Schröters Quarantäne-Tagebuch

Laden geöffnet – Kundschaft tot

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Jan Schröter
Kolumnist Jan Schröter

Kolumnist Jan Schröter

Foto: Jan Schröter / Schröter

Wer möchte während der Coronakrise Entscheidungen treffen, die für alle verbindlich sind? Unser Kolumnist Jan Schröter bestimmt nicht!

Ich verstecke meine untere Gesichtshälfte hinter der Zeitung, lehne mich über den Frühstückstisch und beschenke meine Gattin mit sonnigem Blick. „Was guckst du so kariert?“, erkundigt sie sich aufgeschreckt. Ich lasse die Zeitung sinken und tippe auf eine Meldung. „Hier steht, die „Tagesschau“-Sprecherin Judith Rakers bedauert an der Maskenpflicht vor allem, dass man die Mimik des Gegenübers nur noch unvollständig sehen kann. Sie will jetzt darauf achten, mehr mit den Augen zu lächeln. Ich dachte, das übe ich auch mal.“ – „Lass mal lieber. Das kriegst du nicht hin.“ – „Wieso nicht? Wenn Judith Rakers das kann…“ – „Die Rakers ist Profi. Die lächelt ja sogar, wenn sie die Nachrichten vorliest. Und die sind eigentlich so gut wie nie zum Lachen.“

Dann eben nicht. Meine Gesichtsmuskulatur schaltet schlagartig wieder auf entspannten Morgenmuffel-Faltenwurf, mein Haupt zieht sich schildkrötengleich hinter den Zeitungspanzer zurück. Stimmt schon: Die Nachrichten sind selten lustig, weder gesprochen noch gedruckt. In Zeiten von Corona ist es in dieser Hinsicht sogar noch schlimmer als sonst. Statt Bundesligatabelle studiert man die Länderhitliste der Sterbestatistiken.

Und wirklich jeder lichtblickversprechende Lösungsweg aus der Coronakrise birgt die Möglichkeit, genau mit dieser Entscheidung vernichtende Konsequenzen auszulösen. Rettet man die Wirtschaft und lässt die Leute raus, schlägt das Virus zu – die Geschäfte sind geöffnet, die Kundschaft ist leider tot. Bleiben alle zu Hause, beliefern uns demnächst knarzende Amazon-Roboter im Auftrag des Bundes mit wöchentlichen Lebensmittel-Hilfspaketen, kalorienmäßig reduziert auf den Mindestbedarf des jeweiligen Haushalts – weil es keine Arbeitsplätze mehr gibt, außer bei Amazon natürlich, sofern man ein Roboter ist. Immerhin wären wir dann noch eine Weile länger lebendig. Unter höchst unerfreulichen Umständen, zugegebenermaßen.

Trotzdem verstehe ich, dass es Menschen gibt, die sich mehr „Normalzustand“ wünschen. Dagegen verstehe ich ganz und gar nicht, was einige Leute dazu bewegt, dem Virologen Christian Drosten Morddrohungen zu schicken. Das eigentliche Problem ist ja nicht gelöst, wenn man einen Menschen umlegt, der anders darüber denkt. Und Drosten verlangt nichts von uns, was er nicht selbst befolgen würde. Anders als beispielsweise ein Präsident, der seinen Mitbürgern empfiehlt, sich als Anti-Corona-Schutz handelsübliche Desinfektionsmittel zu injizieren – und diesen Rat dann nicht selbst beherzigt. Obwohl, vielleicht hat er ja doch – das würde Einiges erklären.

Sicher ist nur, es ist gerade sehr kompliziert. Wer möchte in dieser Lage Entscheidungen treffen, die dann für alle verbindlich sind? Ich bestimmt nicht. Ich brächte es kaum fertig, das Ergebnis solcher Entscheidungsfindung in der „Tagesschau“ vorzulesen. Jedenfalls nicht lächelnd und ohne jeden Anflug von Panik. Womit wir wieder bei Judith Rakers wären. „Nun lächelst du ja doch“, sagt meine Frau. Stimmt. Aber nur mit den Augen.

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