Kreis Segeberg

Die Grashüpfer unter den Feuerwehren in der Region

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Wolfgang Glombik
Die Bad Segeberger Feuerwehr zeigte 1888 stolz ihre neue Uniform. Vorher war ihre alte „Grashüpfer“-Kluft genannt worden.

Die Bad Segeberger Feuerwehr zeigte 1888 stolz ihre neue Uniform. Vorher war ihre alte „Grashüpfer“-Kluft genannt worden.

Foto: Kalkberg Archiv

Zufallsfund im Kalkberg-Archiv: Eine launige Festschrift zum 20. Provinzial-Feuerwehrtag von 1910 voller ulkiger Anekdoten

Bad Segeberg.  Hätten Sie geahnt, dass die Segeberger Feuerwehrleute wegen ihrer lustigen Uniformen noch Mitte des 19. Jahrhunderts als Grashüpfer, besser „Heispringer“, verspottet wurden? Die Brandschützer trugen damals bis in die 80er-Jahre des 19. Jahrhunderts hinein weiße Drillichröcke mit dunklen Hosen und schwarzen Helmen. Die Helme schmückten gelbe Messingbänder – wie Fühler eines Grashüpfers. Die weiße Oberbekleidung war schwer zu reinigen und schimmerte grünlich.

Die Feuerwehr wurde wegen ihrer Uniform verspottet

Kein Wehrmitglied mochte sich schließlich wegen der Hänseleien der Segeberger Jugend in Uniform auf der Straße zeigen. Jede Übung wurde geheim gehalten. Bei einer Wagenfahrt zu einem Feuerwehrfest in Neumünster zogen die Männer erst ihre peinlichen Uniformen an, als sie Bad Segeberg verlassen hatten. Acht Jahre später wurden Segebergs Feuerwehrmänner erlöst – durch graue Uniform-Röcke. Erst später kamen die einheitlichen „Blauröcke“.

Das ist nur eine kleine Geschichte aus einem 110 Jahre alten Heft, das Hans-Werner Baurycza vom Kalkbergarchiv entdeckt hat, einer Festschrift zum 20. Provinzial-Feuerwehrtag 1910. Es sind wahre Geschichten über Segebergs Feuerwehr im 19. Jahrhundert, die Einblicke geben über Ausrüstung und Stellenwert der Brandbekämpfer bis 1910. Damals startete im Juni in Segeberg der große Feuerwehrtag, zu dem diese „Festschrift“ erschien.

Der Autor von damals, Redakteur Wilhelm Peters, nahm kein Blatt vor den Mund: Feuerwehrchef und Hauptmann Schulze wurde veräppelt, weil er das „st“ nicht wie im Niederdeutschen üblich scharf aussprach, sondern statt Stein „Schtein“ sagte. Damals galt das als „unsagbar komisch“. Anekdoten gibt es reichlich in dem Heftchen. So wird erzählt, wie die disziplinierten Feuerwehrleute um 1877 im Laufschritt übten und Hauptmann Schulze, ein alter 48er, vergaß, mit einem „Halt“ die Übung zu beenden.

Jeder „brauchbare Einwohner“ musste zur Wehr

„Man lief und lief, über Wege und Stege, über Zäune und Hecken, die Chaussee entlang bis hinein in den Krug zum Trichter.“ Dort wurden die Männer von ihrem erbosten Chef erwischt, als sie ein Bierchen zischten. „Als der Herr Hauptmann endlich keuchend und fluchend auf der Bildfläche erschien, da hatten die braven Feuerwehrleute den ersten Durst bereits hinabgespült“, schrieb der Chronist.

Damals gab es neben der Freiwilligen Feuerwehr auch noch eine Zwangswehr. Man wetteiferte noch bis Ende des 19. Jahrhunderts darum, wer bei Ausbruch des Brandes als erste mit der Spritze an der Brandstelle erschien, um in den Besitz der damals üblichen Prämie zu gelangen. In der Regel waren aber die freiwilligen Helfer schneller am Ort. Erst 1899 war Schluss mit dem Chaos im Löschwesen. Nach der neuen Löschordnung war jeder „brauchbare Einwohner“ ohne Ansehen der Person vom 25. bis zum 50. Lebensjahr der Zwangswehr zugeteilt und dem Kommando des Hauptmanns der Freiwilligen Wehr unterstellt.

Als der „Schleiferfritz“ plötzlich tot umfiel

Eine tragische Episode ist der Tod des Hornisten Henniges, der als der pflichteifrigste Feuerwehrmann auch „Schleiferfritz“ genannt wurde. Er hatte die Aufgabe, mit dem Horn die Feuerwehrmänner zu alarmieren. Nun kam mit dem Feuerlöschdirektor 1894 in Segeberg überraschend ein hohes Tier vorbei. Die Feuerwehrmänner sollten sich zeigen. Innerhalb weniger Minuten hatte Henniges in mehreren Straßen den Signalruf ertönen lassen. „Nun lief er in vollem Trabe die Hamburger Straße entlang.“

Landrat Graf Platen, der den eifrigen Mann vom Garten aus beobachtet hatte, rief ihm noch zu: „Henniges, Henniges laufen Sie doch nicht so! Das können Sie ja unmöglich gutmachen!“ Aber Henniges hörte nicht auf und lief keuchend weiter – bis er bei der Gastwirtschaft „Unter den Linden“ (heute ist dort Fliesen-Behncke, weiß Chronist Hans-Werner Baurycza) an der Hamburger Straße tot zusammenbrach. Der 45-Jährige hatte einen Herzschlag erlitten.

„Feuer“ in der Marienkirche löste Großeinsatz aus

Für „gewaltige Aufregung“ hatte im Mai 1906 das Gerücht gesorgt, dass der Turm der Segeberger Marienkirche in Brand stehe. „Die Feuerhörner hallten durch die Straßen – die ganze Einwohnerschaft war auf den Beinen und schaute mit stummen Entsetzen zum Kirchturm hinauf, aus dem dicker, bläulicher Rauch zum Himmel emporquoll.“ Merkwürdigerweise waren aber keine Flammen zu sehen.

„Mehrere Männer stürzten todesmutig mit ein paar Eimern Wasser die Treppe hinauf, um die Ursache des Feuers zu ergründen“, heißt es in der Chronik. Wenige später waren das Gelächter und die Erleichterung groß. Der dicke, bläuliche Rauch am Turm war nichts weiter als „ein riesiger auf- und niederwogender Mückenschwarm“ gewesen. Die Täuschung soll nach Aussagen von Augenzeugen „frappierend“ gewesen sein.

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