Kreis Segeberg

Norderstedter Sportler dürfen wieder schwitzen

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Christopher Herbst
Tim Tuchel und die Mitarbeiter des Kraftwerks vertrauen auf ein umfassendes Hygienekonzept.

Tim Tuchel und die Mitarbeiter des Kraftwerks vertrauen auf ein umfassendes Hygienekonzept.

Foto: Christopher Herbst

Nach der Corona-Zwangspause: Fitness-Studios wie das Kraftwerk in Norderstedt dürfen in Schleswig-Holstein ab Montag wieder öffnen.

Norderstedt. Immer wieder hat Tim Tuchel langjährige Mitglieder vertrösten müssen. Ob es nicht möglich sei, einmal schnell die Geräte nutzen zu können, ist der Inhaber des Kraftwerks am Glashütter Markt manchmal gefragt worden. Keine Chance, die Corona-Einschränkungen ließen es nicht zu. Das Sport- und Fitness-Studio, zugleich Gesundheitszentrum mit Reha- und Präventionsangeboten, blieb geschlossen.

Am heutigen Montag ist die Auszeit ab 9 Uhr vorbei. In Schleswig-Holstein dürfen Studios wie das Kraftwerk ihren Betrieb wieder aufnehmen. Die Mitglieder werden sich allerdings umstellen müssen. „Wer den Laden betritt, muss die Hygienemaßnahmen unterschreiben, sich jeden Tag eintragen. Wir protokollieren, wer da ist.“ Die Landesregierung hat keine detaillierten Vorgaben gemacht, es gelten die bekannten Grundsätze: Abstand von mindestens 1,5 Metern, desinfizieren, wer sich krank fühlt, muss zu Hause bleiben. Duschen und Sauna sind sowieso geschlossen. Das heißt: Man muss bereits in Sportkleidung erscheinen, eine Jacke kann abgegeben werden, ansonsten soll auf so viel wie möglich verzichtet werden.

„Im Eingangsbereich ist bei uns Maskenpflicht“, so Tuchel. Beim Sport selbst nicht, auch wenn es empfohlen wird. „Jeder darf es selbst entscheiden. Ich gehe davon aus, dass es ein Drittel versuchen wird. Ich habe es probiert, es geht beim leichten Krafttraining. Nur beim Laufen nicht.“ Das Personal wird allerdings Mundschutz tragen. Zum Beispiel bei Gesprächen oder bei Einführungen. „Wir werden aber nicht so viel korrigieren, sondern es ein bisschen laufen lassen.“

Bis zu 70 Sportler dürfen gleichzeitig im Studio sein

Rund 1000 Fitness-Sportler nutzen das Kraftwerk, 400 bis 500 weitere sind im Rehabereich aktiv – der aber erst in zwei Wochen wieder starten soll. Tuchel möchte langsam beginnen, er hat seine Mitarbeiter zudem noch einmal schulen lassen. Mit einem großen Ansturm rechnet er vorerst nicht. „Wir haben 1380 Quadratmeter Fläche. Ich rechne mit sieben bis zehn Quadratmetern pro Mitglied, in der Theorie wären es 130. Aber ich habe mich für 60 bis 70 gleichzeitig entschieden. Wir haben von 9 bis 21 Uhr geöffnet, aber ich glaube, dass wir nicht an die Kapazitätsgrenze herankommen werden.“ Denn sämtliche Kurse, auch jene in der Prävention oder etwa Aerobic, finden noch nicht statt. „Aber irgendwann werden wir die natürlich wieder anbieten.“ In den vakanten Kursusräumen stehen vorerst weitere Trainingsgeräte – ein Viertel aller Stationen wurde trotzdem abgebaut. Zwischen Geräten soll stets 2,50 Meter Abstand sein, überall hängen Desinfektionsspender und Hygienetafeln. „Und ich habe Plexiglasscheiben bestellt.“ Die sollen unter anderem die Laufbänder trennen. „Und wir erlauben nur eine Stunde Sport. Das werden die Leute auch okay finden. Und dann, in zwei, drei Monaten, gehen wir hoch auf 90 Minuten.“

Grundsätzlich findet Tim Tuchel nicht, dass ein Sportstudio ein höheres Infektionsrisiko birgt als andere geschlossene Räume. „Wir sind sicherer als ein Restaurant. Unser Hygienestandard war schon immer gut, wir reinigen zweimal am Tag. Im Kardiobereich ist es Pflicht, sein vollgeschwitztes Gerät sauber zu machen. Nur im Kraftbereich war es bisher nicht üblich. Wir werden jetzt darauf achten, dass jeder ein großes Handtuch mitbringt – oder eher zwei.“

Wirtschaftlich hat das Kraftwerk die Zwangspause gut überstanden. „Ich habe meine festen Mitarbeiter voll weiterbezahlt. Aber ich hatte auch Einnahmen, denn es gab nur ganz wenige Kündigungen. Wir haben treue Kunden.“

Das Elixia in Langenhorn darf weiterhin nicht öffnen

Unterdessen ist in Hamburg nicht absehbar, wann Fitness-Studios wieder öffnen dürfen. Davon betroffen: das Elixia in Langenhorn, wo ebenso viele Norderstedter Mitglied sind. Geschäftsführer Heiko Pfeifer hat sich nun mit einem Brief, den er auch bei Facebook teilte, an Bürgermeister Peter Tschentscher gewendet. Er vermisst nachvollziehbare Kriterien für die andauernde Schließung – zumal andere Bundesländer eine Öffnung wieder gestattet haben. „Das effektivste Mittel gegen Viruserkrankungen ist ein funktionierendes Immunsystem.“ Gesundheitstraining, wie es im Elixia und in der Branche angeboten werde, sei dafür ein „essenzielles Element“. Pfeifer: „Fitness-Studios schützen vor Erkrankungen, sie verursachen diese nicht.“ Er lädt den Bürgermeister ein, sich vor Ort zu informieren und sich zeigen zu lassen, „wie effektiv wir in der Lage sind, praktikable Hygienekonzepte umzusetzen.“

Vielleicht wird die Öffnung auf dem Rechtsweg erstritten. Das Hamburger Verwaltungsgericht gab in der letzten Woche der Klage einer Betreiberin statt, wonach es eine unzulässige Ungleichbehandlung sei, Sportstudios den Betrieb zu untersagen, während andere Gewerbe – etwa Frisöre – eine Genehmigung bekämen. Die Begründung der Stadt, wonach es wegen des Atmens und verstärkten Ausstoßes von Aerosolen beim Sport eine höhere Ansteckungsgefahr gebe, war für das Gericht nicht ausreichend. Weil die Hansestadt Einspruch eingelegt hat, wird der Fall vor dem Oberverwaltungsgericht weiter verhandelt. Bis dahin gelten die Schließungen weiter.

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