Schröters Wochenschau

Keine Feier, kein „Weit weg“

| Lesedauer: 2 Minuten
Jan Schröter
Jan Schröter

Jan Schröter

Foto: Wolfgang Klietz

Probleme hat man als Schulabgänger schon genug - und in der C-Krise kann man nun nicht mal richtig feiern.

Am Gymnasium Harksheide in Norderstedt gab es eine Feier mit limitierter Gästeliste in der Sporthalle. Im Bad Bramstedter Jürgen-Fuhlendorf-Gymnasium wurden die Abiturzeugnisse den jungen Leuten auf dem Sportplatz überreicht – „Abi Open Air“, sozusagen. Andernorts zelebrierte man die Übergabe in mehreren Schichten. Und gleich an diversen Schulen im Bundesgebiet konnte man das Zeugnis für die Reifeprüfung im Autokino bekommen, alle Abiturienten mit abgezählten Familienmitgliedern virensicher in eigener Blechkiste, damit die Schulzeit nicht nahtlos in kollektiver Quarantäne mündet. Hoffentlich wurde dazu auch der gleichnamige Kinofilm „Die Reifeprüfung“ mit Anne Bancroft in der Rolle der legendären „Mrs. Robinson“ gezeigt, dann hätten die Schüler auf den letzten Drücker noch mal richtig was fürs Leben gelernt.

Bisher galt: Zeugnisübergabe vor Massen von Leute

Damit meine ich selbstverständlich nicht, dass es für Schulabgänger unbedingt empfehlenswert sei, eine Affäre mit der Ehefrau des Geschäftspartners ihres Vaters zu beginnen (wie es nämlich im Film geschieht). Kann man zwar machen, generiert aber höchstwahrscheinlich verschärft Probleme, wie Dustin Hoffman in seiner Filmrolle als Reifezeugnisfrischling Benjamin Braddock sehr eindrucksvoll darstellt.

Und Probleme hat man als Schulabgänger heutzutage ja eh schon genug. Bis vor Corona hatte man noch den Eindruck, die Abi-Feierlichkeiten würden von Jahr zu Jahr bombastischer. Zeugnisübergabe in Festsälen vor Massen von Leuten. Abiturienten, die, professioneller anmoderiert als auf einer Oscar-Verleihung, einzeln zur persönlich ausgewählten Hymne über die Bühne tänzeln und, je nach Image oder Veranlagung, wahlweise brav lächelnd oder revoluzzerrotzig herzige Danksagungen oder kesse Sprüche an die Fans raushauen.

Jetzt gilt: Ohne Party-Puffer beginnt der Ernst des Lebens

Jede Menge Feiern, mit Familie, mit Freunden, mit Egal – und dann ab nach „Weit weg“. Hauptsache, es ging rund und man kam nicht ins Grübeln. Denn wer als Schulabgänger ins Grübeln kommt, kommt dort nicht so leicht wieder raus. Wie soll es weitergehen? Wie wird meine Zukunft, wenn ich sie selbst gestalten muss? Gibt es überhaupt ein Leben nach der Schule? Vor diesen Fragen stehen die Abiturienten von 2020 leider jetzt schon. Und ohne Party-Puffer oder ein Jahr Bedenkzeit in Australien überfallen die Probleme sie sofort.

Liebe Eltern des Abi-Jahrgangs 2020, bitte nicht nervös werden, wenn Ihre großen Kinder nicht sofort wissen, was sie jetzt machen sollen. Das ist normal und war immer so. Zu Ihrer Zeit gewiss auch. Meinen Sie nicht? Schauen Sie „Die Reifeprüfung“.

Der Film ist von 1967.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Norderstedt