtliche Mitarbeiter des Museumshafens Oevelgönne halfen.

Die „Hafendockter“ ist ein bewegliches Denkmal

In unzähligen Arbeitsstunden, mit Fantasie, Durchhaltevermögen und Klinkenputzen für Zuschüsse von Denkmalschutzamt und Sponsoren bekamen sie die alte Dame wieder flott für ihren ersten großen Auftritt beim Hafengeburtstag 2014. Danach ging’s wieder auf die Werft. Seit September 2016 steht die „Hafendockter“ auf der Liste der beweglichen Denkmäler der Hansestadt Hamburg. Das wiederum brachte die Unterstützung des Denkmalschutzamtes ein – und den Zuschuss von 124.500 Euro vom Bund für die Restaurierung im zweiten Bauabschnitt, der bis Mai 2018 dauerte.

Jeder Sanierungsschritt musste dokumentiert werden, und dafür holte sich Marco Schütte einen Tangstedter an Bord, den Hobby-Fotografen Klaus Bülck. Und dessen Ehefrau Erika Ahrens-Bülck gleich mit. Die beiden hatten gerade ihre Vorstandsämter beim Radsport-Verein niedergelegt, die Söhne Jan und Kai waren schon lange selbstständig, also warum jetzt nicht mal auf Schiffsplanken gehen, statt in die Pedale treten. „Dazu kam, dass ich gerade in Rente ging, alles passte“, sagt Klaus Bülck. Seit September 2014 ist der gelernte Seehafen-Speditionskaufmann, der weltweit Schiffe mit Ersatzteilen versorgte, mit der Kamera dabei, wenn es um die „Hafendockter“ geht.

Doch rasch übernahm er auch andere Aufgaben, stellte über seine Firma Container bereit, um ausgebaute Teile zu lagern, und durfte die Werkstatt seines Arbeitgebers nutzen. Und ebenso rasch stieg auch Erika Ahrens-Bülck ein. „Mir taten die Männer leid, also habe ich erst einmal Kuchen gebacken und Kaffee gekocht“, sagt die studierte Karthographin und grinst verschmitzt. Sie habe zwar mit dem Hamburger Hafen nicht viel „am Hut“ gehabt, und das war Ehemann Klaus auch bewusst: „Ich mochte gar nichts sagen, denn Erika meinte einmal zu mir, wenn ich mit einer Kreuzfahrt ankäme, würde sie sich scheiden lassen.“ Beim letzten Bauabschnitt arbeiteten beide vier- bis fünfmal pro Woche an Bord. Während des zweiten Bauabschnitts heuerten auch weitere Nordlichter auf der „Hafendockter“ an, darunter Frauke Heyer aus Lentföhrden und Jörg Potent aus Kaltenkirchen.

Auch bei der Elbphilharmonie-Eröffnung war das Schiff dabei

Im Frühjahr 2016 konnte die „Hafendockter“ schon mit eigener Maschine und aus eigener Kraft am Hafengeburtstag teilnehmen. Es gab ein Camping-Klo an Bord, Biertische und ein Holzdach auf dem Steuerhaus mit dem original erhaltenen Steuerrad. Aber noch keine Fenster. Dafür führte der Betreiberverein schon mal die ersten Besucherfahrten durch. Ohne Eintritt, auf Spendenbasis. Und die Seh-Leute waren so begeistert, dass sie reichlich spendeten.

„Wir waren am 17. Januar 2017 auch bei der Einweihung der Elbphilharmonie dabei, vom Wasser aus“, sagt Erika Ahrens-Bülck, und ihre Augen leuchten. Es herrschten zwar Minusgrade mit eiskaltem Wind, „aber das spürten wir bei diesem emotionalen Moment nicht mehr.“

Schon lange hatte Klaus Bülck seine Kamera ab und zu gegen dem Hammer ausgetauscht, um Rost zu klopfen, oder mit dem Pinsel, um Planken zu streichen: „Ich bin jetzt auch Farbverteilungsexperte.“ Vorm Hafengeburtstag 2018 habe er sogar im Licht einer Stirnlampe gestrichen, und auch Erika Ahrens-Bülck hatte neben ihrem Bäckerin-Job den einer Malerin übernommen.

Warum aber setzen sich zwei Tangstedter so intensiv für eine mehr als 90 Jahre alte Barkasse im Hamburger Hafen ein? „Jeder Tag auf diesem Schiff ist wie ein Tag Urlaub und entschleunigt ungemein“, sagen die Bülcks, während sie die nächste Runde Kuchen spendiert und er schon wieder auf den Auslöser drückt. Einen Arzt brauchen sie nicht, sie haben ihre „Hafendockter“.