Kreis Segeberg

Praxistest – Radfahrer begrüßen Abstandsregel

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Christopher Herbst
Die ADFC-Ortsgruppe verdeutlicht auf der Rathausallee, wie eng es auf den Norderstedter Straßen manchmal werden kann.

Die ADFC-Ortsgruppe verdeutlicht auf der Rathausallee, wie eng es auf den Norderstedter Straßen manchmal werden kann.

Foto: Christopher Herbst

Mindestens 1,50 Meter Abstand beim Überholen: Der ADFC Norderstedt zeigt in einem Praxistest, wie das in der Stadt funktionieren kann.

Norderstedt. Einen Abstand von (mindestens) 1,5 Metern untereinander zu halten, das haben die weitaus meisten Menschen im Zuge der Corona-Verhaltensregeln längst verinnerlicht. Doch auch auf der Straße, und zwar zwischen Radfahrern und Kraftfahrzeugen, soll das bei Überholvorgängen in Zukunft Gesetz sein. Außerorts geht es sogar um zwei Meter Puffer. Das besagt die Novelle der Straßenverkehrsordnung – die neuen Regeln sind zwar wegen eines Formfehlers und eines Streits zwischen Bundesverkehrs- und Justizministerium bis auf Weiteres außer Kraft (das Abendblatt berichtete). Doch irgendwann wird die StVO amtlich sein.

Die Norderstedter ADFC-Ortsgruppe hat nun schon einmal im Stadtgebiet den Praxistest gemacht. Hier sind die Hauptstraßen in den vergangenen Jahren immer voller geworden. Doch meistens ist es Radfahrern gestattet, sich auch auf der Fahrbahn fortzubewegen und nicht auf einem Radweg. Teils gibt es optisch separierte Radstreifen, auf der Ulzburger Straße im Bereich „Meilenstein“ den sogenannten Shared-Space, also den „gemeinsamen Raum“. Aber meistens müssen sich die Verkehrsteilnehmer arrangieren.

„1,50 Meter sind eine ziemlich große Länge. Rechtlich muss der Autofahrer auf die Gegenfahrbahn, um zu überholen, alles andere wäre verboten“, sagt ADFC-Sprecher Michael Artmann. Mit Poolnudeln in Blau und Orange, befestigt am Gepäckträger, wird der Schutzbereich auch optisch gezogen. Die Rathausallee in Norderstedt-Mitte ist ein guter Indikator dafür, wie eng die Fahrbahn dann werden kann. „Hier auf der Rathausallee ist auch viel Fußverkehr, hier ist der Markt, da macht es Sinn, den Autoverkehr ein bisschen zurückzudrängen. Als Durchfahrtsstraße ist die Rathausallee nicht notwendig.“ Es geht eben immer auch um die Grundsatzfrage, wem der öffentliche Raum gehört.

In diesem Fall zeigen schon die ersten Meter im dichten Feierabendverkehr: Ein breiteres Auto, etwa ein SUV, kann sich, sofern der gebotene Abstand nicht unterschritten werden soll, nicht mehr vorbeischlängeln. Erst recht kein Lkw, Transporter oder Linienbus. „Meistens gibt es aber Möglichkeiten zum Überholen. Aber eben nicht sofort. Und es hängt auch vom Gegenverkehr ab“, so Artmann, der jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit nach Niendorf und wieder nach Hause fährt – das sind zusammengerechnet 35 Kilometer. Zur Genüge hat der ADFC-Aktivist im Alltag heikle Situationen erlebt, etwa Überholmanöver beinahe auf Tuchfühlung mit 50 Zentimeter Abstand. „Das ist gefährlich.“ In Berlin habe es einmal eine Untersuchung gegeben mit Abstandssensoren in den Radtaschen. „Dort wurde herausgefunden, dass sich etwas mehr als zwei Drittel nicht an den Abstand halten.“ Als Radfahrer brauche man eine gewisse „Frustrationstoleranz“, sagt er. „Oder man gibt die Energie in die Aktivitäten beim ADFC – und ändert die Verhältnisse.“

In Norderstedt habe sich grundsätzlich einiges getan. „Die Stadt macht mehr als andere Kommunen.“ In der Arbeitsgruppe Radverkehr sitzt der ADFC mit am Tisch. „Noch ist Norderstedt eine Autostadt, obwohl der Fahrradverkehr viel zugenommen hat. Das müsste man jetzt auch im Verkehrsbild sehen – also, dass Autos zurückgedrängt werden.“

Ein Positivbeispiel sind aus ADFC-Sicht die Radstreifen auf den Straßen. „Die Autofahrer haben gelernt, Rücksicht zu nehmen. Es dauert eine Weile, bis sich Auto- und Radfahrer daran gewöhnen, aber es bringt mehr Verständnis untereinander, weil sich beide auf der Straße sehen und sich beachten können.“ Das traf auch auf die „Poolnudel“-Aktion zu. „Wir wurden mit dem gebührenden Abstand überholt, und auch nur, wenn es möglich war“, sagte Michael Artmann anschließend. „Die Aktion hat gezeigt, wie eng es manchmal auf den Straßen ist. Da hilft nur, sich gegenseitig zu beachten und Rücksicht zu nehmen. Die neuen Regeln werden eine Zeit brauchen, bis sie bei den Leuten angekommen sind.“

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