Quarantäne-Tagebuch

Für eine Tube Zahnpasta sein Leben riskieren?

| Lesedauer: 3 Minuten
Jan Schröter
Jan Schröter schreibt hier jeden Tag aus der Quarantäne.

Jan Schröter schreibt hier jeden Tag aus der Quarantäne.

Foto: Jan Schröter / Schröter

Ein Bundesliga-Trainer im Supermarkt, weil die Zahnpasta leer ist – ein unnötiges Risiko? Werden die Menschen in der Corona-Krise zu leichtsinnig?

Kreis Segeberg.  Die Sportmeldung des Wochenendes kam für mich nicht aus irgendeinem Stadion. Nein, dieses Ausrufezeichen der besonderen Art lieferte das unwiderstehliche Dribbling des Fußballtrainers und einstigen Nationalspielers Heiko – nomen est omen – Herrlich zum nächstgelegenen Supermarkt.

Die Fakten: Herrlich ist Trainer des Bundesligaclubs FC Augsburg und war mit seinen Spielern vor dem anstehenden Spiel gegen Wolfsburg im Hotel untergebracht – isoliert unter strenger Quarantänevorschrift. Aber dann stellte der gute Mann fest, dass er keine Zahnpasta mehr hatte und die Hautcreme ging auch zur Neige. Also ein schier unerträglicher Zustand, dem Herrlich mit beherztem Antritt und anschließendem Alleingang in besagten Supermarkt begegnete.

Weil er dabei (ungelogen!) seinen Trainingsanzug trug, auf dem wahrscheinlich auch noch groß der Vereinsname und „Trainer“ aufgedruckt war, misslang Herrlichs Versuch, sich unbemerkt bis zur Grundlinie in der Kassenzone durchzumogeln. Er flog auf, sperrte sich selbst für den nächsten Spieltag – hat nun aber, hoffe ich zumindest, Muße genug, seine zarte Haut zu pflegen. Und auch genug Creme dafür.

Ich dagegen muss mich kratzen. Am Kopf. Ratlos. Wenn so eine Dämlichkeit schon einem gestandenen Menschen von knapp 50 Jahren passiert, was muss man erst von 20-jährigen Fußballmillionären erwarten, denen im Mannschaftshotel das Haargel ausgeht? Darüber sollte man vielleicht lieber gar nicht nachdenken. Tue ich aber doch.

Und das führt mich direkt zur Frage: Denken wir eigentlich nicht genug darüber nach, für was wir unsere Gesundheit, eventuell sogar unser Leben – von dem unserer Kontaktpersonen ganz zu schweigen – aufs Spiel setzen? Ich schätze, das tun wir nicht. Sonst bräuchten wir nämlich gar keine Corona-Gesetze, Kontaktverbote und all diese Verordnungen, die nun seit Monaten unseren Alltag reglementieren.

Hätte Coach Herrlich nur kurz reflektiert, dass er möglicherweise sein Leben für den Erwerb einer Tube Zahnpasta riskiert, wäre er im Hotel geblieben, sogar ohne Verbot. Wenn draußen ein Säbelzahntiger um die Höhle schleicht, geht ja auch keiner raus, obwohl das theoretisch erlaubt wäre. Aber so ein Säbelzahntiger macht ordentlich Rabbatz, deshalb ist er wahrscheinlich auch längst ausgestorben. Ein Virus erwischt uns ohne Ansage. Wenn’s blöd läuft, beim Hautcreme-Shopping.

Nein, ich möchte ja auch nicht, dass sich nun alle eingraben und niemand mehr vor die Tür geht. Ich verstehe jeden, der sich beispielsweise dafür entscheidet, ein auf die Nase gefallenes, weinendes Kind tröstend in den Arm zu nehmen, Scheiß auf Corona. Falls es schief gehen sollte, ist man wenigstens einem edlen Impuls gefolgt und nicht einem temporären Kosmetikartikelmangel.

Ob Lockdown oder Lockerungen – letztlich bezwingt nicht die Politik das Virus, sondern jeder Einzelne von uns. Eigentlich wissen wir das ja auch. Aber bitte nicht vergessen, wenn wieder irgendwas alle ist.

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