Quarantäne-Tagebuch

Warum das Coronavirus nicht einfach verbieten?

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Jan Schröter
Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt, schreibt hier jeden Tag aus der Quarantäne.

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt, schreibt hier jeden Tag aus der Quarantäne.

Foto: Wolfgang Klietz

In der Quarantäne sind wir alle gleich, ob in Thüringen oder Turkmenistan. Dort wurde das Wort „Corona“ verboten. Ob es hilft?

Kreis Segeberg.  Ein neuer Tag in Quarantänien, diesem magischen Ort transzendenter Erlebnisse und ungeahnter Grenzerfahrungen. Ich arbeite mich durch die Nachrichtenlage. Sieh da, der Präsident Berdimuhamedow (de facto: Diktator) von Turkmenistan greift im Kampf gegen das Virus entschlossen durch: Die Verwendung des Wortes „Corona“ ist ab sofort verboten, weil es dergleichen in seinem Land nicht gibt. So kann man Probleme natürlich auch lösen.

Besonders beeindruckt mich (und sicher nicht nur mich) in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass Präsident Berdimuhamedow sogar Medizin studiert und als Arzt praktiziert hat, obendrein jahrelang Gesundheitsminister seines Landes war. Der Mann ist vom Fach. Vielleicht hat er ja recht? Ich gerate ins Träumen. Turkmenistan, die letzte Oase unbeschwerten Lebens in klinischer Reinheit, wo Flüsse aus Sterilium die verpilzten Füße umschmeicheln und auf jedem WC eine XXL-Packung vierlagiger Klorollen auf zarte Popöchen wartet. Wir sollten kollektiv unsere Krankenkassen mit Anträgen auf Kuraufenthalte in Turkmenistan bestürmen. Nicht nur wegen Corona. Berdimuhamedow behandelt bestimmt alle unsere Gebrechen garantiert erfolgreich. Ob Bandscheibenvorfall, Haarspliss oder Schwiegermutter – es wird sämtlich verboten, und weg isses. Außerdem, mal ehrlich, in Turkmenistan war doch noch kaum einer von uns. Vielleicht ist da alles so exotisch wie die Ideen des Präsidenten, dann böte der Aufenthalt dort eine umfassende Bewusstseinserweiterung.

Mundschutzpflicht gibt es jetzt ausgerechnet in Thüringen

Obwohl mir der Blick auf die innerdeutsche Nachrichtenlage umgehend beweist, dass sich auch hierzulande gerade manches radikal verändert. Es ist nicht sehr lange her, da haben sich in Thüringen 22 Prozent der Wähler bei Landtagswahlen für die AfD entschieden. Ausgerechnet dort prescht jetzt mit Jena die erste deutsche Großstadt mit der Gesichtsschutzpflicht vor. Menschen, die eben noch angesichts jeglicher Kopftuchverhüllung den Untergang des Abendlandes proklamierten, wagen sich jetzt nur noch mit Schutzmaske vor die Tür. So ein Humor, der gefällt mir.

Von Thüringen weiß ich sogar aus eigener Erfahrung, dass es dort sehr schön ist. Vielleicht sollten wir also zur nächsten Kur lieber dorthin reisen. Vermutlich machen die Krankenkassen bei diesem Ziel auch weniger Zicken, als wenn wir ihnen mit Turkmenistan kämen.

Doch ach, die nächste Reise kommt noch lange nicht. Vorerst fährt kein Zug, es geht kein Flug aus Quarantänien. Dafür schaue ich aus dem Fenster meines „Homeoffice“, früher bekannt als: „Arbeitszimmer“. Und blicke über die Wiese, durch die sich gemächlich das Flüsschen Bramau schlängelt. Eigentlich möchte ich nirgendwo anders hin. Schon mal gar nicht nach Turkmenistan. Bestimmt sind dort auch schöne Landschaften und nette Leute. Leider ist dort der Präsident Berdimuhamedow. Er hat seinen Untertanen auch verboten, Mundschutz zu tragen. Machen die Leute auch nicht. Sie gehen einfach überhaupt nicht mehr raus.

Willkommen in Quarantänistan, liebe Turkmenen.

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