Norderstedt

Digitalisierung überfordert die Ärzte in der Region

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Michael Schick
Ein Arzt hält in einem Behandlungszimmer in seiner Praxis ein Stethoskop in der Hand, mit der anderen Hand bedient er eine Computertastatur (Symbolbild).

Ein Arzt hält in einem Behandlungszimmer in seiner Praxis ein Stethoskop in der Hand, mit der anderen Hand bedient er eine Computertastatur (Symbolbild).

Foto: Marijan Murat / dpa

Digitale Patientenakte, elektronisches Rezept – Die Praxen im Kreis Segeberg ächzen unter den rigiden Vorgaben der Regierung und schlagen Alarm.

Norderstedt.  „In unseren Praxen rumort es. Viele Kollegen sind verunsichert und ärgern sich über das rigide Vorgehen, mit dem der Minister die Digitalisierung jetzt vorantreiben will“, sagt Dr. Svante Gehring, Sprecher der Ärztegenossenschaft Nord und Hausarzt in Norderstedt.

So sehe der Zeitplan von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor, dass die digitale Kommunikation im Gesundheitswesen (KIM) bis Ende des Jahres steht. Alle Akteure sollen über eine Plattform kommunizieren können: niedergelassene Mediziner, Kliniken, Pflegedienste, Physiotherapeuten und andere, die im Gesundheitsbereich arbeiten. Auch die digitale Patientenakte, elektronisches Rezept, elektronische Arbeitsunfähigkeit und elektronische Überweisung sollen möglichst schnell Realität werden. Bisher gebe es ein solches Netzwerk nur für niedergelassene Ärzte.

„Wir begrüßen die Initiative grundsätzlich, denn Deutschland hat die Digitalisierung im Gesundheitsbereich verschlafen und hinkt im europäischen Vergleich deutlich hinterher. Aber mit dem engen Zeitrahmen sind die Projekte nicht realisierbar“, sagt Thomas Rampoldt, Geschäftsführer der Ärztegenossenschaft Nord. Es fehlten Anreize, die Mediziner könnten keine Vorteile für ihre Arbeit sehen. Stattdessen drohten Honorarabzüge und zulassungsrechtliche Konsequenzen, wenn die Vorgaben nicht umgesetzt würden.

Gerade erst hätten viele Ärzte einen Ausfall der Technik hinnehmen müssen und bleiben eventuell auf den Kosten für die Reparaturen sitzen. Wenn es schon jetzt nicht sicher klappe, dass die Gesundheitskarten eingelesen und die Patientendaten mit den Krankenkassen abgeglichen werden, wie sollen dann deutlich weitergehende Modernisierungen verlässlich funktionieren, fragt sich Gehring.

Die Corona-Krise hat die Einnahmen geschmälert

Es seien noch viele Fragen offen, vor allem, was die Datensicherheit angeht. Wenn sich alle in einem übergreifenden elektronischen Netzwerk tummeln, könnten Hacker sensible Patientendaten abgreifen. Zudem kämen auf die Mediziner enorme Kosten zu. „Wenn wir die Vorgaben der Sicherheitsrichtlinie erfüllen wollen, kämen auf jede Praxis Ausgaben in Höhe von mehreren 10.000 Euro zu“, sagt der Sprecher der Ärztegenossenschaft -- Geld, das er und viele seiner Kollegen nicht hätten, weil die Corona-Krise die Einnahmen geschmälert habe.

Erst seien die Patienten weggeblieben, jetzt gebe es einen enormen Andrang. Außerdem rolle im Herbst die nächste Grippewelle auf die Hausärzte zu. „Das wird die Abläufe in den Praxen zusätzlich belasten“, sagt Gehring. Da sei es eine Zumutung, dass sich die Ärzte jetzt auch noch technischen Zwängen widmen müssten, deren Umsetzung und Vorteile fragwürdig seien.

Die Ärztegenossenschaft wehrt sich gegen „das Diktat aus dem Bundesgesundheitsministerium“, fordert mehr Zeit und Mitsprache. „Unsere Organisation und unsere Mitglieder wollen sinnvolle und hilfreiche Schritte der Digitalisierung mitgestalten, aber erzwungene und fragwürdige Vorgaben müssen von der Selbstverwaltung abgewehrt werden“, sagt Klaus Bittmann, Vorstand der Ärztegenossenschaft Nord und ehemaliger Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung in Schleswig-Holstein.

Die Ärztegenossenschaft verstehe es nur zu gut, dass etliche Kassenärztliche Vereinigungen (KV) nun den Aufstand gegen die Bundesvereinigung (KBV) proben. Der Dachverband habe zu lange diese Entwicklung mitgetragen. Es gebe einen Punkt, da erwarte die Ärzteschaft von „ihrer“ KBV – bei aller Bereitschaft für digitalen Fortschritt – die Abwehr des „staatlichen Dirigismus“. Die KBV habe nun auch reagiert und zeige endlich Bereitschaft, im Interesse der Praxen dem Diktat aus dem Bundesgesundheitsministerium zu widersprechen. Wenn jetzt das Ministerium mit Ersatzvornahme drohe, sollte sich die KBV nicht einschüchtern lassen, sagt Svante Gehring. „Bei aufrechter Haltung wird die Ärzteschaft mit ihren KVen zu einer streitbaren KBV stehen.“

Die Ärztegenossenschaft Nord (äg Nord) mit Sitz in Bad Segeberg vertritt die Interessen von etwa 1800 Ärzten und Psychotherapeuten aus Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein.

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