Norderstedt

Gefängnisalltag zum Anfassen

| Lesedauer: 4 Minuten
Annabell Behrmann
Klaus Neuenhüsges führt durch die Hamburger Gefängnisgeschichte.

Klaus Neuenhüsges führt durch die Hamburger Gefängnisgeschichte.

Foto: Annabell Behrmann

Im frisch renovierten Museum der JVA Glasmoor liegen Exponate aus allen Jahrhunderten des Justizvollzuges.

Norderstedt.  Klaus Neuenhüsges zeigt auf einen alten Holzstuhl, auf dem Ledermanschetten liegen. „Hier wurden Terroristen fixiert und zwangsernährt“, erklärt der 68-Jährige. Auf diese Weise seien damals, in den 70er-Jahren, inhaftierte Terroristen der Roten Armee Fraktion künstlich am Leben gehalten worden. „Sie traten in den Hungerstreik, um den Staat zu erpressen“, erzählt Neuenhüsges weiter. „Mit sechs, sieben Leuten mussten sie festgebunden werden.“

Den „Terroristenstuhl“, wie er genannt wird, können sich Besucher im Gefängnismuseum am Glasmoor in Norderstedt anschauen. Das Exponat ist nur eines von vielen Überbleibseln aus der Hamburger Gefängnisgeschichte.

Auf dem Dachboden eines ehemaligen Beamtenhauses der Justizvollzugsanstalt Glasmoor hat einst Peter Zimmermann leidenschaftlich Gegenstände aus Hamburgs Gefängnissen gesammelt. Darunter befanden sich auch Stücke aus dem Mittelalter – eine Fußfessel, eine Eisenkugel und ein Fesselblock. Das älteste Exponat ist auf das Jahr 1270 datiert. Allerdings hatte Zimmermann nur wenig dokumentiert. Als er 2015 verstarb, dauerte es rund drei Jahre, bis Klaus Neuenhüsges die Exponate sortiert und zugeordnet hatte. „Ich bin gefragt worden, ob ich Lust hätte, ein Museum zu leiten“, erinnert sich Neuenhüsges. Da habe er zugesagt. „Und plötzlich war ich Gefängnishistoriker.“

Ursprünglich arbeitete der studierte Sozialpädagoge zehn Jahre lang als Abteilungsleiter in der JVA Glasmoor und unterstützte die Gefangenen während ihrer Haft. Später wurde er Vorsitzender des Landesverbandes Hamburgischer Strafvollzugsbediensteter (LVHS). Nun ist er Museumsleiter. Der Strafvollzug hat ihn nie losgelassen. „Das nennt man wohl lebenslänglich mit anschließender Sicherheitsverwahrung“, scherzt Neuenhüsges.

Zwei Stundenten haben Dachboden gestaltet

Der alte Dachboden ist inzwischen renoviert worden. Zwei Studenten der Hochschule für bildende Künste Hamburg haben das Museum architektonisch gestaltet. Die Exponate befinden sich in mehreren offenen Regalen. Man kann sie fast alle anfassen. „Das macht das Erlebnis noch lebendiger“, sagt Neuenhüsges. An keinem Exponat befinden sich Schilder mit Erklärungen – die Geschichte zu ihnen erzählt der Norderstedter.

Seit Anfang Januar hat das Gefängnismuseum in seinem neuen Gewand geöffnet. Während der Corona-Pandemie musste es zunächst pausieren. Seit etwa einem Monat läuft der Betrieb wieder. Neuenhüsges führt Gruppen von maximal vier Personen durch die Ausstellung. Hinter einer Glasscheibe liegt eine Totenmaske aus Gips. Nachdem die Nationalsozialisten einen zum Tode verurteilten Häftling hingerichtet hatten, fertigten sie von seinem Gesicht so eine Maske an. Das Ausstellungsstück gehörte Heinrich Janys. Er hatte einen Straßenraub begangen und wurde nur 23 Jahre alt. Weil die Nazis herausfinden wollten, ob man das Böse schon am Äußeren eines Menschen erkennen konnte, stellten sie diese Masken her. „Sie haben sie zur Schau gestellt wie Trophäen“, sagt Neuenhüsges und verzieht das Gesicht.

Zwei Stunden dauert die Führung

In einem weiteren Regal sind Messer, Gabeln, Nägel, Scheren und Glasscherben ausgestellt. „Gefangene haben sie verschluckt, um auf die Krankenstation verlegt zu werden“, erklärt Neuenhüsges. Wie kreativ einige Häftlinge waren, demonstrieren Exponate wie diese: Aus einem Kugelschreiber und einem Löffel bastelten sie etwa Tätowiergeräte. Sogar eine Destilliermaschine, ein Roulettespiel und ein Radio bauten sie sich selbst aus vorhandenen Materialien. In ausgehöhlten Büchern oder Schuhsohlen versteckten sie Handys und spitze Gegenstände. „Not macht erfinderisch“, sagt Neuenhüsges und schmunzelt. Zu seinen Lieblingsstücken im Museum gehört eine alte Zelltür. Sie hat noch eine Klappe. So reichten Wärter den Gefangenen früher das Essen.

Zum Abschluss der gut zweistündigen Führung schmeißt der Museumsleiter noch einen Film aus dem Jahr 1970 an. Dieser zeigt den Ablauf einer Haft in der JVA Glasmoor von der Aufnahme bis zur Entlassung. Neuenhüsges hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit Vorurteilen aufzuräumen und den Menschen zu zeigen, was wirklich hinter den Mauern einer Justizvollzugsanstalt passiert. „Viele haben ein völlig falsches Bild“, sagt er. Neuenhüsges gibt sowohl den Inhaftierten als auch den Bediensteten ein Gesicht. Ihre Schicksale werden im Museum greifbar. Das ist nun sein Job. „Dass ich einmal Gefängnishistoriker sein würde, hätte ich mir auch nie erträumen lassen.“

Gefängnismuseum der JVA Glasmoor, Am Glasmoor 99 in Norderstedt, Besuch nach Terminvereinbarung bei Klaus Neuenhüsges unter 0170/35 90 555. Führungen von montags bis sonntags. Die maximale Gruppengröße beträgt vier Personen. Der Eintritt ist frei.

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