Kreis Segeberg

Als ein GAU die Rathäuser im Kreis überforderte

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Frank Knittermeier
Demonstration vor dem Hamburger Rathaus im Mai 1986: Alle Spielplätze waren gesperrt – wie jetzt in Zeiten des Coronavirus.

Demonstration vor dem Hamburger Rathaus im Mai 1986: Alle Spielplätze waren gesperrt – wie jetzt in Zeiten des Coronavirus.

Foto: Argus – Dirk Eisermann / argus - Dirk Eisermann

Vor 34 Jahren kam es im Kernkraftwerk Tschernobyl zur Kernschmelze. Krisenmanagement war mit Situation überfordert.

Norderstedt . Die öffentlichen Spielplätze sind bis Montag noch gesperrt: Die Coronakrise lähmt das öffentliche Leben. Eine Ausnahmesituation – und doch: Schon einmal galt in Norderstedt und der Region das Spielen in der Sandkiste als gefährlich, schon einmal war die Bevölkerung stark verunsichert – das war vor genau 34 Jahren: Das Reaktorunglück von Tschernobyl.

Es war eine Bewährungsprobe für das Krisenmanagement auf Stadt-, Kreis-, Landes- und Bundesebene. Und auch wenn in der Coronakrise von einigen Seiten Kritik am vermeintlich uneinheitlichen Vorgehen der Behörden geübt wird – vor dreieinhalb Jahrzehnten sahen die Verantwortlichen ganz schön alt aus im Vergleich zu den heutigen Entscheidungsträgern.

Am 26. April 1986 ereignet sich die Nuklearkatastrophe im Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine. Erst drei Tage später kommt die Meldung über die Katastrophe in den deutschen Nachrichten. In unserer Zeitung erscheint erstmals am 6. Mai ein Artikel mit Reaktionen aus dem Kreis Segeberg. Bis dahin hatte sich offenbar niemand in den Rathäusern und in der Kreisverwaltung Gedanken darüber gemacht, dass dieses ferne Ereignis Auswirkungen auf das hiesige Leben haben könnte. Auch die lokalen Zeitungen sahen offenbar keinen Anlass nachzufragen. Warum auch, wenn selbst die Landesregierung sich in Schweigen hüllt? Erst am 5. Mai werden die Behörden aus Kiel über den aktuellen Stand der Dinge informiert.

Wir haben einmal im Archiv nachgesehen, wie damals berichtet wurde:

So beklagt sich die Norderstedter Hausfrau Karin Hertel: „Ich habe mit dem Norderstedter Bürgermeister gesprochen, der konnte mir überhaupt nichts sagen.“ Das Sozialministerium stuft die Lage als ungefährlich ein. Immerhin gibt es an jenem Tag erste Empfehlungen der Behörden: „Bitte nicht ungeschützt im Freien aufhalten, kein frisches Blattgemüse verzehren. Kinder sollen nicht in Pfützen planschen, nach dem Spielen in der Sandkiste sollen sie sich gründlich waschen.“ Am 9. Mai lautet die Schlagzeile der Norderstedter Zeitung: „Unerwartet hohe Strahlenbelastung von 5000 Becquerel im Boden gemessen/TÜV empfiehlt, Spielplatz-Sand zu waschen“. Die Bürger geraten in Panik.

Kaltenkirchens Bürgermeister Fehrs beklagt die Informationspolitik des Kreises, Landrat Graf Schwerin von Krosigk verteidigt die Zurückhaltung des Kreises: „Es wäre angesichts des großen Wirrwarrs fatal gewesen, wenn der Kreis auch noch anfangen wollte, die Lage zu beurteilen.“ Wie Durcheinander alles geht, erfahren die Meiereien aus dem Kreis Segeberg: Sie sollen Milchproben direkt beim Kernkraftwerk Krümmel untersuchen lassen, doch dort weiß man von nichts. Man könne ja Proben dalassen, aber heute würden sie sicherlich nicht mehr untersucht, heißt es.

Ein Norderstedter Bürger will sich direkt bei der Landesregierung informieren und wählt die Nummer des extra eingerichteten Bürgertelefons. Informationen bekommt er nicht, stattdessen wird er nach Hamburg verwiesen, wo sich unter der angegebenen Nummer ein Makler meldet. Am 12. Mai rudert die Stadt Norderstedt zurück: Nicht 5000 Becquerel, sondern nur 317 Becquerel seien im Boden gemessen worden. Klaus Kehrmann, Umweltschutz-Ingenieur der Stadt Norderstedt gibt kleinlaut zu: „Wir haben eine falsche Zahl vorschnell weitergegeben.

Tiefkühlkostunternehmen melden „Hochkonjunktur“

Am 14. Mai gibt das Sozialministerium Entwarnung: Die radioaktive Belastung gehe zurück. Der Weideauftrieb für Milchvieh wird freigegeben, der Verzehr von Milch und Milchprodukten für unbedenklich erklärt. In den Lebensmittelläden wird bis jetzt kaum noch Milch und Gemüse gekauft, die Tiefkühlkostunternehmen melden hingegen „Hochkonjunktur“.

Am 17. Mai zieht Norderstedts Bürgermeister Volker Schmidt dieses „Atom-Fazit“: „Norderstedter waren zu keiner Zeit gefährdet.“ Die Stadt habe mit „Bordmitteln“ versucht, auf eine neue Herausforderung zu reagieren, aber das soll in Zukunft anders werden: Schmidt schlägt vor, ein Umweltschutzfahrzeug für die Feuerwehr anzuschaffen und es mit einem „fein geeichten“ Strahlenmessgerät auszustatten. Jetzt folgt die politische Aufarbeitung des behördlichen Durcheinanders. „Informationspolitik bleibt ein Schwachpunkt“, heißt es in einem Kommentar der Norderstedter Zeitung. Tatsächlich bleiben positive und negative Ergebnisse von Messungen lange unter Verschluss. Besonders die Bürgermeister Glück in Henstedt-Ulzburg und Fehrs in Kaltenkirchen waren durch ihre „Mauerpolitik“ unangenehm aufgefallen. Von den Falschinformationen aus dem Norderstedter Rathaus gar nicht zu reden.

Am 3. Juni kommt es im Kreistag zum Showdown. Alle Fraktionen sind sich einig – und das kommt in der Kreispolitik nicht oft vor: Sie rügen die mangelhafte Informationspolitik von Landrat Graf Schwerin von Krosigk. Der Beschuldigte gibt sich zerknirscht und berichtet noch über eine pikante Einzelheit: Während der Lagerung in einem Blechschuppen tropfte Wasser aus einem Behälter mit radioaktiv verseuchtem Wasser. Die Grünen fordern, der Landrat solle zurücktreten. Der gibt zu, dass in der Kreisverwaltung improvisiert werden musste. Zurückgetreten ist er nicht. Die SPD-Fraktion springt ihm zur Seite: Sie bescheinigt der Verwaltung zwar Fehler, aber sie habe auch „aus dem Stand“ mit erheblichen Problemen fertig werden müssen.

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