Kreis Pinneberg

Die „Giraffenhälse“ wachsen und wachsen

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Ulrich Stückler
Der Borstel-Hohenradener Bernd Heimann hat auf seinem Feld drei kleine Versuchsflächen mit Waldstaudenroggen angebaut.

Der Borstel-Hohenradener Bernd Heimann hat auf seinem Feld drei kleine Versuchsflächen mit Waldstaudenroggen angebaut.

Foto: Ulrich Stückler

Bernd Heitmann aus Borstel-Hohenraden hat sich der Landwirtschaftsgeschichte verschrieben. Nun baut er historischen Waldstaudenroggen an.

Borstel-Hohenraden. So einfach ist Bernd Heitmann gewöhnlich nicht zum Staunen zu bringen. Schließlich ist er vom Fach und befasst sich seit Jahren aus purer Leidenschaft mit allen möglichen Themen aus der Geschichte der Landwirtschaft – sowohl aus dem technischen wie auch dem pflanzlichen Bereich. Doch zurzeit wird der Mann aus Borstel-Hohenraden nahezu jeden Tag aufs Neue beeindruckt. Wenn er mit einem etwas in die Jahre gekommenen Fahrrad die rund 200 Meter von der Haustür zu seinem etwas abseits des Mühlenwegs gelegenen Feld zurücklegt, macht ihm jedesmal gleich der erste Blick deutlich, dass er da etwas Besonderes begonnen hat.

Auf drei Versuchsfeldern wächst besonderes Getreide

Auf dem kleinen Grundstück, zu dem eine kurze, unscheinbare und gras­überwachsene Zufahrt führt, hat sich der Landmaschinenmechanikermeister – und als einst selbstständiger Landmaschinenhändler nun seit Kurzem im Ruhestand befindlich – ein kleines grünes Paradies eingerichtet. Nichts Spektakuläres. Hier ein Beet, dort eine Staude, da eine große, mittlerweile 30 Jahre alte und reichlich Schatten spendende Linde. Dazwischen einige Geräte aus der Landwirtschaft. Und natürlich die drei kleinen, jeweils rund vier Quadratmeter großen Flächen, auf denen es zurzeit im wörtlichen Sinn hoch hergeht und die dem leidenschaftlichen Naturliebhaber Freude bereiten.

Schon über mannshoch wachsen auf diesen kleinen Parzellen lange Halme gen Himmel. Offensichtlich Getreide, die Ähren mit ihren langen Borsten, Grannen genannt, sind da eindeutig. Aber so hoch? „Das sind jetzt schon über zwei Meter, aber ich habe mehrfach gelesen, dass das leicht über drei Meter werden können“, sagt Bernd Heitmann. „Das ist Waldstaudenroggen. Eine der ganz alten Kulturgetreidesorten, wie zum Beispiel auch Emmer, was heute ja auch kaum noch jemand kennt. Ich habe schon ein wenig nachforschen müssen, woher ich dafür Saatgut bekomme.“

Bleibt die nahe liegende Frage, wofür der Mann in dem Alter, das man ihm kaum ansieht („Ich gehe langsam auf die 80 zu, das genaue Alter mag ich aber nicht sagen; mit Daten wie Geburtsjahren gehe ich zurückhaltend um.“), dieses alte Korn auch bei sich anbaut? Und dazu noch in so geringer Menge...

Die Antwort darauf gibt Heitmann zugleich mit Beschreibung der Aufgabe, die er sich schon lange vor Beginn seines Lebensabends – aber nun erst recht – gestellt hat. „Ich möchte ein Botschafter der Vergangenheit sein. Ich möchte den Menschen – und ganz besonders Kindern – zeigen, wie hart frühere Generationen haben arbeiten mussten, um etwas zu essen auf dem Tisch zu haben.“

Oder sich eine wetterfeste Behausung zu schaffen. Und da kommt der neu angebaute Waldstaudenroggen ins Spiel. „Dieses Getreide wächst ja so hoch, dass es dir doch keiner glauben mag, wenn er es nicht gesehen hat. Ich nenne sie gern meine Giraffenhälse, weil die Halme so lang sind“, sagt Bernd Heitmann. „Und wegen der enormen Länge haben die Menschen in früheren Jahren das Stroh dieses Getreides gern zum Decken der Dächer genutzt. Ein Strohdach war deutlich günstiger als eines aus Reet. Allerdings auch nicht so langlebig. Für ein Reetdach setzt man um die 40 bis 50 Jahre an, eines aus Stroh hält vielleicht so um die zehn bis zwölf Jahre.“

Die doppelte Nutzbarkeit als Nahrungsquelle und Baumaterial zugleich hatte also für die Landbevölkerung früherer Jahrhunderte einen klaren Vorteil. „Wichtig war und ist, die noch jungen Gräser bereits im Herbst gar nicht lange nach der Aussaat einmal zu schneiden, das nicht zu tief überm Boden“, weiß Heitmann. „dadurch verstocken die Halme, und die Ähren liefern mehr Korn.“

Doch mit fortlaufender Entwicklung in der Landwirtschaft und gestiegenem Bedarf in der Bevölkerung über­wogen doch die Nachteile der „Giraffenhälse“. Als zweijähriges Gewächs mit der Getreideernte erst im Jahr nach der Aussaat, und das auch noch mit geringerem Ertrag, als ihn moderne Sorten von Roggen, Hafer, Gerste, Weizen oder auch Dinkel heute bieten, beförderte es den Waldstaudenroggen aufs Abstellgleis.

Denn auch für Dächer werden die mächtigen Halme schon seit langen Jahren nicht mehr benötigt. „Wenn überhaupt noch, dann kommt Reet aufs Haus – es hält halt nun mal deutlich länger“, sagt Heitmann. „Ich habe mich umgehört, und wie es scheint, gibt es bundesweit wohl nur noch drei Häuser mit Strohdächern, alle in Museumsdörfern.“

Anreiz genug für den naturverbundenen Borstel-Hohenradener, dessen weitere Leidenschaft dem Amphibienschutz während der Laichzeit gilt, dafür zu sorgen, dass der Waldstauden­roggen und auch die Gerätschaften zu dessen Ernte und Verarbeitung nicht in Vergessenheit geraten. „Und dafür hab ich nun im vergangenen Frühherbst an eben diesen drei unterschiedlichen Stellen ausgesät und beobachte nun, wo er am besten gedeiht. Man kann deutlich erkennen, dass er im schattigen Bereich bei der Linde nicht ganz so gut geht“, sagt Heitmann und konstatiert mit einem Schmunzeln, dass er noch einen Faktor für den erfolgreichen Anbau bedenken sollte: „Spatzen und Mäuse haben auch den Waldstaudenroggen für sich entdeckt und versuchen, ihren Anteil davon abzubekommen. Tiere wollen halt auch mal etwas Abwechslung auf der Speisekarte...“

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