Quarantänetagebuch

Alles für den Glückshormon-Kick

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Jan Schröter
Autor Jan Schröter

Autor Jan Schröter

Foto: Jan Schröter / Schröter

Mist, das Oktoberfest wurde abgesagt. Da war unser Kolumnist Jan Schröter zwar noch nie, doch diesmal hatte er den Besuch ernsthaft erwogen.

Ein Telefonanruf in der Arztpraxis hätte genügt, um sich krankschreiben zu lassen – und nach München zum Fest aller Feste zu fahren. Das mit der Krankschreibung hätte ich auch am Morgen nach der fünften Maß Bier gerade noch so geschafft. Kann ich mir nun sparen.

Auch die Premiere des Blockbuster-Kinofilms „The Batman“ wird vertagt. Das verstehe ich nicht. Batman trägt notorisch Gesichtsmaske. Solche Helden brauchen wir doch jetzt. Andererseits erscheint ein Typ, der als Riesenfledermaus verkleidet durch die Gegend hechtet, neuerdings auch ziemlich suspekt. Fledermäuse sind erwiesenermaßen Coronavirenträger. Zwar soll es sich bei den Fledermaus-Viren um eine andere Sorte als bei Covid-19 handeln, aber bei Batman scheint dennoch offensichtlich einiges aus dem Ruder gelaufen zu sein. So gesehen, ist es vermutlich doch eine kluge Entscheidung, diesen Film irgendwo zwischenzulagern, wo er nicht die Massen verunsichert. Und wenn wir schon mal wieder ins Kino dürfen sollten, ist uns bestimmt lange nicht nach einer Fledermaus mit Mundschutz zumute.

Erfreuen wir uns lieber daran, wenn uns coronabedingte Einschränkungen an Schönes aus glücklichen Tagen erinnern. So vermittelt eine Tour durch die jüngst wieder geöffneten Geschäfte dank der teilweise recht originellen Sicherheitsvorkehrungen den nostalgischen Charme einer Geisterbahnfahrt. Man gondelt im Zweimeterabstand ohne Gegenverkehr auf Einbahnstraßenrunde durch das Warenangebot, zwischen dem sich jäh und unvermittelt maskierte Gestalten vor dem zu Tode erschreckenden Konsumflaneur materialisieren, um sich nach Begehr und Konfektionsgröße zu erkundigen. Das lässt die Absage des Hamburger Frühlingsdoms leicht verschmerzen. Eigentlich schreit die Notwendigkeit von Kundenstrom-Kanalisierung und Abstandsregeln sowieso nach einem Joint Venture von Jahrmarkt und Einkaufszentren. Lasst die Autoscooter jetzt nicht im Depot vergammeln, sondern baut die Strecken quer durch die Läden. Pro Scooter ein Kunde, dann kommt sich niemand zu nah. Ist die Ware erreicht, genügt der Wink zum dort postierten Verkaufsmenschen, der das Gewünschte in den Scooter wirft. Sollte direkt vor Ihnen jemand das letzte Exemplar des von Ihnen begehrten Artikels verlangen, rammen Sie mit Ihrem Scooter den Feind gnadenlos vom Parcours, fangen die Ware im Flug ab und heizen damit zur Kasse. Das wird den Konsum derart anheizen, dass die Steuern mehr sprudeln als jemals zuvor – weil es irre Spaß macht, Dampf abzulassen, ohne andere ernsthaft zu gefährden. Und weil man deshalb jede Menge Dinge kauft, die man eigentlich nicht braucht. Einfach nur für den Glückshormon-Kick.

Also genau wie auf dem Oktoberfest oder auf dem Dom.

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