Kreis Segeberg

Geprobt wird zu Hause vor dem Bildschirm

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Jörg Riefenstahl
Die Mitglieder des Kaltenkirchener „Chors 82“ treffen sich jetzt als „Zoom-Chor“.

Die Mitglieder des Kaltenkirchener „Chors 82“ treffen sich jetzt als „Zoom-Chor“.

Foto: Chor 82

Viele Chöre in Norderstedt und der Region setzen wegen der Corona-Krise auf virtuelle Zusammenkünfte.

Norderstedt/Kaltenkirchen.  Abstand halten – das gilt in diesen Zeiten in besonderem Maße für Chöre. Seit Mitte März ist das normale Chorleben mit regelmäßigem Singen in der Gemeinschaft wegen Corona passé. Sämtliche Proben wurden abgesagt, Konzerttermine im Frühjahr und im Sommer sind geplatzt oder wurden ins nächste Jahr verschoben. An Auftritte ist bis auf Weiteres nicht zu denken. Wie gehen Chöre im Kreis Segeberg mit dieser Situation um? Wie kann ein Chorleben ,,nach Corona“ aussehen? Ein Stimmungsbild nach sieben Wochen Shutdown.

In seinem Tonstudio empfängt Chorleiter Alexander Grimm Sängerinnen und Sänger vom Chor ,,Sing Along“. Zweimal pro Woche trifft sich die bunt gemischte Gruppe in diesen Tagen. Alle Teilnehmer stellen sich kurz vor, dann geht’s nach dem Aufwärmen gleich zur Sache: „Seasons Of Love“, „Little Shop Of Horrors“ und „Somewhere Over The Rainbow“ stehen auf dem Programm – eingängige Songs, die viele kennen. Grimm spielt Klavier, singt zur Orientierung die Bassstimme mit. Und hilft, wenn etwas noch nicht so gut läuft.

Alles ganz normal, könnte man meinen. Doch ,,Sing Along“ ist ein rein virtueller Chor. Das heißt: Die Sängerinnen und Sänger singen alle von zu Hause und sind – ähnlich einer Videokonferenz – per Zoom miteinander verbunden. Beim Singen können sie sich sehen – untereinander hören können sie sich allerdings nicht. Der Einzige, den während des Singens alle hören, ist der Chorleiter, der auf Wunsch Noten und Übedateien bereitstellt.

Die Idee zu ,,Sing Along“ hatten Mitglieder vom Ensemble ,,Hamburg Voices“, in dem auch mehrere Norderstedter regelmäßig singen. ,,Sing Along’ ist eine offene Gruppe. Jeder kann mitsingen. Das Angebot ist kostenlos“, sagt Grimm, der ,Hamburg Voices’ ebenfalls leitet. Nach Lockerung der Corona-Maßnahmen möchte der Vocal-Coach „Sing Alongs“ einen Workshop anbieten – um sie auf ein gemeinsames Konzert mit „Hamburg Voices“ vorzubereiten. Doch so weit ist es noch nicht.

Wohnzimmerkonzerte mit Klavierbegleitung

,,Wir fiebern der Zeit entgegen, wenn wir uns endlich alle wiedersehen, und uns vielleicht in zwei oder drei Minichören von fünf bis zehn Personen treffen, um uns auf unser Weihnachtskonzert vorzubereiten“, sagt Anja Dörger, Vorsitzende vom Kaltenkirchener ,,Chor 82“, der zurzeit einmal pro Woche als ,,Zoom-Chor“ zusammentritt. Ein Drittel der 42 Sängerinnen und Sänger macht mit. Es habe zwei Wohnzimmerkonzerte gegeben, ,,mit Quartett und Klavierbegleitung“, sagt Anja Dörger. ,,Wir sind gesund und munter, kommunizieren per WhatsApp.“ Allerdings schlug der Sterbefall eines älteren Chormitgliedes auf die Stimmung – Abschied ging nicht, da keine Trauerfeier möglich war.

Da der Probenraum vom ,,Chor 82“ nicht sehr groß ist, sei im Sommer eine Open-Air-Probe vor dem Christophorushaus denkbar. ,,Singen macht glücklich. Wir tun alles dafür, dass wir wieder mit genügend Abstand von drei Metern zusammenkommen“, sagt die Vorsitzende.

Traditionelle Chöre wie die Shantytruppe ,,Moorbekschipper“, die ,,Chorgemeinschaft Alster Nord“ oder ,,Septima“ aus Norderstedt trifft die Krise besonders hart. Keine Proben und keine Auftritte bedeutet auch keine sozialen Kontakte in der Gemeinschaft. Allein die ,,Moorbekschipper“ mussten zwölf Auftritte absagen – darunter beim Stadtfest und bei der Einlassparade des Hamburger Hafengeburtstags. ,,Die Auftritte fehlen uns“, sagt Rolf Janßen, Vorsitzender des Chores. Schlimm sei, dass man sich nicht mehr trifft. ,,Die alten Leute wollen wieder unter sich sein. Es ist wie mit den Kindern auf dem Spielplatz.“ Im September könnten die Proben in Teilen wieder beginnen, hofft Janßen.

,,Wir gehören mit 75 Jahren Altersdurchschnitt zur Risikogruppe“, sagt Bernhard Drews, Sprecher der ,,Chorgemeinschaft Alster Nord“. Der Probenraum im Awo-Heim ist gesperrt. ,,Es ist ein Drama für sich. Wir haben uns überlegt, wenn er wieder geöffnet wird, in Stimmgruppen von zehn Leuten zu proben – mit Abstand von drei Metern zueinander. Und den Raum gut zu lüften.“ Kontakt halten die Sänger derweil per Telefon und WhatsApp. ,,Singen per Video wäre schön, aber die Technik fehlt.“

,,Für viele ist Chor ein Highlight, die Gemeinschaft in den Proben, die Ausflüge“, ergänzt seine Frau Gisela Drews, Sängerin im gemischten Chor ,,Septima“ in der Altersgruppe 60 Plus. Neue Musikstücke versendet ihr Chorleiter per WhatsApp. ,,Wir singen zu Hause.“

Das machen auch die 16 Sängerinnen und Sänger der Vokalband ,,Soateba“ aus Kaltenkirchen. Chorleiter und Bandleader Bernhard Froh schreibt die Arrangements aus Pop, Rock und Musicals für den Chor selbst. Er hat Playbacks aufgenommen, damit die Sänger ihre Stimmen proben können. ,,Corona macht uns allen zu schaffen. Allzu lange sollte es nicht mehr andauern“, sagt der freischaffende Künstler.

Wer einfach Spaß am Singen hat und allein oder in der Gruppe zu Hauser singen möchte, kann beim Online-Projekt ,,Der Norden singt“ mitmachen. Immer dienstags von 20 bis 21 Uhr sendet Niels Schröder, der in der Stadt schon von ,,Norderstedt singt“ bekannt ist, mit seiner siebenköpfigen Band einen kostenlosen Livestream zum Onlin-Singen auf Youtube. Alle Informationen auf www.der-norden-singt.de.

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