Schröters Quarantänetagebuch

Mit Reisepass und Visum durch deutsche Lande

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Jan Schröter
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Foto: Jan Schröter / Schröter

Vielstaaterei hat auch Vorteile. Und 16 Bundesländer sind ja noch eine überschaubare Dimension – findet Jan Schröter.

Kaum geht die Corona-Ansteckungsrate zurück, treibt der Föderalismus bunte Blüten. 16 Bundesländer beschreiten 16 unterschiedliche Pfade auf dem Rückweg zur Normalität. Aber vielleicht ist genau das gar nicht so schlecht. Es weiß ja sowieso niemand, wie man die soziologischen, ökonomischen und virologischen Komponenten des Corona-Dilemmas so maßregelt, dass der Schaden in allen Bereichen am geringsten bleibt.

So betreibt man in Deutschland 16 Versuchslabore anstatt nur eines. Während man in dem einen Bundesland bereits gepflegt in Restaurants speist, würgt man im anderen Bundesland die 57. Spaghetti-Mahlzeit herunter, weil das nörgelnde Kind endlich wieder sein Kinderzimmer benutzen möchte und man deswegen die dort gestapelten Nudelpackungen aufbrauchen muss. Sollte sich irgendwo eine der getroffenen Lockerungen als verheerend erweisen, wird es immerhin andernorts genug Überlebende geben, um noch weitere Fehler riskieren zu können.

Vielstaaterei hat also auch Vorteile. Und 16 Bundesländer sind ja noch eine überschaubare Dimension. Nach dem Dreißigjährigen Krieg, in der Mitte des 17. Jahrhunderts, bestand das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ aus ca. 300 Kleinstaaten. Grafschaften, Fürsten-, Herzog- und Bistümer, dazu autonom agierende Ritter mit Machtbereichen, die kaum größer waren als eine Sandkiste. Allein 80 dieser ca. 300 Kleinstaaten umfassten zusammen ein Gebiet, welches heute auf einem Drittel der Fläche Berlins Platz fände. Auf dem Weg von Hamburg nach Magdeburg, 350 Flusskilometer auf der Elbe, musste ein Binnenschiffer geschlagene 16-mal an Zollstationen anlegen. So einen Autoritäts-Flickenteppich gab es nirgendwo und nirgendwann sonst auf diesem Planeten. Vielleicht ist das sogar Teil unserer nationalen DNA, wer weiß. Jedenfalls ist diese Macke auch den Engländern aufgefallen, tatsächlich ist „Kleinstaaterei“ eines der wenigen deutschen Wörter, das ins Englische übernommen worden ist. „Kindergarten“ zählt übrigens auch zu den englisch eingemeindeten Deutsch-Vokabeln, was in Begriffskombination mit „Kleinstaaterei“ durchaus ein wenig zu denken gibt.

Nun gut, nehmen wir unsere Veranlagung offensiv an, wenn wir sie denn anscheinend doch nie ablegen werden. Sagen wir klar und deutlich: Ja, wir dürfen in Mecklenburg-Vorpommern ins Restaurant gehen, in Niedersachsen Urlaub machen, in Nordrhein-Westfalen die riesigsten Möbelhäuser heimsuchen. Der Meckpommer Bewirtungsbeleg wird allerdings vom Finanzamt Segeberg nicht anerkannt, für den Niedersachsen-Trip benötigen wir Reisepass und Visum. Und die in Düsseldorf erworbene Schrankwand müssen wir leider auf dem Rückweg nach Schleswig-Holstein in NRW, Niedersachsen, Hamburg verzollen und zu Hause gleich noch mal. Wer braucht schon nationale Regelungen. Das fand schon Johann Wolfgang von Goethe: „Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens; bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.“

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