Norderstedt

Casio-Manager soll sechs Millionen Euro veruntreut haben

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Thomas Geyer
Die Casio-Zentrale an der Niendorfer Straße in Norderstedt.

Die Casio-Zentrale an der Niendorfer Straße in Norderstedt.

Foto: Andreas Burgmayer

Der 61-Jährige soll 16 Jahre lang Geld in der Zentrale in Norderstedt abgezweigt haben. Warum das so lange nicht auffiel.

Kiel/Norderstedt.  Sechs Millionen Euro soll ein leitender Angestellter der Casio Europe GmbH mit Sitz in Norderstedt seit dem Jahr 2004 aus der Unternehmenskasse veruntreut haben. Dies teilt die Tochtergesellschaft des weltweit bekannten Elektronik-Konzerns auf ihrer Website mit. Am kommenden Montag beginnt im Kieler Landgericht der Prozess gegen den 61-jährigen Ex-Manager.

Der deutsche Staatsbürger sitzt in Untersuchungshaft. Die Kieler Staatsanwaltschaft hat die Anklagevorwürfe auf den Tatzeitraum zwischen Herbst 2014 und Sommer 2019 beschränkt. Nach Mitteilung des Unternehmens ließ der langjährige Mitarbeiter jedoch schon zehn Jahre früher Firmengelder in die eigene Tasche fließen. Im September 2019 erstattete das Unternehmen Strafanzeige. Den fristlos gekündigten Ex-Manager verklagte man auf Schadenersatz.

In der Anlage ist "nur" von 2,8 Millionen Euro zu reden

Nach Firmenangaben beläuft sich der über sechzehn Jahre hinweg veruntreute Gesamtbetrag auf rund sechs Millionen Euro. In der Anklage der Staatsanwaltschaft ist dagegen „nur“ von 2,8 Millionen Euro die Rede. Offenbar ist ein großer Teil der Vorwürfe inzwischen verjährt.

„In der langjährigen Geschichte der Casio Europe GmbH ist dieser Vorfall der erste und einzige dieser Art“, teilt das Unternehmen mit, das sich in seiner Firmenphilosophie zu Werten wie Transparenz, Fairness und Aufrichtigkeit bekennt. Man sei bestürzt über das kriminelle Handeln des Mitarbeiters. Die Enttäuschung sei groß, heißt es auf der Website, denn Vertrauen sei dem Unternehmen wichtig.

Casio hat weitere Vorkehrungen gegen "kriminelle Absichten" getroffen

Laut Casio wurde der Vorgang „vollständig untersucht“. Man habe weitere Vorkehrungen getroffen, „kriminelle und veruntreuende Absichten zukünftig unmöglich zu machen“. Für das laufende Geschäftsjahr ergäben sich keine finanziellen Auswirkungen, heißt es. Die Schäden seien bereits in den Vorjahren als Aufwand eingerechnet worden.

Mit anderen Worten: Ein durchschnittlicher Jahresschwund von 375.000 Euro fiel bei dem Weltmarktführer für Taschenrechner über anderthalb Jahrzehnte offenbar nicht weiter auf. Der „Nebenverdienst“, den der Angeklagte erschlichen haben soll, überstiege demnach das Amtsgehalt der Bundeskanzlerin.

Der Angeklagte war Chef der Finanzabteilung

Als Chef der Finanzabteilung soll der Angeklagte auch für die Prüfung von Eingangsrechnungen verantwortlich gewesen sein. Nur zwei weitere Führungskräfte des Unternehmens sollen über ebenso weitreichende Kontovollmachten verfügt haben.

Casio gehört zu den international führenden Herstellern elektronischer Geräte. Die globale Produktpalette des 1946 in Tokio gegründeten Unternehmens umfasst Musikinstrumente, Uhren, Digitalkameras, Mobiltelefone, elektronische Wörterbücher, Rechner, Projektoren und Kassensysteme. Eine deutsche Vertriebsniederlassung gründete der japanische Konzern bereits 1972 in Hamburg.

1994 wechselte Casio nach Schleswig-Holstein in den „Business-Park Norderstedt“. Die Lage erwies sich als attraktiv: Im Jahr 2002 wurde auch die Londoner Europazentrale dorthin verlegt. Seitdem fließen in Norderstedt die Vertriebs- und Marketingaktivitäten für den gesamten europäischen Raum zusammen.

Die Keyboards von Casio haben Kult-Status

Anfang 2009 zog das Unternehmen ins flughafennahe Gewerbegebiet Nordport im Süden von Norderstedt um. Weitere europäische Casio-Standorte sind London, Brüssel, Mailand, Barcelona und Moskau. Das Unternehmen hat einen im Wortsinn klangvollen Namen: Mit einem der ersten neu entwickelten Casio-Mini-Keyboards verlieh Stephan Remmler von Trio 1982 dem Hit „Da da da“ den kultigen Sound.

Zur erklärten Geschäftsphilosophie der Firmengründer – vier Brüdern der Tokioer Familie Kashio – gehört es auch, Hobbymusikern erschwingliche Instrumente anzubieten.

Der Prozess gegen den Ex-Manager beginnt am Montag vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichtes in Kiel. Das Gericht hat vorerst nur zwei Prozesstage terminiert. Das spricht für einen einvernehmlichen Ablauf – keine Selbstverständlichkeit bei einem Wirtschaftsprozess.

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