Kreis Segeberg

Puppentheater und Zirkusse bleiben im Winterquartier

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Seit sechs Generationen leben die Lauenburgers vom Puppentheater. Zuschüsse vom Staat mussten sie noch nie beantragen.

Seit sechs Generationen leben die Lauenburgers vom Puppentheater. Zuschüsse vom Staat mussten sie noch nie beantragen.

Foto: Lauenburger Puppentheater

Die Familienunternehmen hoffen, dass es bald wieder losgeht, denn das Geld wird knapp. Zwangspause wird genutzt, um neue Shows einzustudieren

Kreis Segeberg.  Ilse Lauenburger muss sich das Elend nicht mehr ansehen. Das einstige Oberhaupt des Puppentheaters Lauenburger ist im vergangenen Jahr im Alter von 92 Jahren verstorben und wurde auf dem Friedhof in Kaltenkirchen neben ihrem vor 39 Jahren verstorbenen Mann Karl beigesetzt. „Sie ist ganz friedlich in ihrem Wohnwagen eingeschlafen“, sagt Schwiegertochter Manuela Lauenburger (58). „So, wie sie es sich immer gewünscht hat.“ Aber der Rest der Familie muss in diesen Tagen versuchen, sich einigermaßen über Wasser zu halten. Die Puppenspielerfamilie aus Henstedt-Ulzburg ist auf dem Platz am Schützenhaus in Posthausen bei Bremen gestrandet. In Coronazeiten ist Puppentheater nicht gefragt. Und natürlich auch nicht erlaubt: Das Zelt darf zurzeit nirgends aufgebaut werden.

Am 13. März hat die Familie Lauenburger – dazu gehören Manuela und Hubertus (71), Yvonne (28), Yasmin (34) und David (39) – zuletzt gespielt. Die schwierigen Zeiten deuteten sich damals bereits an: Ganze drei Zuschauer wollten die Abenteuer von Kasper, seinen Freunden und seinen Feinden erleben. Danach ging nichts mehr. Bis März hatte das kleine Familienunternehmen Winterpause. Das ist normal, und die Kalkulation ist so ausgerichtet, dass die Einnahmen der abgelaufenen Saison gerade so ausreichen, um die Familie durch die Wintermonate zu bringen. Aber nach weiteren vier Wochen Zwangspause wird das Geld jetzt knapp. „Zwei Wochen reicht es noch“, sagt Manuela Lauenburger, die für die Buchführung zuständig ist. „Was dann kommt, daran mag ich gar nicht denken.“ Anträge auf Zuschüsse wurden gestellt, getan hat sich allerdings noch nichts. „Das ist uns ziemlich unangenehm, staatliche Zuschüsse mussten wir noch nie in Anspruch nehmen.“

Seit sechs Generationen leben die Lauenburgers vom Puppentheater. Manchmal war es eng, aber immer gab es Auswege aus finanziellen Krisen. Eine Zwangspause allerdings musste bisher noch nie eingelegt werden. Manuela Lauenburger und ihr Familienteam wollen sich aber auch jetzt nicht unterkriegen lassen. „Wir schaffen das“, sagt sie. „Ganz bestimmt.“ Fröhlich klingt sie in diesem Moment allerdings nicht.

Tourneezirkus hat auch schon ohne Corona genug Probleme

Der klassische Tourneezirkus steckt ohnehin in einer tiefen Krise. Das weiß der Europäische Zirkusverband ganz genau. Was läuft, sind Weihnachtszirkusse, zirkuspädagogische Projekte mit Schulen, spektakuläre Events und Festivals. Was eigentlich nicht mehr geht, ist Herumziehen, Zelt hochziehen, Plakate kleben, Kasse machen. Viele große Zirkusse mussten in den vergangenen Jahren aufgeben. Dazu gehört auch der Zirkus Fliegenpilz des Segebergers Bodo Hölscher und seiner Frau Beatrix, der neben Krone und Roncalli lange zu den drei „Großen“ der Branche in Deutschland gehörte. 2016 mussten die Hölschers Insolvenz anmelden. Trotzdem gibt es noch Wanderzirkusse, die vom Frühjahr bis Herbst durch die Lande ziehen. Etwa der Zirkus Harry Frank, der die Zirkussaison im Kreis Segeberg seit Jahrzehnten traditionell im Frühjahr eröffnet. In diesem Jahr nicht.

Der Familienbetrieb, der seit drei Jahren von Joshy Frank (27) in dritter Generation geleitet wird, ist nach einem viertägigen Gastspiel in Alsterdorf im März in sein Winterquartier zurückgekehrt. Dort, in Lehsen im Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern, wartet die Familie auf bessere Zeiten. Und das fällt zunehmend schwer: „Wir haben gebuchte Plätze und Reklame im Voraus bezahlt“, sagt Charleen Sperlich (34), Schwägerin von Joshy Frank. Sie ist im Zirkusbüro tätig und hat den Überblick über Einnahmen und Ausgaben.

Im Augenblick hat sie nur die Ausgaben im Blick: 60.000 Euro hat die Familie Frank Ende vergangenen Jahres für ein neues Zelt ausgegeben und dabei auf die Einnahmen der Saison 2020 gebaut. Doch die bleiben vorerst aus, weil der Zirkus Harry Frank derzeit natürlich nirgends gastieren darf. „Wir hatten viele Jahre für dieses Zelt gespart.“ Die Zeltversicherung und die Maschinenversicherung müssen in den nächsten Wochen gezahlt werden, 20 Tiere und 17 Familienmitglieder sollen nicht hungern. Die Sorgen sind nicht gering. Es gibt Futterspenden vom örtlichen Edeka-Betrieb, eine Soforthilfe für Kleinunternehmer ist beantragt. „Im Augenblick kommen wir klar“, sagt Charleen Sperlich. „Aber wir wissen nicht, wie lange.“ Die Gastspiele in Norderstedt, Kaltenkirchen, Pinneberg und Bergstedt sind erst einmal gestrichen, weitere Gastspielorte wurden nicht angeschrieben, weil natürlich niemand sagen kann, wann die Corona-Maßnahmen soweit gelockert werden, dass auch Zirkus wieder möglich ist.

Die Artisten des Familienunternehmens versuchen, das Beste aus der Situation zu machen: Die Kinder studieren eine neue Show ein, die Erwachsenen trainieren täglich, um für kommende Aufgaben fit zu bleiben. Der Wunsch von Alejandro, dem Sohn von Charleen Sperlich, klingt angesichts der aktuellen Situation sehr futuristisch: Er wünscht sich zu seinem vierten Geburtstag Anfang Juni ein eigenes Zirkuszelt.

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