Arbeitsmarkt

30.347 Anträge auf Kurzarbeit im Kreis Segeberg

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Andreas Burgmayer
Thomas Kenntemich, Leiter der Arbeitsagentur Elmshorrn.

Thomas Kenntemich, Leiter der Arbeitsagentur Elmshorrn.

Foto: Michael Schick

Kreis Segeberg: Coronakrise hat die Unternehmen fest im Griff, viele Arbeitnehmer haben ihren Job verloren.

Kreis Segeberg.  Nun sind die enormen wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise auf die Arbeitnehmer im Kreis Segeberg zum ersten Mal statistisch belegt. Für 30.472 der etwa 95.000 sozialversicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmer im Kreis Segeberg wurde Kurzarbeit angemeldet. Jeder dritte Arbeitnehmer ist betroffen. „Das sind Dimensionen, die niemand in unserem Haus je erlebt hat“, sagt Gerold Melson, Sprecher der Agentur für Arbeit in Elmshorn.

Ein starker Anstieg ist auch bei jenen Arbeitnehmern zu verzeichnen, die ihren Job bereits verloren haben. In der Geschäftsstelle der Agentur für Arbeit in Norderstedt meldeten sich im April 684 Menschen neu arbeitslos, in Kaltenkirchen 795 Arbeitnehmer und in Bad Segeberg weitere 513. Am Monatsende konnten insgesamt nur 972 Abgänge verzeichnet werden. Unter dem Strich kamen in allen drei Geschäftsstellen im April 1018 neue Arbeitslose hinzu. Ein Anstieg um 15,4 Prozent gegenüber dem Vormonat. „Normalerweise würden wir jetzt die Frühjahrsbelebung spüren und die Arbeitslosenzahlen würden deutlich sinken“, sagt Melson.

Im April waren im ganzen Kreis 7585 Menschen arbeitslos gemeldet. 2019 waren es zu selben Zeit 1529 oder 25,2 Prozent weniger. Die Arbeitslosenquoten stiegen in allen Geschäftsstellen kräftig, am stärksten in Norderstedt, wo sie im April bei 5,4 Prozent lag (Vormonat 4,6 Prozent). Ein Jahr zuvor lag sie im April sogar nur bei 3,6 Prozent. In Kaltenkirchen und auch in Bad Segeberg liegt die Quote im April bei 4,7 Prozent, sie stieg um 0,7 Prozent in Kaltenkirchen und 0,4 Prozent in der Kreisstadt.

„Die Kurzarbeit rettet derzeit viele Jobs, gleichzeitig stieg dennoch die Arbeitslosigkeit erwartungsgemäß stark an“, sagt Thomas Kenntemich, Leiter der Agentur für Arbeit Elmshorn. „Deutlich mehr Menschen meldeten sich aus einer Beschäftigung arbeitslos.“ Von den 1018 neuen Arbeitslosen hatten 965 Menschen im März noch einen sozialversicherungspflichtigen Job. Im Vergleich mit dem Vorjahresmonat wird klar, wie stark dieser Anstieg ist. Im April 2019 waren es nur 577 Arbeitnehmer oder 67,2 Prozent weniger.

Besonders viele Arbeitslosmeldungen gab es von Beschäftigten des Gastgewerbes, des Einzelhandels, des Kfz-Gewerbes sowie aus einigen Dienstleistungsbranchen wie den Unternehmensberatungen oder der technischen Beratung. Ebenso meldeten sich viele Freiberufler aus dem Dienstleistungssektor arbeitslos.

„Die zu dieser Jahreszeit üblichen Einstellungen und Wiedereinstellungen gingen stark zurück“, sagt Kenntemich. „Auch konnten wesentlich weniger Arbeitslose in Weiterbildungen und Praktika starten.“ Nur 362 Personen nahmen am Ende des Berichtsmonats eine neue Beschäftigung auf, 34,3 Prozent weniger als vor einem Jahr. Und nur 177 Personen gingen in eine Ausbildung, Bildungsmaßnahme oder ein betriebliches Praktikum (ein Minus von 59, 7 Prozent zum April 2019). Beim Jobcenter des Kreises Segeberg (Grundsicherung) stieg die Zahl der Arbeitslosen um 361 oder 9,8 Prozent auf 4056. Einen noch stärkeren Anstieg registrierte die Agentur für Arbeit (Arbeitslosenversicherung). Die Zahl der betreuten Arbeitslosen erhöhte sich hier um 650 oder 22,6 Prozent auf 3529 Menschen. „Im Zentrum der Anstrengungen der Arbeitsagentur stehen derzeit die Sicherung des Lebensunterhaltes der betroffenen Menschen und die Existenz der Firmen in der Region“, sagt Kenntemich. „Die Leistungen zum Lebensunterhalt sind gesichert. Kurzarbeitergeld, Arbeitslosengeld und Leistungen der Grundsicherung werden vorrangig bearbeitet.“ Die Antragsflut für das Kurzarbeitergeld für über 30.000 Arbeitnehmer setzt die Mitarbeiter der Arbeitsagentur und des Jobcenters unter Druck. „Jede verfügbare Kraft wird aus allen möglichen Bereichen abgezogen und bei der Bearbeitung der Anträge eingesetzt“, sagt Gerold Melson. „Die Mitarbeiter machen einen tollen Job. Es herrscht eine für ein Amt nicht gerade übliche Stimmung. Die Mitarbeiter wachsen als Team zusammen und haben das Gefühl, jetzt vielen Menschen und Unternehmen ganz direkt helfen zu können.“

Die Leistungen werden in der Regel inzwischen innerhalb weniger Tage bewilligt. Wie viele Kurzarbeitsanträge später auch wirklich mit Abrechnungen durch Firmen belegt werden, ist noch unklar. Wenn sich zum Beispiel die Auftragslage kurzfristig verbessert hat oder behördliche Maßnahmen aufgehoben wurden, konnten Betriebe möglicherweise wieder normal arbeiten.

„Die hohe Inanspruchnahme des Kurzarbeitergeldes zeigt, dass die meisten Unternehmen in unserer Region weiterhin auf ihr eingearbeitetes Personal setzen und in die Zukunft vertrauen“, sagt Kenntemich. Noch gehen jeden Tag Anfragen nach Kurzarbeit ein, jedoch flacht die Kurve der Neuanzeigen inzwischen deutlich ab. „Jetzt geht es vorrangig an die Auszahlung der monatlich eingehenden Abrechnungen der Betriebe. Diese Aufgabe wird noch auf längere Zeit einen großen Teil unseres Personals binden.“

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