50 Jahre Norderstedt

Der Mann, der die Norderstedterinnen verzaubert

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Bianca Bödeker
Heydolf Waldschmidt weiß, was Frauen in Norderstedt mögen.

Heydolf Waldschmidt weiß, was Frauen in Norderstedt mögen.

Foto: Thorsten Ahlf

Heydolf Waldschmidt führt seit 46 Jahren die Modeboutique Chiri Biri. Sein Geschäft ist damit fast so alt wie der Stadt selbst.

Norderstedt.  Ich kann nicht begreifen, wie eine Frau das Haus verlassen kann, ohne sich hübsch gemacht zu haben“, hat Mode-Ikone Coco Chanel einmal gesagt. Hübsch auszusehen, auch wenn die Zeit fehlt – wie schafft Frau das, Herr Waldschmidt? „Sie sollte sich vor allem schöne Gedanken machen“, sagt Heydolf Waldschmidt. Und das, was sie vorhabe, in ihrer Fantasie schon mal gestalten. „Ich denke, das prägt das Wesen und das Aussehen einer Frau schon von Grund auf.“ Und ein Schal wäre hübsch – Blickfang und wichtigstes Accessoire unserer Zeit. „Nach schönen Schals wird gern und viel geguckt.“

Der Mann muss es wissen. Seit 46 Jahren führt Heydolf Waldschmidt seine Boutique Chiri Biri mit femininer und sportiver Designermode an der Segeberger Chaussee. Optisch Typ „frecher Junge“: Schiebermütze, Ralph-Lauren-Hemd, englische, handgenähte Schuhe, Strickjackett, Jeans, Gürtel und Hosenträger. Hosenträger – bei der Figur? „Müsste ich nicht tragen“, sagt Waldschmidt und lacht. „Sie geben mir aber das Gefühl, dass ich mich besser bewegen kann.“

Chiri Biri (ungarisch für „Zauberei) stehe für ein positives Lebensgefühl. „Ich bin ja als Optimist auf die Welt gekommen“, sagt Waldschmidt. Die Affinität zur Mode habe er mit der Muttermilch aufgesogen. „Sie hat als eine der Ersten eine Boutique am Hamburger Hofweg aufgemacht – hinter dem Rücken meines konservativen Vaters.“

Ihn, einen promovierten Juristen und Schöngeist, zieht es nach dem Krieg beruflich in die Welt. Die Familie begleitet den Halbfranzosen. Mehr als ein Dutzend Schulen besucht Heydolf Waldschmidt, Jahrgang 1944 und zweitältester von vier Geschwistern, im Ausland. Macht nach der Rückkehr 1962 auf dem Heinrich-Herz-Gymnasium in Hamburg sein Abitur. Studiert nach der Bundeswehr Ingenieurwissenschaften in Hannover und lernt hier seine erste Frau, eine Modedesignerin, kennen.

1971 eröffnen beide am Hamburger Grindelberg eine kleine, feine Boutique unter dem Namen Chiri Biri. Zu einer Zeit, in der auch Jeans immer mehr zum Modethema werden. „Wäre das nicht noch ein gutes Standbein?“, überlegt Waldschmidt und startet am Schmuggelstieg mit einem kleinen Jeansshop. „Das war eine Goldgräberzeit. Jeans war ein so begehrter Artikel.“ Er gibt seinen Ingenieurberuf auf und eröffnet 1974 in den Räumen eines ehemaligen Lebensmittelgeschäfts an der Segeberger Chaussee 2, Ecke Schmuggelstieg sein heutiges Geschäft.

Der Kundenkreis kennt keine Grenzen. „Wir haben auch Kundinnen aus anderen Bereichen Deutschlands, die irgendwann mal Kontakt zu Norderstedt hatten und die Gelegenheit nutzen, wenn sie wieder einmal hier sind, bei uns reinzuschauen.“ Auch Damen aus Showbizz und Fernsehen schätzen die Modezauberei von Chiri Biri.

Das war vor Corona. Fünf Wochen war das Geschäft geschlossen. Seit dem 20. April hat Chiri Biri wieder geöffnet. Der Ansturm war grandios. Nicht zuletzt wegen eines vorangegangenen Kundenmailings mit angekündigtem Preisnachlass. „Unsere Kunden kamen aber nicht in erster Linie wegen der Preisaktion, wie sie uns immer wieder versichert haben, sondern um eine ‚private Coronasoforthilfe’ zu leisten“, sagt Waldschmidt. „Einige nahmen uns beiseite und sagten, wir hätten keinen Nachlass, sondern eher einen Corona-Zuschlag erheben sollen“, ergänzt er schmunzelnd.

„Die schönste Belohnung ist doch, wenn man merkt, das Vertrauen der Kundin gewonnen zu haben“, sagt Heydolf Waldschmidt. Wie er und sein Team das schaffen? „Unser großer Vorteil war immer, dass wir uns nie an anderen orientiert haben. Wir haben immer das gemacht, wovon wir überzeugt waren.“ Er habe einen vielseitigen Vater gehabt, der sowohl die schöne Kunst liebte als auch die schönen Frauen. „Das hat mein Leben geprägt. Ich freue mich an den Dingen, die mir wichtig sind“, sagt Waldschmidt. Dieses Lebensgefühl habe er stets mit in das Geschäft hineingetragen.

Apricot, Himbeerrot, Mint – das sind die frühlingshaften Farben der aktuellen Saison. Wie farbenfroh ist die Norderstedterin? „Sie ist schon bereit, auch Farben zu tragen“, sagt Waldschmidt. Heute sei das Angebot ja sehr vielschichtig. Gesucht werde Mode, die man von morgens bis abends tragen könne. „Und die findet die Kundin bei mir. Das ist der Erfolg.“

Heydolf Waldschmidt zählt zu den Mitbegründern der Interessengemeinschaft Ochsenzoll. Sie vertritt die Händler und Dienstleister im Einkaufsquartier am Schmuggelstieg. Gemeinsam habe man den Wochen-, Floh- und Weihnachtsmarkt sowie das Weinfest ins Leben gerufen. 20 Jahre hatte Waldschmidt mit dem mittlerweile verstorbenen Buchhändler Joachim Ruschke den Vorsitz inne. „Ich habe das nie unter dem Aspekt der Neukundenwerbung gesehen, sondern einfach, um aus dieser netten Gemeinschaft heraus etwas zu bewegen“, sagt er, der an Norderstedt die autarke Lage und die Entfaltungsmöglichkeit sehr mag.

Und die Spaziergänge an der Tarpenbek. Genauso wie die kleine Kirche am Schmuggelstieg. „Die ist so schön bescheiden. Ich gehe dahin, wenn ich denke, so jetzt sprichst du mal mit ‚ihm’.“ Mit seiner zweiten Frau lebt Waldschmidt in Hamburg. In der Nähe des Geschäfts hat er ergänzend eine kleine Dependance. „Von ganz oben blicke ich auf die Kirche und den Park. Eine sehr schöne und entspannende Aussicht.“

Seine Pläne für die Zukunft? „Ich habe keine Pläne.“ Wichtig sei ihm, seinen Optimismus und seine Gesundheit zu erhalten. „Ich stehe jeden Tag um fünf Uhr auf und mache Sport. So habe ich auch ein Leben vor dem Geschäft.“ Und er reise gern mit seiner Frau. Am liebsten nach Frankreich und in den Orient.

Abschließende Frage: Wen würde der Modeexperte gern mal einkleiden? Unsere Bundeskanzlerin vielleicht? „Frau Merkel wäre schon eine Herausforderung“, sagt Waldschmidt. Sie könne optisch ein wenig legerer und volksnäher auftreten. Und ein Schal wäre hübsch.

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