Norderstedt
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Expertin für Paartherapie: Gibt es einen Corona-Baby-Boom?

„Jedes Paar sollte jetzt seine individuelle Balance zwischen gemeinsamer Zeit als Paar und als Individuum finden“, sagt Paartherapie-Expertin Friederike Lindecke (Symbolbild).

„Jedes Paar sollte jetzt seine individuelle Balance zwischen gemeinsamer Zeit als Paar und als Individuum finden“, sagt Paartherapie-Expertin Friederike Lindecke (Symbolbild).

Foto: Getty Images/iStockphoto

Friederike Lindecke erklärt, welche Chancen und Risiken die Corona-Krise für Beziehungen birgt. Das sollten Paare jetzt beachten.

Kreis Segeberg.  Corona bedeutet für viele Paare, auf einmal viel Zeit miteinander zu verbringen. Wie schaffen sie es, ihrem Tag eine Struktur zu geben? Wird das vielleicht zu vermehrten Trennungen führen? Oder zu mehr Nähe und Harmonie? Und wird’s zu Weihnachten einen Corona-Baby-Boom geben? Diese und weitere Fragen beantwortet Paartherapie-Expertin Friederike Lindecke.

Hamburger Abendblatt: Friederike Lindecke, Sie sind staatlich anerkannte Heilpraktikerin für Psychotherapie in Halstenbek. Einer Ihrer Schwerpunkte ist die Paartherapie. Erklären Sie uns doch bitte einmal: Wie funktioniert das Miteinander zweier Menschen in Zeiten von Corona?

Friederike Lindecke: Die gemeinsame Zeit zweier Menschen in Zeiten von Corona birgt Chancen und Potenzial für die Weiterentwicklung einer Paarbeziehung. Da die Kontakte zur Außenwelt stark eingeschränkt sind, können sich Paare auf ihre Partner fokussieren, ohne gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommen zu müssen.

Hier zeigt sich, wie gut Paare funktionieren. In einer bisher gut funktionierenden Beziehung werden in dieser besonderen Zeit wahrscheinlich eher weniger Probleme auftreten. Diese Beziehungen sind stabil und harmonisch, und die Paare genießen die zusätzliche gemeinsame Zeit.

Dennoch können über einen längeren Zeitraum gesehen auch hier Disharmonien auftreten und Spannungen entstehen. Hier ist es sehr wichtig, miteinander zu sprechen und dem Partner genau zuzuhören.

In dieser außergewöhnlichen Zeit sollten die Ängste des anderen noch ernster genommen werden. Sollte die direkte Kommunikation nicht gelingen, können Paare ihre Gedanken zu Papier bringen.

Abendblatt: In China ist die Zahl der Trennungs- und Scheidungswilligen als Folge gemeinsamer Quarantäne massiv gestiegen. Ist das ein Trend, den wir auch bei uns beobachten werden?

Lindecke: Das politische und gesellschaftliche System in China unterscheidet sich deutlich von unserem. Es gibt große Unterschiede zwischen einer staatlich auferlegten Quarantäne und den derzeitigen Maßnahmen in Deutschland, die auf die Mitwirkung und das Verständnis aller Bürgerinnen und Bürger zielen.

Es ist dennoch möglich, dass die Anzahl der Trennungen oder Scheidungen im Laufe einer länger währenden Krise ansteigen werden. Die Frage ist, ob die Trennungen nicht ohnehin vollzogen worden wären, jedoch mit zeitlicher Verzögerung.

Abendblatt: Wie können Paare dem entgegenwirken?

Lindecke: Jedes Paar sollte seine individuelle Balance zwischen gemeinsamer Zeit als Paar und als Individuum finden. Hierbei ist ein gemeinsamer – gern zu Papier gebrachter – Tagesablauf durchaus sinnvoll. Es ist wichtig, dass beide Partner eine gemeinsame Struktur finden oder, falls bereits vorhanden, diese fortzuführen.

Die individuelle Freizeitgestaltung bekommt hier eine besondere Bedeutung. Sollten Paare – auch bereits vor Corona – gern zusammen joggen gegangen sein, sollten sie dies auch weiterhin tun. Auch hier gilt: Sprechen Sie miteinander!

Den Partner in dieser besonderen Situation einfach „Sein lassen“. Das könnte zum Beispiel bedeuten, ihn seine Lieblingsserie allein gucken zu lassen oder dem Hobby, sofern es noch betrieben werden kann, nachzugehen. Dadurch kann die Harmonie erhalten oder sogar gestärkt werden.

Abendblatt: Ihre Einschätzung: Schenken sich Paare jetzt wieder mehr Nähe? Sprich, wird es zu Weihnachten einen Babyboom durch Corona geben?

Lindecke: Durch die vermehrt vorhandene Zeit kann bei Paaren durchaus der Wunsch nach mehr körperlicher Nähe zum Partner entstehen. Weiterhin kann auch die Angst in der Krise den Wunsch nach Halt und Geborgenheit zusätzlich verstärken.

Es gibt jedoch keine aussagekräftigen Studien, welche die Theorie eines Babybooms nach Katastrophenzeiten bestätigen. Dennoch würde ich mir, aus Sicht einer Paartherapeutin in Zeiten rückläufiger Geburtenraten, einen solchen wünschen.

Abendblatt: Und was machen Singles jetzt? Gehen sie im Netz vermehrt auf Partnersuche?

Lindecke: Da das gesellschaftliche Leben deutlich eingeschränkt ist, werden Singles vermehrt auf digitale Partnersuche ausweichen. Dies ist eine naheliegende Konsequenz. Singles sollten das gesellschaftliche Miteinander auch weiterhin sicherstellen. Die digitale Welt bietet Verabredungen via FaceTime, virtuelle Teilnahme an Yoga- oder anderen Sportkursen und vieles mehr.

Telefonate mit Freunden und der Familie geben uns das Gefühl, nicht allein zu sein. Sollte die Einsamkeit unerträglich werden, bietet auch die Telefonseelsorge Halt.

Abendblatt: Abschließende Frage: Was macht die Corona-Krise mit Ihnen persönlich? Gibt es einen Leitspruch, der Sie jetzt durchs Leben trägt?

Lindecke: Für mich persönlich bedeutet die Corona-Krise eine Chance der persönlichen Weiterentwicklung. Die Konfrontation mit der eigenen Angst ist eine großartige Selbsterfahrung. Darüber hinaus ist diese außergewöhnliche Zeit für meine Familie und mich auch eine Möglichkeit, näher zusammenzurücken und zu entschleunigen.

In meinem Zuhause fühle ich mich geborgen und bin dankbar für den Zusammenhalt in meiner Familie. Mein persönlicher Leitspruch lautet: „Mit Liebe, gegenseitiger Wertschätzung und Rücksichtnahme gelingt nicht alles besser, aber vieles leichter!“