Quarantäne-Tagebuch

Für dieses Heimkino reicht auch der Pyjama

| Lesedauer: 3 Minuten
Jan Schröter
Jan Schröter schreibt hier jeden Tag aus der Quarantäne.

Jan Schröter schreibt hier jeden Tag aus der Quarantäne.

Foto: Jan Schröter / Schröter

Jan Schröter fühlt sich jung wie nie: Die Männerfrisuren erinnern ihn an die Haarpracht von Netzer und Co. Nicht der einzige Vorteil der Krise.

Kreis Segeberg.  Ich fühle mich wieder jung. Mindestens wie um die 30, mit einem gehörigen Schuss Teenager-Feeling. Das passiert mir in der Ära Corona übrigens öfter. Zum Beispiel, als alle Kerle wegen der geschlossenen Friseursalons mit einer Matte herumliefen wie Günter Netzer zu Glanzzeiten. Damals war das ein gewohnter Anblick, wie viele andere trug auch ich die Haare lang und offen. Während des Friseur-Lockdowns jetzt auch. Und solange ich die Haarpracht nur spürte und nicht in den Spiegel sah, lebte die Illusion ewiger Jugend.

Nun hat der Friseur wieder geöffnet, die Haare sind seriös gestutzt. Dennoch fühle ich mich jung. Es ist Sommer, meine Liebste sitzt neben mir, mein Wagen schnurrt verlässlich, wir sind auf dem Weg ins Autokino und im Radio moderiert sich Carlo von Tiedemann mit Flachwitzen durch ein Musikprogramm mit Abba, Albert Hammond, Gilbert O’Sullivan und anderen Landdiscokrachern. Alles zusammengerechnet schreiben wir also höchstens das Jahr 1980, und so fühle ich mich.

„Wann musst du zuhause sein?“ erkundige ich mich bei meiner Gattin. „Nicht, dass ich Ärger mit deinen Eltern kriege!“ Ihr breites Grinsen signalisiert mir, dass sie unseren Ausflug genauso empfindet wie ich. Alles schon mal dagewesen, für schon etwas länger Lebende jedenfalls.

Hamburgs erstes Autokino eröffnete am 30. September 1976 in Billbrook mit dem Film „Papillon“. Das „Hamburger Abendblatt“ jubelte: „In dieses Kino kann man auch im Pyjama kommen“. Und allen Liebespaaren ohne eigene Wohnung bot sich nicht nur bei Schlechtwetter eine willkommene Alternative zum Bett im Kornfeld.

Okay, ich fuhr damals einen hochbetagten Fiat 500, Länge über Alles: knapp drei Meter. Dafür war ich jung und sehr gelenkig, meine Begleitung in der Regel auch. Am 18. Juni 2003 lief die letzte Vorstellung im Autokino Billbrook, von meinem Fünfhunderter trennte mich der Baurat bereits Jahrzehnte eher, die Zeiten änderten sich.

Doch jetzt sind wir wieder da, meine Liebste und ich. Wir sind im Autokino. Gut, der „Raider“-Riegel heißt nun „Twix“, dafür ist unser Wagen weitaus geräumiger als weiland der Fiat-Topolino. Draußen läuft ein Film, drinnen kommt der Ton dazu aus dem Autoradio. Leider finden wir den Film langweilig. Die Handlung lahmt. Und was die Dialoge betrifft, waren sogar Tiedemanns Monologe unterhaltsamer.

Einfach das Kino verlassen, das geht hier leider erst nach Filmende. Meine Frau durchwühlt das Handschuhfach, sucht und findet: eine uralte „Kuschelrock“-CD. „Hey, wir sind im Autokino…“

Ja, gestern habe ich mich jung gefühlt. Jetzt komme ich gerade vom Arzt. Der Rücken. Dabei ist mein Auto fast zwei Meter länger als der kleine Fiat. Die Sitze sind ergonomisch geformt, mehrschichtig gepolstert, beheizt und neu, aber ich bin gebraucht. Höchste Zeit, dass ich mich danach verhalte.

Zuhause erwartet mich die Liebste freudestrahlend: „In Hamburg gibt’s jetzt eine mobile Rollschuh-Disco!“ Ich war der King auf Rollschuhen. Irgendwo müssen die Dinger noch liegen.

Corona, ich liebe dich!

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