Norderstedt
Quarantäne-Tagebuch

Radiowerbung – Wo ist der Mann mit der Matratze?

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt

Foto: Wolfgang Klietz

Jan Schröter hört immer denselben Radiosender. In Zeiten der Corona-Krise hat sich dort aber eine Sache besonders verändert.

Kreis Segeberg.  Es wird ernst. Dafür gibt es ein untrügliches Zeichen. Es ist zum Wochenanfang etwas weggebrochen, was noch bis letzten Freitag unverrückbar schien wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung.

Kurze Vorgeschichte. Ich bin in mancherlei Hinsicht durchaus risikofreudig, in anderen Dingen ein ausgeprägtes Gewohnheitstier. Mein Start in den Morgen verläuft an Arbeitstagen stets gleich. Noch vor dem Frühstück geht’s für eine Fitnesseinheit auf den Crosstrainer, dazu läuft das Radio. Mir ist bekannt, dass es eine Vielzahl von Radiosendern gibt. Da das Leben jedoch schon anstrengend genug ist, verstelle ich bei meinem Radio den Sender niemals. Es dudelt auf ein und derselben Frequenz, bis das Gerät irgendwann kaputt ist. Ich höre also jahre-, wenn nicht jahrzehntelang denselben Sender – in meinem Fall einen öffentlich-rechtlichen. Und dank der täglichen Trainingseinheit kenne ich die hier gebotenen Rundfunk-Werbeblöcke auswendig. Letzte Woche habe ich noch stillvergnügt darüber geschmunzelt, dass in den Spots unverändert alles so schien, als sei die Welt noch völlig in Ordnung. Supermärkte buhlten um massenhaften Kundenansturm. Möbelhäuser boten Sitzmöbel und Küchenberatung an, Autohäuser lockten mit offener Tür, und wer eine gesunde Familie haben wollte, brauchte nur die „Apotheken-Rundschau“ zu lesen, und alles würde gut. Es kam sogar noch Werbung für ein unvergessliches Kreuzfahrterlebnis über den Sender.

Am Montagmorgen galoppieren die Reiter der Apokalypse aus dem Radio. Erster Werbespot: Eine Supermarktkette bedankt sich bei allen Mitarbeitern, Zulieferern, Bauern und empfiehlt den Kunden, sich beim Einkauf, wenn der denn unbedingt sein muss, ja schön vorsichtig zu verhalten. Zweiter Werbespot: Eine Baumarkt-Kette erklärt lapidar, die noch am Wochenende beworbenen Sonderangebote seien leider gestrichen. Ende der Durchsage, das war der komplette Werbeblock. Ich falle vor Schreck fast vom Crosstrainer. Wo bleiben die scharfen, jungen Dinger, die sich, spitz wie Lumpi, alle 11 Sekunden verlieben? Was ist mit dem Vollspacken, der sich eine neue Matratze gekauft hat? Und hat das Coronavirus jetzt sogar diese Kräutertropfen mit dem unaussprechlichen Namen besiegt, die doch angeblich gegen schlichtweg alles helfen? Menno. Ich weiß natürlich, dass es keinen Sinn macht, Produkte und Leistungen zu bewerben, die derzeit nicht angeboten werden dürfen. Aber lasst uns doch in diesen unsicheren Tagen einen Hauch von Kontinuität bewahren. Macht die Werbung zeitgemäß. Die Partnersuchenden könnten sich hemmungslos sogar alle drei Sekunden verlieben, weil sie eh niemanden persönlich treffen dürfen. Der Vollspacken muss sich nicht über seine überteuerte Matratze grämen, weil er nun so viele Stunden daheim darauf verbringt, dass sich das Geld trotzdem lohnt. Die unaussprechlichen Tropfen lassen sich bestimmt in der Küche als Würzmittel verwenden. Und bei Kreuzfahrten gilt das Knallerangebot: eine Woche zahlen, zwei Wochen Quarantäne gratis.