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Hamburg Airport: Fluglärmgeplagte genießen „Corona-Ruhe“

| Lesedauer: 7 Minuten
Michael Schick
Ein Flugzeug hebt vom Hamburg Airport ab.

Ein Flugzeug hebt vom Hamburg Airport ab.

Foto: Christophe Gateau / dpaDeutsche Presse-Agentur! Honorarfrei für FMG-Tageszeitungen!

Durch die Corona-Pandemie starten und landen kaum Flugzeuge am Hamburger Flughafen – zur Freude der Anwohner im Umland.

Norderstedt.  „Es ist wie im Paradies. Nein – es ist das Paradies“, sagt Hans-Joachim Hartmann, Vorsitzender der Norderstedter Initiative für Fluglärmschutz (NIG). Das Paradies ist der Himmel über Norderstedt. Wo sonst alle paar Minuten Flugzeuge über die Köpfe der Garstedter hinwegdonnern, herrscht Ruhe. Die Vögel haben die Lufthoheit übernommen, Corona sei Dank. Das Virus hat den Betrieb am Hamburger Flughafen zum Erliegen gebracht.

Wo in normalen Zeiten alle fünf bis sechs Minuten eine Maschine abhebt und täglich mehr als 45.000 Fluggäste einchecken oder ankommen, verlieren sich einige wenige Menschen an den Schaltern. Jetzt in der Corona-Zeit sind meist mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Airports da als Passagiere. Gerade einmal 300 bis 400 sind es an einem durchschnittlichen Tag. Das ist etwa ein Prozent des üblichen Verkehrs. Im Schnitt starten und landen täglich nur 20 Flugzeuge.

Die Ruhe wird bald ein Ende haben – wenn der Hamburg Airport wieder hochfährt

„Es ist ein Traum und für mich bisher unvorstellbar, dass ich so etwas mal erleben werde“, sagt Christiane Mond von der Wählergemeinschaft Wir in Norderstedt (WiN), die den Kampf gegen den Fluglärm zu einem Schwerpunkt ihrer politischen Arbeit gemacht hat. Auch Reimer Rathje, Fraktionschef der WiN, genießt die Ruhe.

Vor der Corona-Krise sei er jeden Morgen um 5.55 Uhr hochgeschreckt in der Gewissheit, dass um 6 Uhr der Flugbetrieb startet. Nun kann er seit Wochen auf der Terrasse sitzen und sich, ungestört vom Lärm aus der Luft, unterhalten und entspannen. „Gerade am Wochenende ist das super“, sagt Rathje, der genau wie Hartmann weiß: Die himmlischen Zustände werden bald wieder ein Ende haben, wenn der nahe Airport wieder auf Normalbetrieb hochgefahren wird.

Im Juni starten und landen alle Flüge über Norderstedt

Das wird noch dauern, einen Vorgeschmack, wenn auch einen minimalen, gibt es von Mittwoch, 3. Juni, 6 Uhr, bis Mittwoch, 17. Juni, 23 Uhr, wenn die Start- und Landebahn 05/23 Niendorf/Langenhorn wegen der jährlichen Wartungsarbeiten gesperrt wird. In dieser Zeit werden alle Flüge über die Piste 15/33 Norderstedt/Langenhorn abgewickelt.

Voraussichtlich vom 2. bis einschließlich 16. September wird dann völlige Ruhe über Norderstedts Dächern herrschen. Dann wird die Norderstedter Bahn saniert, alle Flüge erfolgen über Langenhorn und Niendorf. Ist diese Bahn im Juni gesperrt, bedeutet das 20 Flüge pro Tag über Norderstedt hinweg, teilt der Flughafen mit – ein Bruchteil des üblichen Flugaufkommens.

Oberverwaltungsgericht hat bereits mehrere Klagen abgewiesen

Durchschnittlich starteten und landeten im Juni 2019 täglich 470 Maschinen in Hamburg. Die Norderstedter, Hasloher und Quickborner müssen den Löwenanteil des Fluglärms ertragen. 57.397 Maschinen starteten oder landeten im Vorjahr über die Norderstedter Bahn hinweg, 43,6 Prozent aller Flüge. Der Rest verteilt sich auf die anderen drei Bahnrichtungen, über Alsterdorf/Hamm hinweg hoben nur 5086 Piloten ab oder setzten zur Landung an. Im Oktober musste Norderstedt 6436 Starts und Landungen verkraften, Alsterdorf dagegen nur fünf.

So kann es nicht weitergehen! Wir fordern mehr Gerechtigkeit“, lautet das Mantra der Fluglärmbetroffenen in Norderstedt. Wohl wissend, dass die Chance auf Linderung gen null tendiert. Bisher sind alle Versuche, die Norderstedter von Fluglärm zu entlasten, gescheitert. Im September hat das Oberverwaltungsgericht die Klage zweier Hamburger gegen die Bahnbenutzungsregeln abgewiesen und die Vorgaben für den Flugverkehr bestätigt: Danach sollen die Maschinen vornehmlich in Richtung Nordwesten starten, weil die Region Norderstedt/Quickborn deutlich weniger besiedelt ist als das Hamburger Stadtgebiet.

Fluglärm-Aktivist ist enttäuscht von den Hamburger Grünen

„In den Koalitionsverhandlungen haben Hamburgs Grüne leider keine wesentlichen Verbesserungen für den Fluglärmschutz durchsetzen können“, sagt NIG-Chef Hartmann. Die Betriebszeiten, in denen Starts und Landungen erlaubt sind, werden nicht verkürzt, die Nachtflugbeschränkungen greifen wie bisher von 23 Uhr an und nicht schon eine Stunde früher.

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Zwar dürfe der Hamburger Airport bis 2025 insgesamt nicht lauter werden und auch nicht mehr CO2 produzieren als im Jahr 2019. Doch diese Vorgaben hält Hartmann für wenig konkret. Er verweist auf das Vorbild Frankreich, wo die staatliche Hilfe für Air France an Bedingungen geknüpft ist: Inlandsstrecken, die in zweieinhalb Stunden mit dem Zug zu bewältigen sind, sollen von Air France nicht mehr angeboten werden. Bis 2025 solle die Airline zwei Prozent ihres Treibstoffes aus erneuerbaren Quellen beziehen, bis 2030 ihre Emissionen auf Mittel- und Langstrecken um die Hälfte reduzieren.

Grundproblem ist nicht gelöst

Ähnliche Bedingungen wünscht sich Hartmann auch für das Hilfspaket, mit dem der Bund Lufthansa unter die Flügel greifen will. Doch von Auflagen, die dem Klimaschutz dienen, sei nicht die Rede. „Wenn der Flugbetrieb wieder losgeht, bringt das vielleicht einige Neubürger in Norderstedt zum Nachdenken und dazu, unsere Arbeit in der NIG zu unterstützen“, sagt Hartmann.

„Es ist ja schön, dass sich unsere Oberbürgermeisterin als Vorsitzende der Fluglärmschutzkommission dafür einsetzt, dass die Nachtflugbeschränkungen eingehalten werden. Dass die Zahl der Flüge nach 23 Uhr erfreulicherweise zurückgegangen ist, löst aber das Grundproblem nicht“, sagt WiN-Fraktionschef Rathje.

Kampf gegen den Fluglärm geht weiter

Die Flüge und die damit verbundenen gesundheitlichen Belastungen seien einseitig zu Lasten der Norderstedter und anderer Umlandbewohner verteilt. 32 Starts an einem Sonntag zwischen 6 und 7 Uhr – das sei alles andere als Lebensqualität. Er setzt auf die Koalition in Kiel. „Die CDU-Landtagsabgeordnete Katja Rathje-Hoffmann hat uns zugesagt, sich bei der Landesregierung für eine Reduzierung des Fluglärms einzusetzen.“

Doch da bleibt dem Kabinett Günther nur die höfliche Bitte an die Kollegen in Hamburg. Schleswig-Holstein hat keine Anteile mehr am Flughafen. Rathje blickt mit Schrecken auf das geplante Wachstum, laut Flughafenchef Michael Eggenschwiler soll die Zahl der Passagiere von aktuell 17 Millionen jedes Jahr um mindestens zwei Prozent wachsen, der Flughafen soll entsprechend ausgebaut werden. Gegen den Ausbau hat der BUND Klage beim Oberverwaltungsgericht eingereicht. Und auch Rathje will den Kampf gegen den Fluglärm fortsetzen: „Wir geben nicht auf.“

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