Kiel/Henstedt-Ulzburg

Arthrose: Angeklagter konnte angeblich nicht zutreten

Die Aufschrift "Landgericht" an einem Briefkasten am Eingang des Landgerichts in Kiel (Symbolbild).

Die Aufschrift "Landgericht" an einem Briefkasten am Eingang des Landgerichts in Kiel (Symbolbild).

Foto: Markus Scholz / dpa

36-Jähriger soll Opfer in einem Streit um Verkehrsregeln bewusstlos getreten haben. Er will dazu gar nicht in der Lage gewesen sein.

Kiel/Henstedt-Ulzburg.  Ein Drängler am Steuer (36), der seinen Unfallgegner nach einem riskanten Überholmanöver mit Auffahrunfall bewusstlos getreten haben soll, will dazu wegen körperlicher Gebrechen angeblich überhaupt nicht in der Lage gewesen sein. Aus diesem Grund vertagte sich die Berufungskammer des Kieler Landgerichts, um den mutmaßlichen Verkehrsrowdy einem medizinischen Sachverständigen vorzustellen.

Damit erfordert der Strafprozess um gefährliche Körperverletzung am Rand einer Landstraße nach Henstedt-Ulzburg noch einen dritten Verhandlungstag. Wie berichtet, hatte das Amtsgericht Norderstedt den Angeklagten in erster Instanz zu einer Bewährungsstrafe und 4000 Euro Schmerzensgeld an den Nebenkläger verurteilt.

Laut Arztbericht erlitt der 38-Jährige bei der tätlichen Auseinandersetzung im Februar des vergangenen Jahres multiple Gesichtsprellungen, ein Monokel-Hämatom („Blaues Auge“) und eine Gehirnerschütterung. Der Handwerker verlor darüber hinaus ein Stück eines Schneidezahns. Er war zweieinhalb Wochen arbeitsunfähig.

Vor Gericht berichtete eine Augenzeugin, die im Pkw auf das „Gerangel“ zugefahren war, dass der Angeklagte mindestens zweimal zugetreten habe, während das Opfer bewegungslos am Boden lag. Die Zeugin hatte zuerst „gehupt, dass sie aufhören sollen“. Nach Verlassen ihres Pkw habe sie den aggressiven Angeklagten angeschrien. Der habe sie ignoriert und weitergemacht.

Deshalb will die Zeugin den Angreifer von dem hilflosen Opfer weggezogen haben, „weil er mit dem Fuß draufgetreten hat“. Anschließend habe sie sich um den Bewusstlosen gekümmert. „Er war nicht ansprechbar.“ Als der Verletzte sich schließlich aufrappelte, habe er getorkelt wie ein Betrunkener.

Der Angeklagte will dagegen zu einer solchen Aktion gar nicht in der Lage gewesen sein: Wegen einer starken Arthrose und den Folgen eines Bandscheibenvorfalls habe er damals kaum das Gleichgewicht halten können. Der Zeugin waren jedoch keinerlei körperliche Beeinträchtigungen bei ihm aufgefallen.

Wie berichtet, hatte der Angeklagte am Steuer seines Pkw den Überholvorgang selbst mit dem Handy gefilmt, während seine beiden Kinder auf dem Rücksitz saßen. Vor dem Überholen soll er sehr dicht auf den langsamer fahrenden Nebenkläger aufgefahren sein, um ihn mit Aufblenden und Hupsignalen anzutreiben.

Nach dem Urteil der Norderstedter Strafrichterin vom September 2019 geschah der Unfall in der Abenddämmerung auf der teilweise kurvigen und bewaldeten Strecke unmittelbar vor einem Überholverbot. Die Richterin hatte den Angeklagten auch wegen Gefährdung des Straßenverkehrs verurteilt.

Im Berufungsprozess stellte die Kammer diesen Anklagepunkt jedoch bereits am ersten Verhandlungstag ein, nachdem das überraschend als Beweismittel eingeführte Handy-Video ein plötzliches Abbremsen des Angeklagten als Unfallursache ausgeschlossen hatte. Der Prozess wird Mitte Juli vor dem Landgericht fortgesetzt.