Kreis Segeberg

Abitur im Ausnahmezustand

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Michael Höpner (vorne), Schulleiter des Alstergymnasiums, und sein Stellvertreter Christian Schwiers in der Sporthalle, wo 80 Schüler die Profilklausuren schrieben.

Michael Höpner (vorne), Schulleiter des Alstergymnasiums, und sein Stellvertreter Christian Schwiers in der Sporthalle, wo 80 Schüler die Profilklausuren schrieben.

Foto: Christopher Herbst

An den Gymnasien im Kreis wurden die ersten Abschlussprüfungen geschrieben. Für Schüler und Lehrer war die Herausforderung enorm.

Kreis Segeberg. Büffeln in häuslicher Klausur, Kontakt zu Mitschülern und Lehrern nur über den Computer, desinfizierte Klassenzimmer mit Tischen auf Abstand oder gleich die Turnhalle als Prüfungsraum: Das Abitur 2020 wird für alle Beteiligten aus vielen Gründen unvergesslich bleiben. Die Bedingungen mitten in der globalen Coronapandemie sind extrem ungewöhnlich und bundesweit umstritten.

Doch trotz aller Vorbehalte war es am Dienstag in Norderstedt und im ganzen Land Schleswig-Holstein so weit. Meistenteils abgeschirmt legten die Jugendlichen ihre Abiturprüfungen ab. Am Norderstedter Coppernicus-Gymnasium hatten Reinigungskräfte zuvor die Tische in acht Klassenzimmern desinfiziert. In jedem Raum saßen höchstens neun der 73 Prüflinge. Manche, durch Krankheiten vorbelastete Schüler saßen sogar ganz alleine im Raum.

Nach den fünfstündigen Prüfungen stehen einige Abiturienten vor dem Haupteingang des „Copp“ und sprechen über das Erlebte. Manche nehmen sich vor dem Gymnasium kurz in den Arm, ansonsten stehen alle mit Abstand zueinander. Schulleiterin Heike Schlesselmann fragt die Schülerin Nele: „Na, wie ist es gelaufen?“ Nele winkt nur lachend ab: „Ach, fragen Sie nicht!“

Sie legt ihr Abitur im Sprachprofil ab. Die ungewöhnliche Situation hat ihre Leistung allerdings nicht beeinträchtigt. „Ich empfand die Situation nicht als groß anders, ich glaube nicht, dass ich angespannter war als sonst“, sagt Nele.

So wie sie nehmen auch andere die Lage einfach hin. „Es gab Hinweisschilder, dass wir uns 30 Sekunden lang die Hände waschen müssen, und wir hatten Desinfektionsmittel“, sagt Felix, der die Prüfung im Sportprofil geschrieben hat. „Die Schule hat es so organisiert, wie es eben möglich war.“

Die Vorbereitung auf die wichtigste Prüfung ihres bisherigen Lebens war eine Herausforderung. Der Schulstoff wurde über eine Cloud online zur Verfügung gestellt. Die Schüler bewerten die Vorbereitung als gut.

Aber für das Büffeln auf die Klausuren hatte die Verzögerung schon Auswirkungen.„Eigentlich hätten wir im März schreiben sollen“, sagt Milena, die das Sprachprofil belegt. Auch die dazugehörigen mündlichen Prüfungen wären unter normalen Umständen längst über die Bühne gegangen. Nun müssen die Abiturienten am Ende des Schuljahres noch mal ran.

Felix begann für sein Sportprofil zum Beispiel erst „vor zwei bis drei Wochen“ zu lernen, nachdem klar war, dass die Prüfungen tatsächlich anstehen würden. „Und jetzt wissen wir nicht, ob der praktische Teil des Sportprofils überhaupt absolviert werden darf. Generell müssten wir dafür auch noch trainieren, zum Beispiel für den Hochsprung.“

Was alle vermissen, ist der Kontakt untereinander, das Abschlussklassen-Gefühl. „Ich habe unsere Abi-Pullis verteilt, aber sonst habe ich keine Leute getroffen“, sagt Nele. Die Kommunikation läuft nur über Messenger oder Videochats, letztmalig im Unterricht haben sich die Abiturienten vor fünf Wochen getroffen. Den Abiball, für den das La Mira in Langenhorn gebucht worden ist, hat der Coppernicus-Abschlussjahrgang übrigens noch nicht abgesagt. Noch überwiegt die leise Hoffnung, dass das Ende der Schulzeit im Juni gefeiert werden kann.

Das Henstedt-Ulzburger Alstergymnasium, eine der größten weiterführenden Schulen in Schleswig-Holstein mit 109 Abiturienten, ist ein gutes Beispiel dafür, welch ein hoher Aufwand für das Abitur 2020 betrieben werden muss. Die große Sporthalle des Schulzentrums wurde in einen riesigen Prüfungssaal für 80 Abiturienten in den Profilen WiPo, Englisch, Geschichte und Sport umfunktioniert. Nur Kunst und Physik wurden in den Fachräumen geprüft, da dort die Materialien für den praktischen Teil sowie die Computer vorhanden sind. Drei Schüler, die zu Risikogruppen gehören, mussten alleine schreiben.

Zentimetergenau wurden die Abstände in der Sporthalle vermessen, die einzelnen Plätze mit Absperrband markiert, die Gänge gekennzeichnet. Beim Betreten der Gebäude war Desinfizierung Pflicht. Masken waren nicht vorgeschrieben, aber erwünscht. Zudem mussten 60 von 87 Pädagogen Aufsicht führen – deutlich mehr als bei Jahrgängen zuvor. „Nur Lehrer, die zu Risikogruppen gehören, dazu zählen auch Asthmatiker oder Personen mit Bluthochdruck, können keine Aufsicht machen“, sagt Schulleiter Michael Höpner.

Fest steht definitiv: Es wird keine Abschlussfeier und keinen Abiturball geben. Auch persönlich ist das für den Schulleiter traurig – es ist sein letzter Abiturjahrgang, er geht nach mehr als 20 Jahren im Frühjahr 2021 in Pension.

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