50 Jahre Norderstedt

Zwei Millionen Kilometer auf Norderstedter Straßen

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Miriam Opresnik
Hubert Lembke bedeutet es viel, junge Leute ein Stück weit auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden zu begleiten.

Hubert Lembke bedeutet es viel, junge Leute ein Stück weit auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden zu begleiten.

Foto: Thorsten Ahlf

Fahrlehrer Hubert Lembke hat Generationen von Menschen in der Stadt das Autofahren beigebracht. Dabei wollte er eigentlich nie Fahrlehrer werden.

Norderstedt.  Wenn Hubert Lembke in seinem blauen Golf mit den roten Felgen durch Norderstedt fährt, kommt er immer wieder an diesen besonderen Stellen vorbei. Für andere mögen das ganz normale Straßen, Kreuzungen oder Sackgassen sein – für Lembke steckt der Asphalt voller Erinnerungen. 50.000 Kilometer fährt er – jährlich! In all den Jahren müssen es so an die zwei Millionen gewesen sein. Seit mehr als 40 Jahren ist Lembke Fahrlehrer, mehr als 1500 Schülern hat er das Autofahren beigebracht – „und dabei jede Menge erlebt“, sagt Lembke.

Er ist einer dieser Menschen, der mit Bedacht spricht, vorsichtig formuliert. Lieber einmal länger überlegt, was er erzählen kann – über seine Schüler und diese besonderen Stellen. Die Glasmoorstraße ist so ein Beispiel dafür. Direkt hinter der Kurve, wo früher mal ein Dornenbusch stand – in den eine seiner Schülerinnen bremsend reingefahren ist. Oder der Parkplatz beim TÜV, wo er mit einer Schülerin auf den Fahrprüfer gewartet hat. „Das Mädchen wollte den Fahrprüfer ein bisschen bezirzen und trug kurze Hotpants sowie ein tiefausgeschnittenes Shirt“, sagt Lembke und muss heute noch bei der Erinnerung lachen. „Und dann wird die Prüfung von einer Frau abgenommen.“ Seine Schülerin hat trotzdem bestanden. So wie die meisten von ihm. Seine Durchfallquote ist gering.

Ende der 1970er-Jahre ist er in die Fahrschule seines Vaters Walter eingestiegen. Ausgerechnet in jenem Winter, als es in Norddeutschland zur Schneekatastrophe kommt. Bei Menschen wie Hubert Lembke scheint der Lebensweg vorgezeichnet zu sein, von Anfang an festzustehen. Er ist in der Fahrschule aufgewachsen, mit ihr verwachsen. Schon als kleiner Junge hat er seinem Vater am Wochenende bei der Fahrzeugpflege geholfen und abends beim Einschlafen die Stimmen aus dem Theorieunterricht gehört. Sein Kinderzimmer war damals genau über dem Unterrichtsraum. Heute hat Lembke hier sein Büro.

Er hatte eigentlich nie vor, bei seinem Vater einzusteigen. Er entschied sich nach der Realschule am Falkenberg für ein Leben jenseits der Fahrschule. Er macht eine Ausbildung als Elektroniker bei der Lufthansa, studiert im Anschluss an der Fachhochschule Wedel Physikalische Technik. Als er vier Jahre später sein Zertifikat als Diplom-Ingenieur bekommt, hat sich die Welt verändert, die Wirtschaft stagniert nach der Ölkrise. „Habe eine Bewerbung nach der anderen geschrieben und keinen Job bekommen“, sagt Lembke. „Das war schon bitter.“

Um überhaupt etwas zu machen, bittet er seinen Vater, ihm eine Fahrlehrerausbildung zu finanzieren. „Ich wollte damit nur die Zeit überbrücken, bis die Lage auf dem Arbeitsmarkt wieder besser wird“, sagt Lembke und erzählt, wie er nach seiner Rückkehr beginnt, in der Fahrschule auszuhelfen. Nur für ein paar Monate, nimmt er sich vor. Es werden Jahre, Jahrzehnte. Manchmal fragt er sich, ob es auch so gekommen wäre, wenn sein Vater nicht krank geworden wäre. Wenn der Arzt ihm damals nicht gesagt hätte, dass Walter Lembke es nicht schaffen wird. Wenn er nicht den Betrieb hätte übernehmen müssen – gerade mal zehn Tage, nachdem er nach Hamburg zurückgekehrt war. Mit Mitte 20, kaum älter als die meisten Fahrschüler. Selbst als es seinem Vater besser ging, ist er geblieben. Warum?

Die Antwort auf die Frage hängt an den Wänden seines Büros. Überall. Über dem Schreibtisch und neben der Tür, am Gelände die Treppe hoch. Es sind Postkarten. Dutzende von Postkarten aus aller Welt, geschrieben von seinen Fahrschülern. Manche von ihnen sind zu Freunden geworden. „Einen Menschen ein Stück auf seinem Lebensweg zu begleiten – das hat mir immer viel bedeutet“, sagt Lembke. Viele von ihnen kennt er seit ihrer Geburt. Viele seiner heutigen Schüler sind die Kinder ehemaliger Schüler – oder sogar die Enkelkinder.

Auszeit vom Fahren nimmt Lembke auf dem Weinberg. Vor ein paar Jahren hat er ein bisschen Geld in das Weingut eines Freundes an der Obermosel investiert, seit Jahrzehnten hilft er dort bei der Weinlese. Rund 60 Tonnen Trauben pressen sie im Herbst. „Unser Elbling ist weltweit eine Spezialität und wird sogar in den USA verkauft“, sagt Lembke, ein bisschen stolz.

Irgendwann hat er mal überlegt, zum TÜV zu gehen und selbst Prüfer zu werden. Er hatte ein gutes Angebot, ein solides Gehalt, Rente. Ein sicherer Job wäre das gewesen. Sicherer als die Selbstständigkeit. Er hat trotzdem abgelehnt. War ihm irgendwie zu – er sucht nach dem richtigen Wort – „unproduktiv“. Auch wenn das merkwürdig klingt. „Ich hatte immer das Gefühl, dass ich den Jugendlichen als Fahrlehrer was mitgeben kann, wenn ich sie länger begleite. Ich wollte etwas aufbauen und wachsen sehen“, erklärt Lembke. Für ihn war das eine Art Lebenselixier. „Als Prüfer wär mir die Begegnung mit den Menschen zu kurz gewesen.“

Lembke lehrt, wie man fährt. Mit diesem Spruch hat einst sein Vater geworben. Das passt heute noch immer. Eine Ergänzung gibt es allerdings: Seit Generationen. Manchmal fragen ihn die Leute, wie lange er noch arbeiten will. Die Antwort weiß er selbst nicht. Ende 60 ist er jetzt. Eine Altersgrenze für Fahrlehrer gibt es nicht. „Auch wenn es so aussieht – Fahrlehrer sitzen nicht nur im Auto und lassen sich rumfahren“, sagt Lembke eindringlich. Die Sache ist ihm wichtig, sehr wichtig. „Man muss blitzschnell reagieren und eingreifen können.“ Neulich war eine ehemalige Schülerin bei ihm, um ihre Fahrtauglichkeit überprüfen zu lassen. Sie ist zehn Jahre älter als er. Hubert Lembke hat seine Kinder angewiesen, auf erste Anzeichen zu achten. Drei Jungs hat er, der Jüngste ist 21. Bisher will keiner von ihnen in die Fahrschule mit einsteigen. Aber das wollte Lembke ja auch nicht.

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