Norderstedt

300 Mitarbeiter kehren in Werkstätten zurück

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Annabell Behrmann
Franz Bechler freut sich, zurück am Arbeitsplatz zu sein. Aber Umarmungen vermisst er nach wie vor.

Franz Bechler freut sich, zurück am Arbeitsplatz zu sein. Aber Umarmungen vermisst er nach wie vor.

Foto: Annabell Behrmann

Für Menschen mit Behinderung war die Corona-Pause besonders hart. Ihnen fehlte Struktur im Alltag. So sieht ihre neue Normalität aus.

Norderstedt.  Ein Kleinbus nach dem anderen hält auf dem Parkplatz der Norderstedter Werkstätten. Die Mitarbeiter steigen aus, warten vor dem Eingang, desinfizieren sich die Hände. Am frühen Mittwochmorgen kehren alle 300 Menschen mit Behinderung nach der über dreimonatigen Corona-Pause zurück an ihren Arbeitsplatz. „Endlich“, sagt Franz Bechler und schnauft durch. Als das Coronavirus alles veränderte und den behinderten Mitarbeitern ihre Struktur, die sie so sehr brauchen, nahm, wünschte sich der 31-Jährige nur noch sein altes Leben zurück. „Ich habe oft geweint“, sagt Bechler. Sein Floorballtraining, die Arbeit und Theaterproben fehlten ihm. Am meisten aber sehnte er sich nach menschlicher Nähe, Umarmungen.

Seine Freundin Jana, die ebenfalls bei den Werkstätten arbeitet, darf er nach wie vor nicht in die Arme schließen. Zu groß ist das Risiko, sich nicht nur gegenseitig zu infizieren, sondern das Virus in der gesamten Einrichtung zu verbreiten. Zu viele Menschen, die einer Risikogruppe angehören, arbeiten hier. „Wir können uns auf unsere Mitarbeiter verlassen“, sagt Maike Rotermund, die den Sportbereich der Werkstätten verantwortet. „Wenn sie einmal die Regeln drauf haben, halten sie sich an sie.“

Das Gelände darf nur mit Maske betreten werden. Jeder Mitarbeiter ohne Schutzbedeckung wird wieder nach Hause geschickt. In den Arbeitsräumen stehen die Tische eineinhalb Meter auseinander. 100 Plexiglasscheiben dienen als Trennwände. Das Mittagessen findet nicht wie gewohnt in der Kantine, sondern in den Arbeitsräumen statt.

Werkstätten haben Ende Mai mit der Öffnung begonnen

„Endlich füllt sich das Geisterhaus wieder mit Leben“, sagt Rotermund. Bereits Ende Mai haben die Werkstätten mit der Öffnung begonnen. Die Menschen, die alleine lebten, am einsamsten waren und in Außenstellen arbeiteten, durften als Erste zurück in ihr gewohntes Umfeld. Gut drei Wochen später folgte die nächste Gruppe, nun der Rest. Die Angst vor einem Rückfall und dem erneuten Stillstand ist trotz der Wiedersehensfreude groß. Rotermund: „So etwas möchten wir nicht noch einmal erleben.“

Die ersten Wochen der Pandemie haben sich für Thorsten Graf wie Urlaub angefühlt. Doch nach einem Monat ist dem 29-Jährigen der Alltag zu Hause zu langweilig geworden. „Ich habe mich gefragt: Wann geht es endlich wieder los? Ab irgendeinem Zeitpunkt bekommt man die Krise“, sagt er. Graf ist bei den Werkstätten für die Beschaffung des Büromaterials zuständig. Während der arbeitsfreien Zeit befürchtete er, seinen Job zu verlieren und zum Arbeitsamt zu müssen. „Es hat sich angefühlt, als wäre ich entlassen worden.“ Nun ist Graf froh, wieder eine Struktur in seinem Leben zu haben. Sie nimmt ihm die Angst vor dem Virus. An die neue Normalität mit Maske hat er sich schnell gewöhnt. „Ich bin dankbar, dass die Werkstätten alles so gut organisiert haben“, sagt Graf.

Einrichtungsleiter Schneeloch ist zufrieden mit dem Neustart

Christian Schlaikier (45) gehört zu der Gruppe, die schon seit Ende Mai wieder arbeiten darf. Normalerweise ist er in der Außenstellen beim Gabelstaplerunternehmen Jungheinrich tätig. Wegen der Corona-Krise muss er allerdings vorerst auf dem Gelände der Werkstätten bleiben. Von hier aus fertigte er in den vergangenen Wochen Kabel. „Corona hatte auch Vorteile“, sagt er. Er hätte endlich Zeit gehabt, um seiner Leidenschaft, dem Kochen, nachzukommen.

Einrichtungsleiter Mathias Schneeloch ist zufrieden mit dem Neustart. „Ich finde es beeindruckend, wie diszipliniert die Menschen mit Behinderung die Hygieneregeln umsetzen“, sagt er. Schneeloch hofft, einer erneuten Schließung zu entgehen. „Zwar wären wir im Ernstfall gut vorbereitet, aber das möchte wirklich niemand.“ Erst einmal ist er froh, dass seine Mitarbeiter wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

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