Quarantäne-Tagebuch

Neuer Anstrich für Zuhause – Irgendwann ist früh genug

| Lesedauer: 3 Minuten
Jan Schröter
Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt, schreibt hier jeden Tag aus der Quarantäne.

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt, schreibt hier jeden Tag aus der Quarantäne.

Foto: Wolfgang Klietz

Die Corona-Krise und ihre Folgen haben auch ihre Vorteile: Endlich wird saubergemacht, renoviert und umgeräumt.

Kreis Segeberg.  Während der frühen Corona-Tage waren die meisten Leute mit seit Ewigkeiten aufgeschobenen Aufräumarbeiten beschäftigt – die randvollen Papiercontainer waren bereits Thema dieser Kolumne. Aufräumarbeiten wirken wie tropische Wirbelstürme, deren Sog scheinbar Festes versetzt und mancherlei Dinge aus den Tiefen dunkler Finsternis reißt, die besser dort geblieben wären. Immerhin bietet sich so die Chance, kompromittierende Liebesbriefe, fragwürdige Geschäftsunterlagen und steuerrelevante Indizien aufs Schwarzgeldkonto ein für allemal zu vernichten, was keinesfalls versäumt werden sollte.

Ich hoffe, Sie beherzigen diesen Rat. Wahrscheinlich kommen Sie aber nicht dazu. Denn längst ist die nächste Phase des häuslichen Umgestaltungswahns eingetreten. Derzeit wird in Corona-Deutschland gefühlt jede zweite Wohnung renoviert, wahrscheinlich sind es eher noch mehr. Bei wem ich auch anrufe, hat dort gerade jemand im Haushalt beschlossen, dass die momentane Ausgangsbeschränkung die einmalige Gelegenheit bietet, endlich mal zu tapezieren / zu streichen / Bodenbeläge zu erneuern / das Bad zu sanieren und dergleichen. Der Beschluss kommt immer von dem Haushaltsmitglied, das auch sonst die Ansagen macht – Sie wissen schon, wer das in der Regel ist. Ich kann nur hoffen, dass die Baumärkte endlich geschlossen werden, sonst muss ich bestimmt auch noch ran. Und mit der Renovierung ist es nicht getan. Frische Farbe, flotte Tapeten und flauschige Teppiche schreien nach neuen Möbeln. Die sind teuer, deshalb versucht man zunächst lieber, durch fleißiges Verschieben und Umtragen des vorhandenen Mobiliars den gewünschten Modernisierungseffekt zu erzielen. Klar ist, wer hier die Entscheidungen trifft und wer fürs Verschieben und Umtragen zuständig ist. Fragen der Raumgestaltung bleiben von jeder Emanzipation unberührt, das ist seit der Steinzeit Tradition und bleibt so, basta.

Unvermeidbar ist nach mehrstündigem oder gar mehrtägigem Möbelrücken auch die finale Einsicht, dass die ollen Teile einfach nicht mehr zum neuen Ambiente der Wohnung passen. An diesem Punkt der Erkenntnis wäre der weitere Ablauf früher so erfolgt: die alten Möbel aus dem Haus schleppen, in Hänger und/oder Fahrzeug verladen und zum Recyclinghof schaffen (schon klar, wer das macht). Leider sind – wg. Corona – gerade alle Recyclinghöfe bis auf Weiteres zu. Und selbst, wenn im Keller noch Platz genug wäre: Die Möbelhäuser sind auch geschlossen. Und kommen Sie ja nicht auf die Idee, neue Möbel online zu bestellen. Man verärgert seinen Postboten nachhaltig, soll der jetzt auch noch Sofas in den dritten Stock schleppen. Fortan wird er einfach wegbleiben. Sie bekommen weder Lebensmittellieferungen, sonstige Päckchen noch die wichtigen Briefe vom Finanzamt. Konfrontieren Sie die Ihren mit dieser schrecklichen Konsequenz. Und dann lassen Sie die alten Möbel drinnen, den alten Teppich liegen und die alte Tapete an der Wand.

Für sowas ist irgendwann früh genug.

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