Quarantäne-Tagebuch

Mit Büchern vor der Nase gegen die Corona-Krise

| Lesedauer: 3 Minuten
Jan Schröter
Jan Schröter schreibt hier jeden Tag aus der Quarantäne

Jan Schröter schreibt hier jeden Tag aus der Quarantäne

Foto: Jan Schröter / Schröter

Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus werden gelockert, viele Geschäfte dürfen wieder öffnen. Nur welche, das überrascht Jan Schröter.

Kreis Segeberg.  Gegen Corona gibt es noch kein Patentrezept. Trotzdem hört man immer wieder von gewissen Menschen, die der Meinung sind, eines gefunden zu haben. Der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko war sich beispielsweise ganz sicher, das Virus ließe sich mit „Wodka, Saunagängen und Treckerfahren“ verlässlich bekämpfen. Weil ich am Leben hänge, möchte ich nichts unversucht lassen, um gesund zu bleiben. Um ein Haar hätte ich also sämtliche Komponenten dieses spektakulären Rats auf einmal beherzigt und damit zweifellos den Verkehr auf der B 206 zum Erliegen gebracht – nackt auf einem bullernden Lanz Bulldog, abgefüllt mit einer Flasche Wodka und vor Scham saunamäßig ultrahocherhitzt dürfte Corona gemäß der Lukaschenko-Theorie bei mir chancenlos sein.

Zum Glück für mich und alle Verkehrsteilnehmer verhinderte ein virologisch versierter Verwandter diesen verzweifelten Versuch (siebenmal ein Wort mit „V“ am Anfang in nur einem Satz – das bringt auch nicht jeder!). Seine Erklärung war ebenso simpel wie einleuchtend. Lukaschenkos Tipp sei nicht auf Menschen gemünzt, sondern auf das Virus. Sollten Sie also irgendwo ein Coronavirus sichten, bieten Sie ihm Wodka an, nehmen es mit in die Sauna und schicken es hinterher auf einem Trecker in die Pampa. Dann ist es weg und Ihnen geht es gut.

Gut geht es den meisten von uns in dieser Zeit nicht so sehr. Doch immerhin seit dieser Woche wieder etwas besser, weil die Läden wieder offen stehen. Jedenfalls die mit einer Verkaufsfläche von maximal 800 Quadratmetern. Ausgenommen sind Autohäuser, Fahrradläden und Buchhändler. Die dürfen gerne mehr Fläche anbieten. Das macht vielleicht auf den ersten Blick stutzig, ist jedoch logisch zu erklären. Damit die Kunden ihre Viren nicht kilometerweit in die Gegend verschleudern, finden Pkw- und Fahrradprobefahrten künftig in den Geschäften statt. Ganz klar, dass 800 Quadratmeter ein wenig zu knapp bemessen sein könnten, wenn man mal austesten möchte, wie der Wunsch-Ferrari im ersten Gang beschleunigt.

Auch Fahrradkäufer schätzen es, das Material ihres neuerworbenen Drahtesels bei einem Rundkurs durch ausgedehnte Regalreihen auf die Belastungsprobe zu stellen. Mountainbike-Liebhaber testen auf der Treppe in den 1. Stock. Weniger sportive Mountainbiker nehmen die Rolltreppe.

Doch warum dürfen auch große Buchhäuser mit Flächen jenseits der 800-Quadratmeter-Grenze öffnen? Das liegt an der speziellen Beschaffenheit ihrer Ware und am typischen Buchkundenverhalten. Man stöbert hier, indem man ein Buch zur Hand nimmt und darin blättert. Die Haltung eines Lesenden bedingt zwangsläufig, dass jedes Ausatmen, jedes Niesen direkt im aufgeschlagenen Buch landet – ein Virenschutz, mindestens so effektiv wie eine Gesichtsmaske. Dazu kommt noch die nachhaltige, antivirale Wirkung der Lektüre. Denn kurz darauf wird das Buch zugeklappt, alle Viren darin sind geplättet und werden sich nie wieder davon erholen.

Allein schon deswegen sollte jeder ständig ein Buch vor der Nase haben.

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