Schröters Wochenschau

Nur durch die Gegend latschen – geht nicht

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Jan Schröter
Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt.

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt.

Foto: Wolfgang Klietz

Wir sind ein hibbeliges Völkchen: Zielloses Umherwandern ist für den Menschen nichts, wir brauchen immer einen Sinn – und sei er noch so sinnlos.

Kreis Segeberg.  Im „Europagarten“ zwischen dem Rathaus und einem Einkaufszentrum liegen in Henstedt-Ulzburg etliche buntbemalte Steine auf einer kleinen Mauer. Einige dieser Exemplare zeigen kaum mehr als Farbkleckse, andere zieren regelrechte Kunstwerke. Man darf sie mitnehmen, als „Wanderstein“ woanders wieder ablegen oder sich einfach daran erfreuen. Und nicht bloß hier, sondern mittlerweile überall. Mehr als 800 solcher Stein-Gruppen agieren allein in Deutschland. Was wieder einmal eindrucksvoll belegt: der Mensch muss immer etwas zu tun haben.

Stein aufsammeln, Bildchen drauf malen, Stein irgendwo hinlegen, weggehen und vergessen, nächster Stein – sowas würde keinem Schwein und überhaupt auch sonst keinem Geschöpf auf dieser Erde einfallen. Nur uns Menschen. Einfach nur so durch die Gegend latschen, das behagt uns einfach nicht. Wir brauchen immer einen Sinn, und wenn der sich nicht unbedingt erschließt, dann wenigstens eine Beschäftigung.

Wo jede andere Spezies denken würde: ich bin satt, rutscht mir alle den Buckel herunter, ich mach‘ jetzt gar nichts mehr, lege mich unter den nächsten Busch und poofe, bis mich der Kohldampf wieder auf die Pirsch zwingt – werden wir Menschen hibbelig.

Wir schnüren zielstrebig durch Wald und Flur, zählen dabei Vogelarten, botanisieren Kräuter, reißen Kilometer herunter und haben stets die persönliche Bestleistung im Blick. Das war immer so. Pyramiden, Chinesische Mauer oder Mona Lisa – alles bloß da, weil wir es können.

Wahrscheinlich entstanden nur deshalb prähistorische Höhlenzeichnungen, weil bei Familie Neandertaler gerade ein Rest von der Fackel übrig war, die nächsten 20.000 Jahre noch nichts im Fernsehen lief und man Opas Anekdoten von der letzten Eiszeit schon tausendmal gehört hatte.

Wer heutzutage AKN-Züge mit Graffitis besprüht, kann also gar nicht anders, das steckt in den Genen. Obwohl gerade für diese hyperaktiven Schmierfinken die Arbeit an bunt besprühten „Wandersteinen“ eine kostengünstige, vor allem aber sozialverträgliche Alternative darstellt. Dann würden sich zwar alsbald erst durch Henstedt-Ulzburg, dann durch den Landkreis und endlich durch die Republik meterhohe Wälle aus bunten Steinen ziehen – aber irgendwelche Rätsel muss man der Nachwelt schließlich auch überlassen.

Sonst gehen in 5000 Jahren bei „Terra X“ die Themen aus. Dann langweilen wir uns und werden hibbelig.

Und wer weiß, was uns dann wieder einfällt.

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