Kreis Segeberg

So gehen Behinderte mit der Coronakrise um

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Annabell Behrmann
Valentina Beck darf die Werkstätten wegen der Coronakrise derzeit nicht betreten. Gegen die Langeweile bemalt die 28-Jährige zu Hause Ostereier.

Valentina Beck darf die Werkstätten wegen der Coronakrise derzeit nicht betreten. Gegen die Langeweile bemalt die 28-Jährige zu Hause Ostereier.

Foto: Gloria Beck / Privat

Die Mitarbeiter der Norderstedter Werkstätten dürfen wegen der Corona-Pandemie weder arbeiten – noch dürfen sie allein das Haus verlassen.

Norderstedt.  Die Menschen mit Behinderung bringen Trubel in die Norderstedter Werkstätten. Manchmal geht es hier chaotisch oder laut zu. Meistens fröhlich und unbeschwert. Die behinderten Mitarbeiter erfüllen die Einrichtung mit Leben. Sie haben hier mehr als nur einen Arbeitsplatz gefunden: Gleichgesinnte. Freunde. Eine Heimat.

Doch seit bald vier Wochen ist es ungewohnt still an der Stormarnstraße. Wegen der Coronapandemie dürfen die Menschen mit Behinderung, die durch das Virus besonders gefährdet sind, die Werkstätten nicht mehr betreten. „Ihr Humor, ihr Lachen und ihre Fröhlichkeit fehlen“, sagt Einrichtungsleiter Mathias Schneeloch. Die Mitarbeiter definieren sich über ihre Arbeit, die sie leisten. Sie gibt ihren Tagen eine Struktur. Diese ist für Menschen mit Handicap besonders wichtig. „Nun fehlt ihnen das Lebenselixier“, sagt Schneeloch.

Damit die Produktion dennoch aufrechterhalten werden kann, wurden einige Betreuer kurzerhand „umfunktioniert“, denn für sie gilt das Arbeitsverbot nicht. Maike Rotermund, die für die Werkstätten normalerweise den Sport verantwortet, fertigt nun Kabel für eine Hamburger Intralogistikfirma. „Wir möchten unsere Auftraggeber nach der Krise gern behalten“, sagt sie. Deswegen müssen die Aufträge, die sonst die Menschen mit Handicap abarbeiten, trotzdem erfüllt werden. Damit sollen die Löhne gerettet werden.

Mindestens bis zum 19. April dürfen die behinderten Mitarbeiter nicht zurück an ihren Arbeitsplatz. Die Räume sind nahezu leer. Nicht einmal die Hälfte der etwa 100 Mitarbeiter ist noch in der Einrichtung. „Ich vermisse meine Sportler“, sagt Maike Rotermund. Weil soziale Einrichtungen sozialen Aufgaben übernehmen sollen, wird sie in den kommenden Tagen nicht nur Kabel fertigen, sondern auch Kinder in einem Kinderheim in Bad Segeberg betreuen. Kontakt zu ihren Werkstätten-Sportlern hält sie per Telefon. Rotermund spricht regelmäßig mit ihnen. Zum Beispiel mit Valentina Beck. Die 28-Jährige hat das Down-Syndrom – und strotzt nur so vor Energie und Lebensfreude. Sie wohnt bei ihren Eltern in Norderstedt. „Langweilig wird mir bestimmt nicht“, sagt Valentina Beck, aber sie vermisse die Arbeit und den Sport in den Werkstätten. Sie weiß, dass gerade ein Virus die Welt auf den Kopf stellt. Und sie deswegen nicht arbeiten darf. Angst hat sie nicht.

Um sich zu beschäftigen, bemalt Valentina Beck Ostereier in vielen bunten Farben. Sie hängen nun an einem Baum im Garten. Mit ihrer Mutter Gloria hat die junge Werkstätten-Beschäftigte außerdem ein neues Ritual eingeführt: Jeden Tag spielen sie „Mensch ärgere Dich nicht“ gegeneinander. Die Verliererin muss ihr Handy abgeben. „Wenn Valentina verliert, will sie so lange spielen, bis sie gewinnt und ihr Handy wiederbekommt“, berichtet Gloria Beck. „Mir gibt sie mein Handy für mehrere Stunden nicht mehr zurück.“ Die Coronakrise bringt eben nicht nur triste Zeiten mit sich. Es kommt darauf an, was man aus der schwierigen Situation macht.

Jan Brückner hat sich in den vergangenen Tagen häufig an der frischen Luft bewegt. „Sonst fällt mir irgendwann die Decke auf den Kopf“, sagt er. Der 29-Jährige arbeitet in den Norderstedter Werkstätten als Gärtner, schneidet die Hecken und mäht den Rasen. Auch er muss seit fast vier Wochen zu Hause bleiben. „Ich befürchte, es dauert noch eine Weile, bis wir wieder arbeiten dürfen“, sagt Jan Brückner.

Er gehört zu den Leistungsträgern der Werkstätten-Sportler. Um sich fit zu halten, ist er bisher zweimal die Woche joggen gewesen, dreimal war er mit dem Fahrrad unterwegs. Wenn er schon nicht arbeiten darf, dann will er wenigstens Sport machen. Doch das geht nun ebenfalls nicht mehr. Seit Anfang April dürfen gehandicapte Menschen, die wie Jan Brückner in einer Wohngemeinschaft leben, nur in Begleitung eines Betreuers das Haus verlassen. Weder zum Einkaufen noch zum Spazierengehen dürfen sie allein los. Das hat das Land zur Eindämmung des Virus angeordnet. Sollte sich ein Mensch mit Behinderung dennoch frei bewegen, muss er zwei Wochen in einer Klinik in Quarantäne.

Damit Jan Brückner seiner Leidenschaft, dem Sport, trotzdem weiterhin nachkommen kann, begleitet ihn beim Laufen ein Betreuer auf dem Rad. „Das ist auch in Ordnung“, sagt Jan Brückner. Das Fahrrad ist notwendig, weil der Sportler zu schnell für die Betreuer ist.

Bereits für gesunde Menschen sind die Umstellungen in der Coronakrise anstrengend. Die Menschen mit Behinderung stellen sie vor noch viel größere Herausforderungen. Nicht jeder versteht, was da draußen gerade passiert.

Bis jetzt hat sich noch kein Beschäftigter der Werkstätten mit dem Coronavirus infiziert. Sollte sich jemand anstecken, würde er auf der extra eingerichteten Quarantänestation in der Tagesförderstätte isoliert werden. Hier stehen notfalls drei Betten bereit. „Wir hoffen, dass sie nicht genutzt werden“, sagt Einrichtungsleiter Mathias Schneeloch.

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