Schröters Quarantänetagebuch

Ab ins Nichtimpferbecken

Jan Schröter

Jan Schröter

Foto: Jan Schröter / Schröter

Geimpft könnte man so schön ungehemmt die Sau raus lassen – findet zumindest unser Kolumnist Jan Schröter.

Zahlen aus einer repräsentativen Erhebung des Meinungsforschungsinstituts „YouGov“ belegen: Gäbe es einen Impfstoff gegen das Corona-Virus, wären prozentual mehr Männer als Frauen dazu bereit, sich damit impfen zu lassen. Das überrascht. Normalerweise gelten ja Frauen immer als gesundheitsbewusster, vernünftiger und viel weniger wehleidig als das vermeintlich „starke Geschlecht“.

Corona ändert offenbar alles. Am Ende dieser Entwicklung werden Frauen jeden Wagen elegant in kleinste Lücken rückwärts einparken, während der Mann auf dem Beifahrersitz die „Apotheken-Umschau“ studiert.

Wobei das für mich überraschendste Ergebnis dieser Umfrage noch einen anderen Aspekt betrifft. Man untersuchte auch die Bereitschaft, sich überhaupt gegen das Virus impfen zu lassen, sobald ein verlässlicher Impfstoff verfügbar wäre. Etwa jeder Zweite von uns würde das tun. Die üblichen Zauderer und Unentschlossenen sagen „Vielleicht“. Aber jede(r) fünfte Befragte lehnt eine Corona-Impfung strikt ab.

Bitte? 20 Prozent haben mehr Angst vor einer Spritze als vor einer potenziell tödlichen Krankheit? Vielleicht wird’s ja sogar nur eine Schluckimpfung, dann erlitte man nicht mal einen kleinen Piekser. Oder sollte tatsächlich jede(r) Fünfte daran glauben, dass mit dieser Impfung in ihnen der böse Bill Gates die Kontrolle übernimmt und ihre fortan fremdgesteuerten Körper jeden Morgen den Tag mit dem automatischen Download des aktuellen Windows-Update beginnen?

Ich habe vor solchen Leuten entschieden mehr Angst als vor Spritzen, Corona und Bill Gates zusammengenommen. Genau wie vor denen, die am Pfingstwochenende mehr oder weniger gedankenlos, gedrängt zu Hunderten, in langer Warteschlange vor einer öffentlichen Toilette auf Sylt standen. Oder vor den 1500 Menschen in bis zu 400 Kanus, Kajaks, Schlauchbooten, die sich auf dem Berliner Landwehrkanal Dicht an Dicht zum „Boot-Rave“ zu lauter Musik auf dem Wasser zusammenrotteten. Würde von diesen Leuten etwa auch jeder Fünfte die Impfung verweigern? Warum nur?

Geimpft könnte man so schön ungehemmt die Sau raus lassen und sich in jeder Menge suhlen, wenn einem nach Derartigem der Sinn steht. Oder beziehen die Impf-Verweigerer ihr Selbstwertgefühl aus konsequent betriebenem Nonkonformismus nach dem Motto „Ich mache prinzipiell nie das, was die meisten tun“? In dem Fall muss ich warnen. Mit dieser Haltung riskiert man nicht bloß, öfters mal ausgelacht zu werden. Man riskiert Gesundheit und Leben. Das ist schlicht dumm. Und Dummheit ist nicht nonkonform, sondern – siehe Impf-Umfrage – offensichtlich weit verbreitet. Ihr seid also mit dieser Haltung nicht mal besonders originell, leider.

Wir müssen uns wohl künftig daran gewöhnen, unsere Gesellschaft nicht bloß nach etablierten Teiler-Kriterien in „jung oder alt“, „arm oder reich“, „Frau oder Mann“ zu zerlegen, sondern schicken beispielsweise die Badegäste im Freibad ins Impfer- oder Nichtimpferbecken. Aber noch bliebe ja etwas Zeit, um die Sache vielleicht zu überdenken.