Schleswig-Holstein

Forschungszentrum Borstel zerlegt das Coronavirus

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Wolfgang Klietz
Forscher in Schleswig-Holstein wollen das Coronavirus zerlegen.

Forscher in Schleswig-Holstein wollen das Coronavirus zerlegen.

Foto: Jochen Stuhrmann / Picture Press/Jochen Stuhrmann

Institut will genetischen Code des Virus entschlüsseln und sucht als Teil einer weltweiten Wissenschaftsgemeinde nach Wirkstoff.

Sülfeld.  Das Forschungszentrum Borstel (FZB) intensiviert die Arbeit im Kampf gegen das Coronavirus und erhält dafür Zuschüsse vom Bundesministerium für Gesundheit. Noch in diesem Monat sollen im Hochsicherheitslabor des FZB Viren und ihre Eigenschaften sowie Proben von erkrankten Patienten untersucht werden. Borstel will außerdem die Kapazitäten für die Diagnostik der Krankheit ausweiten.

Das FZB arbeitetet dabei eng mit dem Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) und dem Heinrich-Pette-Institut für Experimentelle Virologie (HPI) am UKE zusammen. Die drei Institutionen haben sich zum Leibniz Center Infection (LCI) zusammengeschlossen und werden aus Berlin mit Finanzmitteln unterstützt.

Um das Virus in Borstel untersuchen zu können, fehlen jedoch noch Geräte und Genehmigungen beim FZB, sagt Direktor Ulrich Schaible. Er hofft, in Kürze mit den Untersuchungen beginnen zu können. Im Hochsicherheitslabor soll das Virus gleichsam zerlegt werden, die Untersuchungen des genetischen Codes können in den herkömmlichen Labors des FZB erfolgen.

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In Borstel können auch Corona-Patienten behandelt werden

Was so theoretisch klingt, könnte zu großen Fortschritten in der Forschung, zum Beispiel bei der Suche nach einem Medikament, führen. „Wir wollen auch sehen, ob wir einen Wirkstoff finden können“, sagt Schaible. Dabei kooperiert das FZB auch mit den Uni-Kliniken in Kiel und Lübeck.

Bei dem Kampf gegen das Virus und die Erkrankung setzen die drei Partner des LCI darauf, sich mit ihren Kompetenzen zu ergänzen. Das Bernhard-Nocht-Institut verfügt über große Kapazitäten für die Untersuchung von Proben. Das Heinrich-Pette-Institut bringt sein Wissen in der Virologie ein. Die Wissenschaftler in Borstel werden sich auf Forschungen zur klinischen Behandlung und Betreuung von Covid-19-Patienten konzentrieren. Das FZB ist eine der wenigen Institutionen der renommierten Leibniz-Gemeinschaft, die über eine eigene Klinik verfügt.

Dort haben sich die Mediziner und Forscher bislang auf die Tuberkulose konzentriert und sich den Titel „Nationales Referenzzentrum“ erarbeitet. Damit habe Borstel auch die Infrastruktur für die Forschung und Behandlung von Corona-Patienten. „Wir sind dafür gut ausgerüstet“, sagt Schaible.

FZB arbeitet an einem Schnellentscheidungssystems

Fünf Menschen mit schweren Symptomen habe das Krankenhaus behandelt. Alle konnten gesund entlassen werden. Darüber hinaus habe Borstel Tuberkulose-Patienten aus anderen Kliniken aufgenommen, um dort Kapazitäten für die Behandlung anderer Erkrankungen freizumachen. „Es ging alles gut“, resümiert Schaible. „Das System wurde nicht überlastet.“

Im FZB arbeiten die Mediziner außerdem am Aufbau eines sogenannten Schnellentscheidungssystems, das bei der Behandlung von Corona-Patienten angewendet werden soll. Ziel sind klar definierte Kriterien für Mediziner, die Corona-Patienten behandeln: Wann muss ein Kranker so schnell wie möglich beatmet werden? Wann kann er nach Hause entlassen werden?

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Schaible rechnet damit, dass frühestens im Sommer 2021 ein ausreichend getesteter Impfstoff gegen das Virus zur Verfügung stehen wird. Bei der Entwicklung eines Medikaments zur Bekämpfung der Krankheit könnte es schneller gehen. Er setzt auf den Einsatz bereits bekannter und getesteter Präparate, die eigentlich bei anderen Krankheiten verordnet werden. Dazu zählen zum Beispiel Wirkstoffe gegen Ebola und Malaria. Viele Hinweise deuten daraufhin, dass sie gegen Corona helfen. „Wir wissen aber noch nicht wie“, sagt Schaible.

Forschungszentrum Borstel verfügt über ein Test-Drive-In

Das Forschungszentrum Borstel war nach Ausbruch der Corona-Pandemie die erste Einrichtung im Kreis Segeberg, die einen Test-Drive-In mit der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) eingerichtet hat. Patienten mit einer ärztlichen Überweisung können getestet werden. Erst wenn das Testzentrum sich telefonisch beim Patienten meldet und einen Termin vereinbart, darf er kommen, mit dem Auto vorfahren und sich den Abstrich nehmen lassen.

Akute Krankheitsfälle werden sofort über einen gesicherten Weg in die Klinik des Forschungszentrums geführt und behandelt. Der Abstrich soll unter einem wettergeschützten Vordach entnommen werden. Für das medizinische Personal steht draußen ein Pavillon als provisorischer Wetterschutz zur Verfügung. In der Klinik haben IT-Experten im Auftrag der KVSH eine Computeranlage aufgebaut, um die Daten der Patienten zu erfassen und ihre Krankenkassen-Chipkarten einlesen zu können.

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