Kreis Segeberg

Tangstedter wollen ihre Tempo-30-Schilder zurück

| Lesedauer: 7 Minuten
Jörg Riefenstahl
Früher Tempo 30, jetzt Tempo 100: Anwohner am Fahrenhorster Weg in Tangstedt fordern das alte Tempolimit auf der Strecke zwischen Tangstedt und der B 432.

Früher Tempo 30, jetzt Tempo 100: Anwohner am Fahrenhorster Weg in Tangstedt fordern das alte Tempolimit auf der Strecke zwischen Tangstedt und der B 432.

Foto: Jörg Riefenstahl

Auf dem schmalen Fahrenhorster Weg dürfen Autofahrer jetzt wieder richtig Gas geben. Anwohner kämpfen gegen die Aufhebung des alten Tempolimits.

Tangstedt.  Im Tangstedter Ortsteil Fahrenhorst ist es mit der ländlichen Ruhe vorbei. Seit die Verkehrsbehörde im August 2019 die Tempo-30-Schilder am Fahrenhorster Weg entfernt hat, herrscht Aufregung bei den Anwohnerinnen und Anwohnern der Ortschaft. Denn auf dem schmalen Weg zwischen Tangstedt und der B 432 mit seinen unbefestigten Randstreifen gilt jetzt außerorts statt 30 plötzlich Tempo 100, in Fahrenhorst Tempo 50 statt 30. Viel zu schnell und gefährlich, sagen die Anwohner. Sie wollen ihre Tempo-30-Schilder zurück. Doch die Verkehrsbehörden zeigen den Dorfbewohnern die kalte Schulter.

Ortstermin auf Hof Schack am Fahrenhorster Weg. Anwohner und Nachbarn haben sich auf dem Bauernhof versammelt. Seit Längerem machen sich die Fahrenhorster gemeinsam für Tempo 30 stark. Eine S-Kurve teilt den Hof. Die Straße führt weiter durch die Alsterniederung. Radfahrer und Familien mit Kindern suchen hier Abgeschiedenheit und Erholung in dem 900 Hektar großen Naturschutzgebiet Oberalsterniederung.

Doch seit die Landesstraße 75 zwischen Wakendorf II und der Ortsdurchfahrt Nahe von 2016 an saniert wurde, nahm der Autoverkehr auf dem Fahrenhorster Weg stark zu. Auto- und Lkw-Fahrer entdeckten den Weg als willkommene Abkürzung zur offiziellen Umleitungsstrecke.

Auf der nur drei Meter breiten Fahrbahn wurde es daraufhin eng. Autos landeten im Graben, an Bäumen, an Telefonmasten. Die Verkehrsbehörden reagierten. Fortan galt Tempo 30. Anwohner und Ausflügler zeigten sich zufrieden. Doch als die Bauarbeiten 2019 beendet waren, wurden die Tempo-30-Schilder wieder abgebaut. Nun kommt es immer wieder zu brenzligen Situationen.

Radfahrer werden bedrängt, Bauern leben gefährlich

,,Meine Frau ist gestürzt, als sie einem Auto ausweichen musste“, sagt Anwohner Burkhard Kelting. ,,Wenn ich hier mit meinem Pferd unterwegs bin, ist es kein Spaß, wenn rücksichtslose Autofahrer mit Tempo 50 an einem vorbeifahren und dann auch noch auf die Tube drücken“, sagt Carolin Golin. ,,Vor Kurzem musste eine Autofahrerin voll in die Eisen gehen und auf Schrittgeschwindigkeit runterbremsen, um nicht mit mir zu kollidieren“, berichtet Landwirtin Eileen Kelting-Schack. Mehrmals am Tag wuchtet sie das Milchtaxi über die Hofüberfahrt, um die Kälber auf der anderen Straßenseite mit frischer Milch zu versorgen. Das ist gefährlich, denn die Kurve ist nicht einsehbar. Auch für Autofahrer wird es manchmal eng, wenn Landwirt Marco Schack mit Trecker und Futterwagen plötzlich quer vor ihnen auf der Hofüberfahrt steht.

Jürgen Hentschke, Vorsitzender des ADFC Stormarn, fährt hier ebenfalls regelmäßig entlang. ,,Generell ist es ein asphaltierter Wirtschaftsweg“, sagt Hentschke. „Radfahrer könnten auf der drei Meter breiten Fahrbahn eigentlich gar nicht überholt werden – sofern Autofahrer das Abstandsgebot von zwei Metern beim Überholen der Räder beachten.“ Doch nach Hentschkes Beobachtungen halten sich die wenigsten daran. Am Liebsten wäre es ihm, wenn auf dem Streckenabschnitt nur noch Anlieger fahren dürften. ,,Die Strecke ist vom Kreis als Ferienfreizeitroute ausgewiesen. Ich wünsche mir hier Tempo 30 oder eine Fahrradstraße. Mindestens aber ein Überholverbot für Autos von einspurigen Fahrzeugen.“ Dass sich der Wunsch des ADFC-Vorsitzenden erfüllt, erscheint indes eher unwahrscheinlich. In der Kieler Behörde stützt man sich auf die Straßenverkehrsordnung. ,,Der Fahrenhorster Weg befindet sich außerhalb der geschlossenen Ortschaft. Hierfür gilt die gesetzlich zulässige Geschwindigkeit für Pkw und Krafträder bis 100 km/h“, teilte Torsten Conradt, Direktor des Landesbetriebs Straßenbau und Verkehr, dem Abendblatt auf Anfrage mit. Die Situation sei mehrfach von der Straßenverkehrsbehörde (Kreis Stormarn) gemeinsam mit der Polizei und dem Straßenbau in Augenschein genommen worden. Conradt: ,,Sie unterscheidet sich nicht von anderen schmalen Landstraßen.“

Der Autofahrer darf 100 km/h fahren – wenn er kann

Die örtlichen Gegebenheiten wie schmale Fahrbahn und fehlende Gehwege seien ,,für jedermann eindeutig erkennbar“, sagt der Amtsdirektor. ,,Der Verkehrsteilnehmer ist bereits gesetzlich dazu angehalten, nur so schnell zu fahren, dass das Fahrzeug stetig beherrscht wird. Die Geschwindigkeit ist insbesondere den Straßen, Verkehrs-, Sicht- und Wetterverhältnissen sowie den persönlichen Fähigkeiten und den Eigenschaften von Fahrzeugen und Ladung anzupassen.“ Aber halten sich die Autofahrer auch daran?

Am Ortsausgang von Fahrenhorst ist Tempo 50 aufgehoben, also wird Gas gegeben. ,,Ein Blick auf das Navi, und die Autofahrer glauben, dass man hier Tempo 100 fahren kann“, sagt Anwohner Dirk Möller. Bei Gegenverkehr wird scharf gebremst – zur Not schon mal auf der unbefestigten Bankette. Die sei in innerhalb kurzer Zeit gleich dreimal für jeweils 12.000 Euro instand gesetzt worden, berichtet Möller. 39.000 Autos in sechs Wochen habe man während der Bauphase auf dem Fahrenhorster Weg gezählt. Vom Kreis Stormarn ist für die Fahrenhorster keine Unterstützung für ihr Anliegen zu erwarten: Die Verkehrsbehörde wies selbst einen Widerspruch des Anwohners Möller gegen Tempo 50 innerorts am Fahrenhorster Weg ab, da sie ,,keine Gefährdung“ sieht. ,,Eine Durchfahrtsregelung und Tempolimit, wie es sich die Anwohner wünschen ist leider nicht möglich“, sagte Landrat Hennig Görtz. ,,Die Autofahrer müssen ihre Fahrweise den örtlichen Gegebenheiten anpassen.“ Möller reicht das nicht. „Wir werden auf den Widerspruch auf höherer Ebene eingehen.“

Schon 2011 galt Tempo 30 am Fahrenhorster Weg

Schon früher galt auf dem Fahrenhorster Weg Tempo 30. Landwirt Marco Schack zeigt sein Hochzeitsfoto mit Frau Eileen von 2011: Das Tempo-30-Schild ist gut zu sehen. Tangstedts Bürgermeister Jürgen Lamp (CDU) kann die Sorgen und Nöte der Bürger verstehen. Er würde gern helfen, komme in der Sache aber nicht voran. ,,An der rechtlichen Lage komme ich nicht vorbei.“

Um die Situation zu entschärfen, halte er eine Fahrradstraße für sinnvoll, auf der auch motorisierte Fahrzeuge fahren dürfen, sagt Stefan Mauel, Fraktionschef der Grünen in Tangstedt. Der Fahrenhorster Weg sei als touristischer Radweg ausgewiesen. Er werde sich auf Gemeindeebene dafür einsetzen, dass die Straße in das Radwegekonzept für Tangstedt einbezogen wird, das gerade erarbeitet wird. Doch das kann dauern.

Der Idee einer Fahrradstraße will sich der LBV-Chef Conradt nicht ganz verschließen, bekräftigt aber, dass Voraussetzung dafür sei, dass der Radverkehr die vorherrschende Verkehrsart sein müsse oder dies dort alsbald werde.

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