Hamburg Airport

Flughafen: Brisante Vorwürfe gegen den Hamburger Tower

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Michael Schick
24. Juli: Eine Cessna kommt in Hamburg von der Landebahn ab.

24. Juli: Eine Cessna kommt in Hamburg von der Landebahn ab.

Foto: Jonas Walzberg / dpa

Fluglärmaktivist: „Bahnbenutzungsregeln gehen vor Sicherheit“. Starts und Landungen sollen gerechter verteilt werden.

Norderstedt.  Die Forderung ist zu einem Mantra von Reimer Rathje geworden. Der Fraktionschef der Wählergemeinschaft Wir in Norderstedt (WiN) und vorderster Kämpfer gegen den Fluglärm in der Stadt will, dass die Bahnbenutzungsregeln am Flughafen Hamburg verändert werden, dass also die Starts und Landungen gerechter verteilt werden. Mehr Maschinen müssen über Hamburg abheben oder landen. Weniger über Norderstedt.

Bislang argumentierte er mit der Ungerechtigkeit der Verteilung des Lärms zuungunsten der Norderstedter. Nun behauptet Rathje angesichts eines aktuellen Vorfalls auf dem Flughafen, dass der Tower die Benutzungsregeln mit Präferenz der Richtung Norderstedt auch dann einhält, wenn Sicherheitsgründe dagegen sprechen. Eine Aussage mit einiger Brisanz.

Fluglärm: Maschinen sollen über Norderstedt starten

Am Freitag, 24. Juli, kam es zu einem Unfall auf dem Hamburger Flughafen. Ein Kleinflugzeug kam von der Landebahn ab. Verletzt wurde niemand. Die Flughafenfeuerwehr musste die Cessna bergen, der Flugbetrieb wurde unterbrochen. Rathje behauptet nun, dass das Flugzeug die Norderstedter Bahn nicht hätte nutzen dürfen, weil der Seitenwind zu stark gewesen sei. „Uns berichten Piloten jede Woche, dass die Fluglotsen im Tower Maschinen verantwortungslos über Norderstedt starten lassen: bei starkem Seitenwind oder auch bei unzulässigem Rückenwind und nasser Startbahn“, sagt WiN-Fraktionschef Reimer Rathje. Hinter diesem Verhalten des Towers stecke der Zwang, die Bahnbenutzungsregeln einzuhalten.

Die besagten, das Starts grundsätzlich über Norderstedt und das weitere Umland erfolgen sollen, weil dort weniger Menschen von Fluglärm betroffen sind als in der dicht besiedelten Metropole. Vor allem laute Maschinen sollen die Norderstedter Bahn nutzen. Zusätzlich sollen alle Flugzeuge zwischen 22 und 7 Uhr über diese Bahn landen.

Allerdings habe die Sicherheit höchste Priorität, so dass die Fluglotsen von diesen Regelungen abweichen können, wenn es beispielsweise die Witterungsverhältnisse erfordern. Letztlich entscheidet der Pilot.

Deutsche Flugsicherung weist Vorwürfe zurück

„Geld und Arbeitsplätze für Hamburg, Feinstaub und Lärm für Norderstedt – dieser Zustand, der nun schon Jahrzehnte herrscht, muss sich ändern“, fordert Rathje. Der Zwischenfall mit dem verunglückten Kleinflugzeug zeige erneut: „Es ist keine Frage mehr, ob sich ein schwerwiegender Unfall auf dem Hamburger Flughafen ereignet, sondern nur wann das passiert“, sagt der WiN-Fraktionschef.

Das Abendblatt hat bei der Piloten-Vereinigung Cockpit nachgefragt, ob die von Rathje zitierten Aussagen von Piloten dort bekannt sind. Doch bei Cockpit hat noch niemand von dieser Kritik gehört.

Die Deutsche Flugsicherung (DFS), Arbeitgeber der Fluglotsen, weist die Vorwürfe der WiN „entschieden“ zurück. „Der konstruierte Zusammenhang zwischen dem von der Bahn abgekommenen Kleinflugzeug vom Freitag und der Bahnbenutzungsregel entbehrt jeder Grundlage – zumal der Vorfall noch nicht einmal untersucht ist“, sagt DFS-Sprecherin Anja Naumann. Grundsätzlich halten sich die Fluglotsen an die Bahnbenutzungsregeln, die auch die Möglichkeit bieten, eine andere Start- und Landebahn zu nutzen, wenn „die Verkehrslage oder Gründe der Luftverkehrssicherheit, insbesondere Witterungs- und Bahnverhältnisse, zu einer anderen Bahnnutzung zwingen“.

Wissenwertes zum Hamburger Flughafen:

  • Der Hamburg Airport hat zwei Terminals und liegt nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt
  • Er wurde 1911 angelegt und ist der älteste durchgängig an einem Ort betriebene Flughafen in Deutschland
  • Seit 2016 wird der Flughaften auch Hamburg Airport Helmut Schmidt genannt
  • Er umfasst inzwischen eine Fläche von 570 Hektar
  • Rund 60 Airlines fliegen derzeit den Hamburger Flughafen an

Sicherheit hat immer Vorrang vor Lärmaspekten

Wenn die Lotsen einem Flugzeug etwa wegen starker Winde eine andere Landebahn zuweisen, verstoßen sie nicht gegen die Vorgaben, sondern erfüllen ihre primäre Aufgabe, nämlich die sichere Verkehrsabwicklung. Hierbei hat die Sicherheit immer Vorrang vor Lärmaspekten. „In herausfordernden Situationen kann ein Pilot immer eine andere Bahn anfordern als vom Lotsen zugewiesen, da er letztendlich die Verantwortung für das Flugzeug trägt“, sagt Naumann. Diese Entscheidung kann der Lotse dem Piloten nicht abnehmen.

Im übrigen sei die Beurteilung der Bahnbenutzungsregeln offensichtlich eine Frage der Perspektive. So haben zwei Blankeneser im Vorjahr gegen die DFS geklagt, weil sie der Auffassung waren, die DFS verstoße gegen die Bahnbenutzungsregeln. Das Vorranggebot für Starts und Landungen über Norderstedt hinweg werde missachtet, so dass sie stärker von Fluglärm betroffen seien als nötig. Das Hamburgische Oberverwaltungsgericht hat die Klage abgewiesen und mit Urteil vom 18. September bestätigt, dass die DFS die Bahnbenutzungsregelungen am Flughafen Hamburg korrekt umsetze.

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