Norderstedt

Wie die Integration malerisch gelingen kann

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Heike Linde-Lembke
Maha Ganji (14) kommt aus dem Iran, arbeitet gern mit Farben und will Architektur studieren.

Maha Ganji (14) kommt aus dem Iran, arbeitet gern mit Farben und will Architektur studieren.

Foto: Heike Linde-Lembke

Migrantenkinder nahmen in den Schulferien an einem Kunstprojekt des Zentrums für Deutsch als Zweitsprache teil – auch um Deutsch zu lernen.

Norderstedt.  Aiesha Naseeri liebt das Malen, und dafür geht die Zwölfjährige auch in den Sommerferien freiwillig zur Schule. So ganz nebenbei vertiefte sie im Malkursus bei Liljana Zerjav-Ahlert ihre Deutsch-Kenntnisse. Vom 20. bis zum 30. Juli lud das Zentrum für Deutsch als Zweitsprache (DaZ-Zentrum) seine Schülerinnen und Schüler in die ehemalige Horst-Embacher-Schule am Aurikelstieg zum „Lernsommer Schleswig-Holstein“ ein, und mit 28 von etwa 40 Schülerinnen und Schülern des DaZ-Zentrums haben mehr als 40 Prozent das Angebot angenommen. Zum Vergleich: Bei ähnlichen Angeboten in Schleswig-Holstein waren es acht Prozent.

Mit dem Lernsommer soll die sprachliche Kompetenz in Deutsch und im sozialen Miteinander gefördert werden. Außerdem soll die kulturelle Bildung und die der einzelnen Persönlichkeiten durch Erfolgserlebnisse gestärkt werden, um die Integration in Schule und Gesellschaft zu erleichtern. Sozial-Pädagogin Renate Teuchert hat die Kurse mit der Gymnasiastin Aleyna Cevikol als Sozial-Trainerin begleitet, und beispielsweise angeleitet, Gefühle und Befindlichkeiten auf Deutsch auszudrücken. „Die Schülerinnen und Schüler hatten durch die Corona-Krise und die Sommerferien 13 Wochen lang keinen Unterricht, und viele haben viel von ihrem deutschen Wortschatz verloren, weil sie überwiegend in ihren Familien leben“, sagte Liljana Zerjav-Ahlert, die die Kurse im DaZ-Zentrum seit 2016 als Kunst-Lehrerin begleitet und sich auch im Norderstedter Kulturverein Malimu für Immigranten engagiert.

Sie gab die Kurse „Collage – Wir schneiden, kleben, verbinden und malen die eigene Geschichte“, „Ich male ein Bild“ nach einer Vorlage auf Leinwand und „Ich male ein Gesicht“, um die Proportionen eines Gesichts zu erfahren. Hintergrund aller Kurse aber war das Arbeiten miteinander, soziales Engagement, das Weiterbilden in Deutsch, das Aufarbeiten der eigenen Geschichte und Sehnsüchte mit dem Mitteln der Malerei und die Gleichberechtigung aller Menschen, egal welcher Herkunft.

Auch ein Besuch in der Hamburger Kunsthalle gehörte zum DaZ-Lernsommer. „Ich finde es großartig, was die Jugendlichen im Lernsommer geleistet haben“, lobt Liljana Zerjav-Ahlert ihre Schülerinnen und Schüler. Aiesha setzte sich in ihrem Hauptbild von hinten in Szene und guckt dabei auf mehreren Staffeleien mit ihren eigenen Bildern. Dabei hat die Zwölfjährige durchaus eine schlüssige Perspektive und Raumgestaltung erfasst. Sie kam vor sieben Monaten mit ihrer Mutter, ihrer Schwester Zainap und ihrem Bruder Ali Sina aus Afghanistan nach Deutschland.

„In Afghanistan herrscht Krieg, und wir können dort nicht mehr zur Schule gehen“, sagte das Mädchen traurig. Aiesha möchte Rechtsanwältin werden, ihre Schwester Ärztin, und ihr Bruder möchte in die Wirtschaft gehen. Der 14-Jährige arbeitete eine Collage mit einem großen, gemalten Fahrrad in der Mitte und arrangierte drumherum aus Zeitschriften ausgeschnittene Fahrrad-Fotos. Satte, pastos aufgebrachte freie Farblinien geben dem Bild Bewegung.

Die Schülerinnen und Schüler des DaZ-Zentrums kommen aus aller Welt nach Norderstedt, von Afghanistan über Brasilien, Italien, Polen bis Türkei. Maha Ganji kommt aus Mashat im Iran und lebt seit einem Jahr mit ihrer Familie in Norderstedt. Die 14-Jährige zeichnet gern und hat im Lernsommer nicht nur den Kursus Malerei besucht, sondern auch die Filmwerkstatt des Filmers Marco Giese. „Ich habe während der Corona-Zeit und der Sommerferien 20 Prozent meines Deutsch vergessen, das muss ich wieder aufholen“, sagt die Jugendliche. Sie will studieren und Architektin werden. Das Leben in Deutschland gefällt ihr, gleichwohl sie Familienmitglieder und Freunde vermisst, die im Iran geblieben sind. Marco Giese setzte mit der Filmwerkstatt einen zweiten Schwerpunkt des Lernsommers. Er bot drei Kurse für Anfänger mit sehr geringen Deutsch-Kenntnissen, für Schüler mit geringen Deutschkenntnissen und für Fortgeschrittene an mit dem Ziel, in Gesprächsübungen und mit Selbst-Reflektion das Deutsch-Sprechen zu verbessern. Mit der ersten Gruppe erarbeitete er kleine Hörspiele mit verteilten Rollen, nahm sie auf und diskutierte das Gesprochene mit den Schülern beim Abhören der Aufnahmen. Gruppe 2 interviewte sich auf Deutsch gegenseitig nach vorher konzipierten Fragen-Abläufen, Gruppe 3 ging mit Filmkamera und Mikrofon ins Herold-Center, interviewte Passanten zur Corona-Krise und stellte ein Video zusammen.

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