Forschung über Grünen-Ikone

Baldur Springmann – Ur-Öko und strammer Nazi

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Baldur Springmann bewirtschaftete in Geschendorf einen Bauernhof auf biologisch-dynamischer Basis.

Baldur Springmann bewirtschaftete in Geschendorf einen Bauernhof auf biologisch-dynamischer Basis.

Foto: Nils Winkler

Der 19 Jahre alte Student Florian Steig hat seine Forschungsergebnisse über den Mitbegründer der Grünen veröffentlicht.

Geschendorf/Uetersen . Der Mann schien schon damals aus der Zeit gefallen. Der zauselige Bart, die graue Mähne und die seltsamen „Hessenkittel“ fielen in den 70er-Jahren auch dort auf, wo es ohnehin bunt zuging: bei den Gründungsmüttern und -vätern der Grünen. Baldur Springmann hieß der Mann – Bauer aus Geschendorf bei Bad Segeberg, ein Ur-Öko – und ein strammer Nazi. Seine Vergangenheit in Hitler-Deutschland war jedoch damals kaum ein Thema. Jetzt arbeitet ein junger Student an einer Publikation über Springmann, der 2003 starb. Der erst 19-jährige Florian Steig schreibt einen Aufsatz für eine Fachzeitschrift.

Steig hat gerade erst sein Studium der Politischen Wissenschaften in Hamburg begonnen, doch beim Thema Springmann kennt er sich aus wie kaum ein Zweiter. Im vergangenen Jahr gewann der junge Forscher aus Heist (Kreis Pinneberg) mit seinem Beitrag „Baldur Springmann: Ökobauer zwischen Apokalypse und Aufbruch“ beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten den zweiten Preis und erhielt darüber hinaus einen Landespreis Schleswig-Holstein der Körber-Stiftung. Als Steig die Auszeichnungen erhielt, hatte er just sein Abitur am Ludwig-Meyn-Gymnasium in Uetersen geschafft.

Was reizt einen jungen Mann daran, sich mit der Nazi-Vergangenheit eines längst verstorbenen Politikers zu beschäftigen? „Das Thema war sehr vielfältig“, sagt Steig, der insbesondere bei seinen Recherchen in Archiven auf viele Details stieß, die er wie ein Puzzle zusammenfügen musste. Steig sagt: „Ich stand vor vielen Rätseln.“

1978 gehörte Springmann zu den Gründungsmitgliedern der Grünen Liste

Der 1912 geborene Springmann bewirtschaftete seit 1954 in Geschendorf einen Bauernhof auf biologisch-dynamischer Basis und galt als Pionier der Öko-Bauern. 1978 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Grünen Liste Schleswig-Holstein und zwei Jahre später zu den Mitgründern der Partei Die Grünen. Dass er völkisch und rechtsextremistisch dachte, dass er während der NS-Zeit führende Positionen übernahm, war jedoch im grünen Überschwang des Aufbruchs kaum ein Thema.

Springmann war Mitglied der NSDAP, erst der SA und dann der SS, arbeitete als Führungsoffizier in der weltanschaulichen Erziehung und leitete im Zweiten Weltkrieg als Kapitänleutnant in Kiel eine Flugabwehreinheit der Marine. Aus jener Zeit stammt auch ein Text von Springmann, in dem er vor dem „Volkstod“ durch „Amerikanisierung“ warnte und sich über „Buschneger“ und „Finanzmagnaten meistens jüdischer Rasse“ ausließ.

Florian Steig hat für seine Forschungen Kontakt mit vielen Gründungsmitgliedern der Grünen aufgenommen, darunter Otto Schily und Rainer Trampert. In Ansätzen seien Springmanns Vergangenheit und seine Ideologie bekannt gewesen, sagt der 19-Jährige. „Aber in den Anfangsjahren hat dieses Thema kaum interessiert.“

Die ernsthaften Recherchen Steigs begannen bereits 2017. Für Springmann hatte sich der Schüler schon vorher interessiert, doch in diesem Jahr erfuhr er, dass Springmanns Nachlass im Landesarchiv in Schleswig nachzulesen war. Im selben Jahr schrieb der Bundespräsident seinen Wettbewerb unter dem Titel „Krise – Umbruch – Aufbruch“ aus. „Diese Thema findet sich bei Springmann sehr stark wieder“, sagt Florian Steig. „Springmann wollte den Aufbruch in der Krise.“

Der Schüler begann mit den Recherchen, erlernte die Methodik des Forschens und freute sich, jenseits des Schulbetriebs langfristig an einem Projekt arbeiten zu können. Im Archiv in Schleswig stand er vor fünf Regalmetern mit Springmann-Material – eine Herausforderung, wie der 19-Jährige heute gesteht. In den Dokumenten fand er Schriften aller Art von Springmann, darunter eine Art Tagebuch, Briefe, Flugblätter und Texte mit spirituellen Inhalten.

Springmann pflegte auch Kontakte mit einer mehrfach verurteilten Holocaust-Leugnerin

Steig entdeckte außerdem Material über Springmanns Verbindungen in rechte Zirkel, die er bis zu seinem Lebensende pflegte. So engagierte sich der Bauer in patriotisch-nationalistischen Vereinen wie der „Aktionsgemeinschaft der Deutschland Liebenden“. „Der Nachlass erlaubt einen Einblick in die Geschichte der ökologischen Bewegung in Schleswig-Holstein und ihre Verbindungen in das rechtskonservative und das rechtsextreme Spektrum“, schrieb Steig in seiner Arbeit. Und weiter: „Springmanns Weltbild nach 1945 war von der Verbindung ökologischer, völkischer und spiritueller Elemente geprägt.“

Springmann pflegte auch Kontakte mit der mehrfach verurteilten Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck-Wetzel und ihrem Mann Werner Georg, einem nationalsozialistischen Publizisten und Pfarrer einer anthroposophischen Christengruppe. „Die Verstrickungen sind vielfältig“, sagt Florian Steig.

Die Arbeit für die Fachzeitschrift bezeichnet er als spannende Erfahrung. Zwar ist er gezwungen, während des Studiums die Recherchen weitgehend ruhen zu lassen, doch spätestens nach dem Studium will er weitere Rätsel im Leben des prominenten Geschendorfer Bauern lösen. Außerdem möchte er sich im Herbst erneut beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten beteiligen und sucht dafür ein neues Thema.

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