Quarantäne-Tagebuch

Eins ist sicher: Am Ende hat immer der Lehrer Recht

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt, schreibt hier täglich aus der Quarantäne.

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt, schreibt hier täglich aus der Quarantäne.

Foto: Wolfgang Klietz

Unser Kolumnist erhielt vor kurzem einen Anruf – von seinem ehemaligen Lehrer. Der fragte: Welche Berufe sind systemrelevant – und welche nicht?

Kreis Segeberg.  Fühlt man sich als 61-Jähriger plötzlich in seine Schulzeit versetzt, ist man entweder verliebt, sturzbetrunken oder eingeschlafen und träumt. Seit gestern kenne ich eine vierte Möglichkeit, die diesen Zustand auslöst: Wenn einen der einstige Lehrer anruft.

In meinem Fall ist der Mann längst ein gutes Stück über 80. Und klingt ziemlich aufgebracht, als er mich anruft. „Ich habe mich sehr über deine Kolumne geärgert“, legt er los. Setzen, Sechs, denke ich und fühle mich schlagartig wie… siehe oben. Eigentlich sei mein Beitrag ja okay gewesen, führt mein alter Lehrer weiter aus. Aber ich hätte eine Formulierung benutzt, die man im Zusammenhang mit Corona neuerdings überall verwendet. Und weil ich der einzige Journalist bin, den er persönlich kennt, beschwert er sich eben bei mir. Er fühlt sich diskriminiert, seit überall von „systemrelevanten Berufen“ die Rede ist. Damit sind, beispielsweise, Krankenschwestern und Pfleger gemeint. Die Leute von der Müllabfuhr oder Mitarbeiter in Supermärkten. Also Menschen, die während dieser Krise das System am Laufen halten. Wir haben keine Zweiklassengesellschaft, doziert mein Lehrer. Das System sind wir alle, also ist jeder Einzelne relevant. Zum Beispiel würde die systemrelevante Apotheke sofort wirtschaftlich kollabieren, wenn er und seine Altersgenossen nicht so fleißig Pillen schlucken würden – und zwar schon seit Jahren. Demnach ist ein kranker Rentner mindestens ebenso systemrelevant wie ein Arzt oder Apotheker. Die Behauptung, bestimmte Berufsgruppen wären von staatstragender Bedeutung, andere eher unwichtig, sei schlichtweg falsch. Und deshalb sei es eine Frechheit, den einen auszugrenzen und zu isolieren, während der andere ungebremst seiner Profession nachgehen dürfte.

„Interessanter Ansatz“, räume ich ein, „so gesehen, wäre der Einbrecher genauso systemrelevant wie der Polizist. Darf man also den Einbrecher nie einsperren, wenn man ihn erwischt?“ Ich höre meinen alten Lehrer entnervt schnaufen. „Du hast schon immer alles verdreht, was man dir gesagt hat“, klagt er noch, dann wird aufgelegt. Das tut mir leid. Ein wenig. Und ich grüble. Ich brauche Sie, damit irgendjemand meine Beiträge liest und ich weitere schreiben darf. Sie brauchen mich – um sich, im Idealfall, von meinen Beiträgen unterhalten zu fühlen oder sich, immerhin, mal über etwas anderes aufzuregen als über Corona. Es ist ja etwas Wahres dran: Unser „System“ besteht nicht bloß aus Medizinern, Polizei und Müllabfuhr. Die sind zweifellos wichtig. Aber das System lebt durch uns alle und braucht auch alle. Wir brauchen auch alle, um durch diese Krise zu kommen. Alleine haben Mediziner, Polizei, die Müllabfuhr und Frau Merkel leider keine Chance, damit fertig zu werden.

Ich werde künftig – zumindest für die Zeit der Coronakrise – auf die Bezeichnung „systemrelevant“ verzichten, beschließe ich. Und fühle mich einmal mehr in meine Schulzeit versetzt – am Ende hat meistens der Lehrer Recht gehabt.