Norderstedt
Corona-Krise

Segebergs Apotheker fahren Sonderschichten im Labor

Apotheker Dirk Buckenberger in seinem Kellerlabor.

Apotheker Dirk Buckenberger in seinem Kellerlabor.

Foto: Alte Apotheke Bad Segeberg

Um den Bedarf an Desinfektionsmitteln bei Ärzten, Kliniken und Unternehmen zu decken, produzieren sie in Laboren tausende Liter in Eigenregie.

Kreis Segeberg.  Desinfektionsmittel sind in Zeiten der Corona-Pandemie knapp. Bei Rettungskräften, Pflegeeinrichtungen und im medizinischen Bereich kommt es immer wieder zu Engpässen. Davon bleibt der Kreis Segeberg nicht verschont. Nachschub ist zwar verfügbar – aber nur in begrenzten Mengen und nicht selten zu stark überhöhten Preisen.

Ein Apotheker aus Bad Segeberg hat jetzt zur Selbsthilfe gegriffen, um die Situation vor Ort zu entschärfen. Mit seinem Team produziert Dirk Buckenberger in der Alten Apotheke an der Kirchstraße Desinfektionsmittel. Und legt dafür Sonderschichten ein.

„Wir sind in den ersten Tagen nach Ausbruch der Pandemie regelrecht überrannt worden“, berichtet der Apotheker. ,,Arztpraxen, Apotheken, alle fragten auf einmal nach Desinfektionsmitteln. Die Margen, die wir bestellt hatten, waren in drei Tagen ruckzuck weg.“

Im Kellerlabor wird tags und nachts gearbeitet

Um den Nachschub zu sichern, stellt Buckenberger deshalb in einem Labor im Untergeschoss seiner Apotheke Desinfektionsmittel selber her. Tag für Tag, und wenn es sein muss auch nachts. ,,Es geht darum zu zeigen, dass wir in der Krise bei uns vor Ort einspringen. Dass wir hier für die Menschen da sind“, sagt der Apotheker.

Damit es losgehen konnte, mussten erst einmal die rechtlichen Voraussetzungen für die Produktion geschaffen werden. Laut EU-Biozidverordnung ist es nämlich verboten, dass Apotheken Desinfektionsmittel herstellen. Im Krisenfall kann davon allerdings eine Ausnahme gemacht werden. Die Apothekerkammer Schleswig-Holstein habe den Anstoß gegeben, dass die Verordnung bis auf Weiteres außer Kraft gesetzt wird, berichtet Buckenberger.

Seitdem wird das Präparat auf Basis von Isopropanol oder Ethylalkohol und weiteren Zutaten im Labor des Apothekers hergestellt. Die Arbeit erfordert Konzentration. ,,Meine Mitarbeiter müssen grammgenau einwiegen“, sagt Buckenberger. Die Rohstoffe kommen aus Deutschland, die Flaschen aus China. Die Rohstoffpreise hätten sich seit Ausbruch der Krise vervierfacht. Für einige Zutaten müsse er heute sogar das Zehnfache bezahlen. Das fertige Produkt füllen seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Flaschen zu 100, 250, 500 und 1000 Milliliter ab. Die ersten 1000 Flaschen gingen innerhalb weniger Tage weg. Sie wurden als Erstes an Notarztpraxen in der Region verteilt. Die Kassenärztliche Vereinigung sei ,,darüber sehr dankbar gewesen“, berichtet Buckenberger.

Hinzu kommen Fünf-und Zehnliterkanister. ,,Unsere Kunden sind Privatleute, Rettungsdienste, Arztpraxen, Kliniken und Wirtschaftszweige mit viel Publikumsverkehr.“ Elf Mitarbeiter arbeiten zurzeit im Zweischichtbetrieb, um die Apotheke am Laufen zu erhalten und die wachsende Nachfrage nach Desinfektionsmittel zu decken – von Husum, Kiel, Flensburg bis nach Lübeck.

Viele Kunden holen die Ware selbst in der Apotheke ab. Für die 100-Milliliter-Flasche zahlen Kunden in der Segeberger Apotheke 4,95 Euro. ,,Ein großer Teil gelangt über den pharmazeutischen Großhandel zum Kunden“, erzählt Buckenberger. Ein Ende der Produktion ist nicht in Sicht. ,,Die Nachfrage ist riesengroß. Die Anrufe in unserer Apotheke haben sich verzehnfacht.“

Andere Kollegen sind dem Beispiel des Segebergers gefolgt. ,,Wir hatten eine Anfrage eines Kunden. Dem konnten wir nach wenigen Tagen ein paar Tausend Flaschen liefern“, erzählt Momme Imbusch, Inhaber der Friesen Apotheke in Trappenkamp. Mit seinen 17 Mitarbeitern hat er schon 18.000 Flaschen produziert. Für den Privatgebrauch erhalten Privatkunden das Mittel bei ihm in handlichen 100-Milliliter-Fläschchen. ,,Das reicht für 30-mal Hände desinfizieren“, sagt Imbusch.

Verkehrsbetriebe, Arztpraxen, Pflegeheime die Baubranche und Logistikunternehmen im Norden beziehen das Mittel aus Trappenkamp in 500 Milliliter-Packs. Die Plastikbehälter ordert Imbusch in Rotterdam. ,,Wir haben die Produktion in Trappenkamp professionalisiert und hier sogar eine automatische Abfüllanlage gebaut.“

Momentan wartet Imbusch auf die nächste Lieferung Ethylalkohol. Weil auch dieser Rohstoff knapp wird, sind einige Schnapsbrennereien in Deutschland dazu übergegangen, statt Schnaps Ethanol zu brennen. ,,Wir wollen in Trappenkamp pro Woche 6000 Flaschen Desinfektionsmittel abfüllen. Das macht rund 3000 Liter“, sagt der Apotheker. Er bleibt auch in schwierigen Zeiten optimistisch. ,,Dafür, dass wir vorige Woche bei uns keine einzige Flasche abfüllen konnten, ist das doch schon sehr gut.“