Norderstedt

Patienten trauen sich wieder in die Arztpraxen

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Jörg Riefenstahl
Dr. Sven Warrelmann am Empfangstresen  seiner hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Norderstedt. Täglich kommen 100 bis 200 Patienten in die Praxis. 

Dr. Sven Warrelmann am Empfangstresen  seiner hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Norderstedt. Täglich kommen 100 bis 200 Patienten in die Praxis. 

Foto: Jörg Riefenstahl

Bei den Ärzten in Norderstedt herrscht nach wieder Hochbetrieb. Doch die Video-Visite des Hausarztes bleibt eine beliebte Alternative.

Norderstedt.  Nachdem Patienten Arztbesuche wegen der Corona-Pandemie scheuten und nur in sehr dringenden Fällen die Praxen aufsuchten, ist seit einigen Tagen ein gegenläufiger Trend zu erkennen: In Norderstedt herrscht zwei Wochen vor den Sommerferien bei Fachärzten und Allgemeinmedizinern Hochbetrieb. Zudem haben Video- und Infektionssprechstunden in der Region Konjunktur.

,,Die Patienten kommen wieder verstärkt in die Praxen“, sagt Klaus Bittmann, Vorstand der Ärztegenossenschaft Nord, die rund 5000 Praxen in Norddeutschland vertritt. Bedenklich sei jedoch die während des Shutdowns entstandene Versorgungslücke bei chronisch Kranken und Früherkennungsuntersuchungen.

,,Weil viele Patienten in den zurückliegenden Wochen zu Hause blieben, gab es zudem einen massiven Rückgang bei Laboruntersuchungen. Es besteht Nachholbedarf“, sagt Bittmann.

Arztpraxen: Hygienematerial und Schutzkleidung ausreichend vorhanden

Inzwischen haben sich die Praxen in Norderstedt und im Kreis Segeberg organisatorisch auf die Versorgung unter Covid 19 eingerichtet. Hygiene, Schutzkleidung und Testmaterial stehen in ausreichendem Maße zur Verfügung.

,,Neben dem Normalbetrieb bieten jetzt 50 Prozent der Praxen aller Fachrichtungen Infektionssprechstunden an“, sagt Bittmann. Infektionssprechstunden richten sich direkt an Patienten mit Erkältungssymptomen wie Husten, Schnupfen, Fieber, Gliederschmerzen und an Patienten mit Durchfall- oder Magen-Darm-Beschwerden.

Da die Labore zurzeit nur zu 30 Prozent ausgelastet sind, können Patienten bei Verdacht auf Covid 19 nach einem Test mit einem raschen Ergebnis rechnen. Die Kosten für Test und Antikörperbestimmung übernehmen die gesetzlichen Kassen – vorausgesetzt, es gibt eine ärztliche Indikation.

Nach drei Monaten Praxisbetrieb auf Sparflamme haben Arzthelferinnen und Ärzte im Kreis Segeberg wieder alle Hände voll zu tun. ,,Pro Tag kommen rund 70 Patienten zu uns in die Sprechstunde“, berichtet eine Arzthelferin einer Augenarztpraxis in Norderstedt. In Hausarztpraxen sind 100 Patienten am Tage vielerorts gang und gäbe.

Kontrollen zur Früherkennung sind ausgeblieben

„Wir finden es gut, dass die Patienten endlich wieder kommen“, sagt Dr. Carsten Leffmann, ärztlicher Geschäftsführer der Ärztekammer Schleswig-Holstein. „Wir haben Krankheitsbilder, bei denen es notwendig ist, dass die Patienten zum Arzt gehen.“ Kontrollen insbesondere zur Früherkennung sind in den vergangenen Wochen ausgeblieben – aus Angst vor einer Ansteckung mit Covid 19.

Typische Symptome für eine Neuerkrankung wurden zwischen Homeoffice und Zuhausebleiben offensichtlich ausgeblendet und weniger ernst genommen. „Blut im Stuhl kann ein Hinweis auf Darmkrebs sein. Wenn dem nicht sofort nachgegangen wird, können zwei, drei Monate Verzögerung schon eine entscheidende Rolle im weiteren Krankheitsverlauf spielen“, warnt der Arzt.

Bringt die Corona-Warn-App einen Schub?

Infektionssprechstunden sind nach Angaben der Ärztekammer ebenfalls höher frequentiert. ,,Das ist sehr zu begrüßen. Wenn die Ärzte die Möglichkeit haben, eine Infektionssprechstunde einzurichten, ist das toll“, sagt Leffmann. Von der Corona-Warn-App erwartet er einen weiteren Schub, sich auf Corona testen zu lassen.

Videosprechstunden haben seit der Pandemie geradezu ungeahnten Zulauf. Über 62 Prozent aller Ärztinnen und Ärzte bietet den digitalen Arztbesuch an oder will ihn kurzfristig einrichten, ergab eine neue Studie der gemeinnützigen Stiftung Gesundheit, die sich für Transparenz im Gesundheitswesen einsetzt.

Zum Vergleich: Vor dem Ausbruch von Corona standen lediglich 19 Prozent der Praxen für Videosprechstunden parallel zum konventionellen Betrieb bereit. „Wir werden all diese neuen Erfahrungen wissenschaftlich auswerten“, sagt Leffmann.

Infektionssprechstunden sind schwierig einzurichten

Infektionssprechstunden einzurichten ist manchmal gar nicht so einfach. ,,Problematisch ist, dass sich unsere Praxis im 2. Obergeschoss befindet. Patienten müssen die Treppe hinauf oder den Fahrstuhl benutzen. Büromitarbeiter sind Patienten direkt begegnet“, sagt Eduard Pfaff, Allgemeinarzt in Norderstedt. Jetzt darf nur noch jeweils eine Person Fahrstuhl fahren.

Pfaff hat die Zulassung für eine Infektionssprechstunde speziell für Covid 19 bei der Kassenärztlichen Vereinigung beantragt. Ob es wohl klappt? ,,Es ist schwierig, obwohl wir in der Praxis alles für die Einhaltung der Hygiene vorbereitet haben“, sagt Pfaff.

Chronisch Kranke kommen wieder verstärkt in die Praxen

Chronisch Kranke, die wochenlang fern geblieben waren, kommen jetzt wieder verstärkt in die Praxen. „Wir merken, dass einige ihre Medikamente nicht genommen haben“, sagt der Arzt. ,,Die Patienten leiden an Diabetes, Rheuma, Lungen- oder Kreislauferkrankungen. Wir stabilisieren sie oder überweisen sie gegebenenfalls in eine Klinik.“

Um die ärztliche Versorgung sicherzustellen, haben einige Praxen im April auf Zweischicht-Betrieb umgestellt. „Falls eine Schicht sich ansteckt, ist die andere noch da“, sagt Dr. Sven Warrelmann, Facharzt für Allgemeinmedizin in Norderstedt. Auch er hatte im April spürbar weniger Publikum. „Vor allem die unter 50-Jährigen sind nicht gekommen“, sagt Warrelmann.

Abstriche werden draußen gemacht

Chronisch Kranke ließen sich telefonisch oder per E-Mail beraten und kamen nur zum Blutabnehmen in die Praxis. Abstriche wurden sicherheitshalber draußen vor der Tür gemacht. „Zehn Patienten wurden positiv auf Corona getestet. Seit Mai gab es bei uns keinen einzigen weiteren Corona-Fall“, sagt der Arzt.

Seit Mitte Mai normalisiert sich der Betrieb in der Hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in der Mittelstraße. Hygiene- und Abstandsregeln werden hier selbstverständlich eingehalten. Bei Infektionssprechstunden klingeln Patienten, warten vor der Tür und werden einzeln eingelassen. „Wir sind froh, dass es mit der Versorgung von Desinfektionsmitteln und FFP2- Masken endlich gut klappt.“

Internist Gerlach hat täglich gut 250 Patientenkontakte

In Kaltenkirchen ist die Akutphase nach dem Shutdown ebenfalls vorbei. „Videosprechstunden wurden bei uns erstaunlich gut angenommen“, sagt Dr. Jochen Gerlach, Vorsitzender des Ärztenetzwerks HUK HANN, das die Interessen von 60 Ärzten in der Region entlang der A7 von Norderstedt bis Bad Bramstedt vertritt.

In Gerlachs Praxis in der Brauerstraße – ausgestattet nach allen gängigen Abstands- und Hygieneregeln – herrscht seit einigen Tagen fast schon wieder so etwas wie Normalbetrieb. Kurz vor den Ferien hat er wie viele seiner Kollegen überdurchschnittlich viel zu tun. Der Internist hat täglich rund 250 Patientenkontakte.

Die gute Nachricht: „Wir haben sehr zahlreich auf Covid 19 getestet. Auch auf Antikörperbestimmung. Wir hatten bis heute keinen einzigen Corona-Fall.“

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