Kreis Pinneberg

Gastbeitrag: Wie die Marsch-Diva in Mode kam

| Lesedauer: 5 Minuten
Edelgard Heim*
Edelgard Heim mit Schachblumen-Kleid und Schachblumen-Bild.

Edelgard Heim mit Schachblumen-Kleid und Schachblumen-Bild.

Foto: Elbmarschenhaus

Schachblumen-Blüte steht unmittelbar bevor. Teil 2: Edelgar Heim vom Elbmarschenhaus erklärt, was Sie über diese besondere Blume wissen sollten.

Hetlingen.  Die Schachblume, die uns jedes Jahr über ihr Aufblühen im Unklaren lässt und uns dann nur noch zwei Wochen Zeit gibt, um ihr ein rauschendes Fest in Hetlingen auszurichten, ist unbestritten der Star dieses Frühlingsmonats. Unsere Diva lebt aber nicht allein. Im Gegenteil ist sie nur die herausragende Signalart für eine Pflanzengesellschaft der feuchten Marschwiesen, die früher überall häufig war. Begleitet wird die Schachblume unter anderem vom fröhlichen Wiesenschaumkraut, dem eleganten Gold-Hahnenfuß sowie bei ausreichender Nässe von der leuchtenden Sumpfdotterblume. Seriös wirkende Gräser wie der Wiesen-Fuchsschwanz geben der bunten Wiese einen ernsten grünen Rahmen. Von ihrem Hofstaat stehen auch viele Arten auf der sogenannten Roten Liste, der Liste der gefährdeten und vom Aussterben bedrohten Arten.

Nicht alle Begleitarten der Schachblume sind so beliebt wie die bereits Genannten. Häufig ist auch der Sumpfschachtelhalm, der bei Landwirten ungern gesehen ist. Da er giftig ist, wird er von Weidetieren verschmäht. Im Heu können Rinder und Pferde den Sumpfschachtelhalm jedoch nicht mehr erkennen, sodass er zu Leberschäden führen kann. Auch extensiv genutztes, sorgfältig bewirtschaftetes Feuchtgrünland ist in unserem Land selten geworden. So steht die Schachblume für einen wertvollen, schützenswerten Lebensraum. Die Wiesen in Hetlingen sind nicht gefährdet. Als Ausgleichsflächen für die Elbvertiefung des Jahres 1999 unterliegen sie strengen Auflagen. Hier wird weder gedüngt noch kommen Spritzmittel zum Einsatz. Auf solchen Flächen finden auch Tierarten wie Insekten oder die Feldlerche ein Zuhause. In den letzten Jahren rastet auch die wachsende Schar der Nonnengänse gern auf der Schachblumenwiese. Die Gänse fressen die giftige Schachblume jedoch nicht, sondern kürzen die konkurrenzstarken Gräser ein.

Das Schachblumen-Festlässt sich nicht verschieben

Aber ach: Das Schachblumenfest fällt dieses Jahr aus. „Geschlossen“, „verschoben“, „abgesagt“ sind die Wörter, die man am häufigsten hört, wenn es um Veranstaltungen in der Coronazeit geht. Das Schachblumenfest lässt sich nicht verschieben. Die Schachblume blüht, wenn es soweit ist. Und das ist im April. Unsere Probleme sind ihr egal. Sie stört kein Virus und kein Husten. Aber auch die Schachblume hat ihre Zipperlein. Unsere wunderschöne Marsch-Diva mit dem sensiblen Charakter zeigt uns nicht jedes Jahr ihre ganze Pracht. Die einzelnen Pflanzen bilden nicht jedes Jahr Blüten aus, und bisher weiß niemand genau, warum das so ist. Die Zahl der Blüten pro Quadratmeter auf den Hetlinger Wiesen schwankt erheblich von Jahr zu Jahr und erreicht Werte zwischen circa einer und drei Blüten.

Wovon hängt dieses exaltierte Blühverhalten ab? Entscheidend sind natürlich die Bewirtschaftungsverhältnisse wie Bodenbearbeitung, Düngung, Art und Anzahl der Weidetiere beziehungsweise der Mahdzeitpunkt. Da die Hetlinger Wiesen extensiv bewirtschaftet werden, scheinen hier andere Faktoren für das Auf und Ab eine Rolle zu spielen. Die Witterung mit Temperaturschwankungen, Niederschlägen und Sonnenscheindauer ist eine entscheidende Größe. Es sieht so aus, als wäre das Klimageschehen des Vorjahres, also dann, wenn Nährstoffe in der Zwiebel gespeichert werden, sehr wichtig. Je besser es den Pflanzen im letzten Jahr ging, desto wahrscheinlicher blühen sie im folgenden Jahr. Noch dieses Jahr startet eine Studentin der Uni Kiel ihre Bachelorarbeit, die zum Ziel hat, das Blühverhalten der Schachblume mit Klimadaten abzugleichen.

Mai 2019 in einer kleinen Boutique in Uetersen: Eine neue Lieferung Sommerkleider ist eingetroffen. Und dabei – kaum zu glauben – ein Kleid mit Schachblumenmuster. Das hängt natürlich seither in meinem Kleiderschrank. Die Schachblume hat nicht nur die Bekleidungsindustrie inspiriert, sondern es finden sich zahlreiche kunst- und kulturhistorische Zeugnisse ihrer Beliebtheit. Seit dem 16. Jahrhundert, in dem die Schachblume vermutlich in Deutschland eingeführt wurde, haben viele Generationen unsere Marsch-Diva verehrt und ihr ein Denkmal gesetzt. Sie wurde gemalt, in Blumenarrangements eingebaut, ziert Deckenfresken in Kirchen, ihr wurden Briefmarken gewidmet und ihr wurde in Gedichten gehuldigt. Berühmte Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Oscar Wilde und Vita Sackville-West haben die Schachblume in ihren Werken verewigt. Wir brauchen gar nicht so weit zu schauen. Die Marschengemeinden Hetlingen und Seestermühe tragen die Schachblume in ihren Gemeindewappen. In Sassenberg, einem Ort in Westfalen im Münsterland, wird eine Schachblumenwiese durch den örtlichen Heimatverein ebenso hingebungsvoll gepflegt, wie wir das in Hetlingen tun. Gabriele Russell, Mitglied des Heimatvereins Sassenberg, hat in dem Buch „Hommage an eine kleine Lilie“ auf 136 Seiten eine Fülle von historischen Funden über die Pflanze zusammengestellt.

Eine besonders bekannte Verehrerin der Schachblume war Loki Schmidt. Sie besuchte die Schachblumenwiesen in Hetlingen 1992 und ließ ihrer Begeisterung in einem Brief an den damaligen Bürgermeister von Hetlingen freien Lauf. Später kürte Loki Schmidt die Schachblume sogar zur „Blume des Jahres 1993“.

*Autorin Edelgard Heim leitet das Elbmarschenhaus in Hetlingen

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