50 Jahre Norderstedt

Die Sinnsuche führte sie schließlich zu Gott

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Michael Schick
„Norderstedt ist ein Ort der lebendig ist und wächst.“: Die Pastorin Heike Shelley in der Vicelinkirche in Norderstedt.

„Norderstedt ist ein Ort der lebendig ist und wächst.“: Die Pastorin Heike Shelley in der Vicelinkirche in Norderstedt.

Foto: Thorsten Ahlf

Bis Heike Shelley vor 15 Monaten Pastorin der Vicelin-Schalom-Kirche in Norderstedt geworden ist, war es für die 47-Jährige ein langer Weg.

Norderstedt.  Es hat gedauert, und es gab Umwege, aber nun hat sie ihren Wunschberuf gefunden. Heike Shelley ist Pastorin, und das in einer Gemeinde, die ihr ausgesprochen gut gefällt: Vicelin-Schalom. Vor gut 15 Monaten hat die 47-Jährige die Nachfolge von Christian Stehr angetreten, der die Pastorenstelle der Schalom-Kirche nach schwerer Krankheit verließ und jetzt als Vertretungspastor im Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein arbeitet.

„Dass ich die Stelle bekommen habe, passte super in meine Lebensplanung“, sagt die Theologin. Nun ist sie wieder dichter bei ihrem 80 Jahre alten Vater, der in Halstenbek lebt, in dem Ort, in dem die Tochter aufgewachsen und die Mutter inzwischen gestorben ist.

Ihr Sohn ist sieben, und Heike Shelley wünscht sich, dass Opa und Enkel noch möglichst viel Zeit gemeinsam verbringen. Und der Weg von Norderstedt nach Halstenbek ist deutlich dichter als der von Geesthacht. Dort hat die Seelsorgerin vor dem Wechsel in die Vicelin-Schalom-Gemeinde gearbeitet – eine von vielen Stationen im Leben von Heike Shelley. In Dänemark und Marburg hat sie studiert, in Siek ihr Vikariat absolviert, in Irland mit Frauengruppen gearbeitet und in Dortmund Seelsorge geleistet.

In Irland ging sie dem Konflikt der Gläubigen auf den Grund

Warum gerade Theologie, ein Studium, das sieben Jahre dauert, länger als die meisten anderen Studiengänge, ehe sich das Vikariat noch anschließt? „2000 Jahre Kirchengeschichte, Hebräisch und Griechisch lassen sich nicht im Schnelldurchgang erledigen“, sagt Shelley. Das Christentum hat unsere Zivilisation geprägt, und da sie schon immer alles ganz genau wissen wollte, hat sie versucht, Antworten auf ihre vielen Fragen zu bekommen. „Man hat nie wieder so viel Zeit, sich Gedanken zu machen, wie im Studium“, sagt die Pastorin, die mit dem Iren Michael Shelley verheiratet ist.

Doch nach dem Abschluss fühlte sich die angehende Pastorin ausgebremst, die Landeskirche habe wenig Interesse am Nachwuchs gezeigt. Sie ging nach Irland und wollte es wieder ganz genau wissen. Was steckt hinter dem Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten, der fast drei Jahrzehnte dauerte und mehrere Tausend Tote forderte? Heike Shelley schaffte Unmögliches und brachte Frauen beider Konfessionen zusammen. Doch dann zerbrach die Gruppe, der alte Streit brach wieder auf. Der Gast aus Deutschland verschaffte sich ein zweites Standbein und ließ sich zur Heilpraktikerin ausbilden. Wieder ein Beruf, der Antworten auf viele Fragen und einen Einblick gibt, wie der Mensch funktioniert.

Doch das war es nicht, nicht das, was sie wirklich wollte, was sie erfüllte. Heike Shelley wollte nach Hause, sie war noch nicht fertig: „Das Vikariat hat mir gefehlt.“ Sie schloss die Lücke und landete schließlich in Norderstedt, einer Stadt, die ihr zusagt: „Es ist keine sterbende Stadt wie viele kleine Kommunen in ländlichen Regionen, sondern ein Ort, der lebendig ist und wächst“, sagt die Seelsorgerin. Die Atmosphäre sei angenehm, sie begegne fortschrittlichen, offenen und interessierten Menschen. Sie bekomme hier alles, was sie brauche, das Gastro- und Freizeitangebot stimme. „Man ist zum Radfahren oder Joggen schnell im Stadtpark oder in der Natur“, sagt Heike Shelley. Und wenn sie eine Freundin in Hamburg besuchen will, bringe sie die U-Bahn zügig hin.

Die Arbeit als Gemeindepastorin mache Spaß und sei vielfältig, aber auch zeitaufwendig und weit entfernt von einer tariflich geregelten 40-Stunden-Woche. „Gottesdienste, Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen sind ja nur ein kleiner Ausschnitt“, sagt die Pastorin. Ein wesentlicher Teil der Arbeit seien die Gespräche mit Gemeindemitgliedern, die Hilfe brauchen. Und seelische Not kenne keine Feiertage oder feste Arbeitszeiten. Gegengewicht ist die Freiheit.

Sie kann die Menschen auf unterschiedliche Weise zusammenbringen, Konzerte organisieren oder Workshops. Sie sei in der glücklichen Lage, nicht im Gemeindehaus wohnen zu müssen. Heike Shelley lebt mit ihrem Mann, der als Hufbeschlagschmied arbeitet, in einer Wohnung nur wenige Meter entfernt vom Gemeindezentrum am Immenhorst. „Das ermöglicht mir, Beruf und Privates zu trennen“, sagt die Seelsorgerin, die mit allen Generationen in Kontakt kommt.

Im Schalom-Kinderladen organisiert sie zusammen mit den Erzieherinnen Kinder-Andachten, in der Grundschule Lütjenmoor baut sie eine Kinderkirche auf. Sie diskutiert mit Konfirmanden, tauft, traut und tröstet, wenn Menschen einen Angehörigen verloren haben – eine Herausforderung, die nicht immer leicht zu bewältigen ist. Aber da hilft Heike Shelley ihre Lebenserfahrung, die sie in Irland auch außerhalb der Seelsorge gemacht hat. Und sie vertraut auf einen Beistand, der ihr Kraft gibt: Gott ist immer dabei.

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