Schröters Wochenschau

Der Uhu im Brunnen und ein Geheimfach

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Jan Schröter
Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt

Foto: Wolfgang Klietz

Bei der Meldung über einen Jung-Uhu in Nöten, fragte sich Jan Schröter: Saßen wir nicht alle mal fest in aussichtsloser Lage?

Kreis Segeberg.  Polizeialarm am letzten Wochenende in Bad Segeberg: Aus dem Brunnenschacht der historischen Siegesburg am Kalkberg drangen jämmerliche Klagelaute. Wäre jetzt noch Nebel aufgekommen, hätte man die Szenerie vermutlich für eine Filmkulisse gehalten, wahlweise für „Der Hund von Segeberg“, „Graf Dracula und die Fledermausgrotte“ oder „Die drei Fragezeichen und das Geheimnis des Burgbrunnens“.

Da jedoch klare Sicht herrschte, blickte das Auge des Gesetzes ungetrübt und ging der Sache buchstäblich auf den Grund. Auf selbigem, exakt am Fuße des Brunnenschachts, hockte ein bereits arg geschwächter Jung-Uhu und blinzelte den Rettern entgegen, die ihn in einer mehrstündigen, konzertierten Aktion von Polizei, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk sowie Mitarbeitern des nahe gelegenen Fledermauszentrums Noctalis aus der misslichen Lage befreiten.

Das Medienecho war groß, aus ganz Deutschland kamen besorgte Anfragen nach dem Gesundheitszustand des Irrfliegers. Warum ist die Anteilnahme in diesem Fall so groß?

Wir sind täglich umzingelt von Missgeschicken aller Art. Aber diese Geschichte vom verzweifelten Uhukind im dunklen Brunnenschacht trifft uns direkt ins Herz, und das liegt nicht bloß daran, dass Uhus so köstlich verpeilte Schlafaugen machen oder den Kopf so weit nach hinten drehen können, dass sie beim Abbiegen niemals ahnungslose Radfahrer übersehen würden.

Saßen wir nicht alle mal fest in aussichtsloser Lage?

Wahrscheinlich trägt nahezu jeder Mensch in sich mindestens eine Erinnerung an die meist unvermeidbare frühkindliche Erfahrung, sich in eine schier aussichtslose Lage manövriert zu haben. In der man feststeckt, mutterseelenallein, im wahrsten Sinne des Wortes.

Eine Lage, in die man sich meist selbst gebracht hat. Irgendwo raufgeklettert, von wo man nicht mehr runterkommt. Hineingekrochen, wo man nicht mehr rauskommt. Runtergesprungen, reingefallen, abgestürzt. Selber schuld, und das tut dann noch zusätzlich weh, abgesehen vom Schmerz der Einsamkeit und Aussichtslosigkeit und eventueller physischen Blessuren.

Haben wir es überstanden, sperren wir die traumatische Erfahrung ins Geheimfach unserer Seele und vergessen den Öffnungscode. Dann kommt irgendwann so eine Geschichte wie die mit dem Segeberger Uhu und das Geheimfach springt auf. Wir leiden mit und nehmen Anteil. Und dass Menschen dazu in der Lage sind, ist vielleicht das Hoffnungsvollste, was man über unsere Spezies sagen kann. Am Mittwoch zeigte sich der Jung-Uhu übrigens bereits wieder gestärkt genug, um in die Freiheit entlassen zu werden. Happy End. Ich liebe diese Geschichte.

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