Norderstedt

Keine Party seit Monaten – Discos vor dem Aus

| Lesedauer: 6 Minuten
Annabell Behrmann und Christopher Herbst
Joy-Betreiber Joey Clausen aus Henstedt-Ulzburg machte 180.000 Euro Verlust. Aufgeben will er aber nicht – noch nicht.

Joy-Betreiber Joey Clausen aus Henstedt-Ulzburg machte 180.000 Euro Verlust. Aufgeben will er aber nicht – noch nicht.

Foto: Wolfgang Klietz

Während andere Branchen mit Corona-Beschränkungen wieder anlaufen, sehen Club-Betreiber noch nicht das Licht am Ende des Tunnels.

Norderstedt/Henstedt-Ulzburg.  Seit Mitte März herrscht wegen der Corona-Pandemie striktes Tanz- und Feierverbot in Deutschlands Diskotheken. Wann die Clubbesitzer ihre Läden wieder öffnen dürfen, ist ungewiss. Für sie stellt der Staat keinerlei Lockerungen in Aussicht. Die Krise trifft die Branche deswegen mit am härtesten. Das Abendblatt hat sich in der Region umgehört, wie es den Diskotheken hier geht, ob sie Alternativen planen – und wie lange sie diesen Zustand noch durchhalten können.

Corona zerstört, was in den Jahren zuvor aufgebaut wurde

Der Einschnitt für das Joy in Henstedt-Ulzburg ist brutal gewesen. „Ich habe ja schon viel in diesem Laden erlebt, aber so etwas? Das ist eine sehr spezielle Situation“, sagt Betreiber Joey Clausen. Die letzte Party war in der Nacht vom 13. auf den 14. März. Den Umsatzverlust seitdem beziffert Clausen auf „180.000 Euro brutto“. Die lukrativen Abipartys und weitere Abschlussfeiern von Schulen sind allesamt ausgefallen. „2020 hat fast alles kaputt gemacht, was wir in den Jahren zuvor aufgebaut hatten.“ Im Prinzip hat er die Diskothek nur retten können, weil er privat eine Immobilie verkauft hat und einen Teil des Erlöses in den Club steckte. Solange noch Geld da ist, wird dieses in eine Sanierung investiert. Die finanzielle Unterstützung über die Soforthilfe der Landesregierung musste er für die Miete ausgeben – eine Minderung hat er nicht bekommen.

Das Leben von Joey Clausen ist nun ein komplett anderes. Für „sechs bis acht Wochen“, sagt er, habe er versucht, sich Zeit zu nehmen, die er vorher nicht hatte. Eben für andere Dinge. Aber dann sei er „in ein Loch gefallen“. Der Frust ist groß. „Restaurants oder Fitnessstudios dürfen aufmachen, aber meine Branche bleibt liegen. Wir sitzen hier auf dem Trockenen.“ Immer wieder wird er von Freunden oder Stammgästen gefragt, ob es etwas Neues gebe. „Aber ich bekomme meine Infos auch nur von Dehoga oder aus den Nachrichten.“

Einige Male hat er über die Plattform Twitch Livesessions seiner Resident-DJs übertragen. „Aber das ist kein nachhaltiges Konzept. Die Leute sitzen nicht vor dem Computer oder vor dem Fernseher und feiern ab.“ Er selbst sei melancholisch geworden, als er und seine Freundin alleine im Joy auf dem Sofa saßen bei der Streaming-Party zum 15. Geburtstag des Clubs. „Das hat weh getan.“ Im Joy ist er der einzige Festangestellte. „Der Rest ist auf 450-Euro-Basis, dazu die Subdienstleister. Das sind rund 50 Leute, die regelmäßig mit dem Geschehen zu tun haben. Jeder hat eine eigene Intensität des Problems.“ Er berichtet von einem DJ, der sein Equipment verkaufen musste, um weiterhin Miete zahlen zu können. Andere würden an der Tankstelle jobben. „Viele DJs werden sich zweimal fragen, ob sie in der Branche bleiben oder etwas anderes machen.“

Theoretisch dürften 50 Besucher gleichzeitig im Joy sein, ansonsten wären es 600. Das rechnet sich nicht einmal ansatzweise. Ein „Inselkonzept“, also Freiluftevents mit voneinander getrennten Tischecken, ist derzeit nicht in Sicht. Auch, weil eine Unterstützung der Kommunen, also insbesondere Henstedt-Ulzburg und Kaltenkirchen, bisher ausbleibt. Und selbst, wenn etwas machbar wäre: „Zu sagen, wir riskieren viel Geld mit der Organisation, da stehen Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis.“ Sprich: Eine Open-Air-Party wäre bei Regenwetter ein Minusgeschäft.

Dann lieber das Jahr komplett abhaken. Clausen ist skeptisch, dass es, sollte irgendwann wieder ein weitestgehend normaler Betrieb gestattet sein, zu einem großen Run auf die Clubs kommt und viel Geld verdient werden kann. „Da gibt es keine Garantie.“ Sein Motto: „Stay strong und irgendwie versuchen, das Beste daraus zu machen – in der Hoffnung, dass die Leute irgendwann wiederkommen und sehen, dass wir nicht aufgegeben haben.“

Für den „Alptraum“ ist das Jahr ein einziger Albtraum

Auch Norderstedts einzige Diskothek Alptraum kämpft um ihre Existenz. Erst im vergangenen August hat Oliver Hinrichs den Laden am Herold-Center übernommen. Schritt für Schritt wollte er Neuerungen einführen, hatte bereits die Musik verändert, das Repertoire auf Black Music erweitert und das Alptraum zusätzlich freitags, statt nur sonnabends geöffnet. Doch seit Anfang März tanzt niemand mehr in der Disco.

„Nach so vielen Monaten pfeifen alle Diskotheken aus dem letzten Loch“, sagt Hinrichs. Die Soforthilfe vom Staat hat nicht einmal für eine Monatsmiete gereicht. Die Corona-Krise würden nur die Clubs überleben, meint der 54-Jährige, die vorher extrem viel Geld verdient hätten. „Die haben nämlich die Motivation weiterzumachen.“

Der Besitzer des Alptraums befindet sich derzeit in Verhandlungen mit dem Unternehmen ECE, dem Betreiber des Herold-Centers. „Die Verantwortlichen geben sich sehr viel Mühe und sind bereit, uns entgegenzukommen“, berichtet Hinrichs. ECE möchte verhindern, dass die Diskothek schließen muss. „Bis September ist alles geregelt, solange halten wir durch.“ Danach müsse man sehen, wie – und ob – es weitergeht.

Zwar könnte Hinrichs mit einer Sondergenehmigung den Raucherbereich der Disco zu einem Kneipenbetrieb umfunktionieren. „Aber das lohnt sich einfach nicht.“ Hinrichs möchte das Alptraum erst wieder öffnen, wenn es keine Beschränkungen mehr gibt. Wann das sein wird, steht in den Sternen. „Die Ungewissheit ist das Schlimmste.“

Im Norderstedter Music Star wird Betreiber Wolfgang Sedlatschek nach der Sommerpause wieder Auftritte von Künstlern aus dem Club streamen. Mehr ist auf absehbare Zeit nicht drin. „Viele Konzerte haben wir eins zu eins auf das nächste Jahr gelegt. Aber man kann nichts planen.“ Vorsichtig hofft er auf den November. Dann sind zwei Gigs von irischen Künstlern im Kalender – und auch noch nicht abgesagt. Doch viele der Sänger und Gruppen, die in Harksheide auftreten, kommen aus den USA. Und dort ist eine Entspannung der Lage nicht absehbar. Kein Musiker wird nach Europa kommen und hier erst einmal zwei Wochen in Quarantäne gehen.

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