Norderstedt
Kreis Segeberg

„Mir sind die Sicherungen durchgebrannt. Tut mir leid“

Das Amtsgericht Neumünster (Symbolbild)

Das Amtsgericht Neumünster (Symbolbild)

Foto: Frank Molter / picture alliance / Frank Molter/

Schöffengericht Neumünster schickt 65-jährigen Ex-NVA-Soldaten für eine Messerattacke über zwei Jahre ins Gefängnis.

Neumünster/Boostedt.  Zwei Jahre und drei Monate Freiheitsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung – so ahndete das Schöffengericht in Neumünster die Messerattacke eines ehemaligen NVA- und Bundeswehroffiziers (65) auf einen Nachbarn (68) in Boostedt. Laut Urteil war die Tat trauriger Höhepunkt eines lange schwelenden Streits zwischen den Rentnern. „Sie haben gleich zugestochen“, warf die Vorsitzende dem nicht vorbestraften Angeklagten nach zweitägiger Beweisaufnahme vor.

So einfach der Sachverhalt war, so kompliziert stellten sich die Hintergründe des Konflikts dar. Zu Kontrahenten wurden der Angeklagte und sein Opfer offenbar durch einen Streit um die Versorgung und das Testament einer begüterten 90 Jahre alten Frau im Kreis Segeberg.

Notwehr? Das Gericht glaubte dem Angeklagten nicht

Der Täter hatte sich im Prozess auf Notwehr berufen: Sein Gegner habe ihn und seinen Hund mit dem Auto angefahren und zweimal tätlich angegriffen. Seine Verteidigerin Kirsten Kienast forderte Freispruch. „Einen Angriff des Opfers hat es nicht gegeben“, wies die Richterin die Darstellung des Angeklagten zurück, der angegriffene Nachbar habe sich an jenem Aprilabend 2019 nur verteidigt. Den wuchtigen, vier bis fünf Zentimeter tiefen Bauchstich mit einem Jagdmesser habe er nur durch glückliche Umstände und dank seiner stabilen Lederjacke überlebt.

Das Gericht glaubte den Darstellungen einer Zeugin, die das Opfer und dessen Ehefrau zuvor ins Theater begleitet hatte. Die Bekannte (58) des Paares hatte die Attacke beobachtet. Das spätere Opfer und seine Frau setzten in ihrem Wagen zurück, der Angeklagte habe sich dann dm Auto in den Weg gestellt. Als der Fahrer ausstieg und um freie Durchfahrt bat, habe der Angeklagte zugestochen. Dann habe der Verletzte auch schon mit den Worten „Er hat mich gestochen!“ um Hilfe gerufen.

Staatsanwältin Ina Nentwig analysierte in ihrem Plädoyer die Vorgeschichte. Demnach hatte sich die Familie des Angeklagten intensiv um eine inzwischen verstorbene 90-Jährige gekümmert. Ob aus Eigennutz wisse man nicht. Im Prozess beschrieben drei Nachbarn den Ex-NVA-Soldaten als freundlichen und selbstlosen Helfer.

Der Angeklagte und seine Ehefrau brachen jedoch abrupt den Kontakt zu der alten Dame ab, als sie erfuhren, dass ihr Widersacher und mutmaßlicher Konkurrent um das Erbe schon lange die Vorsorgevollmacht für die Seniorin hatte. Danach soll ihn das spätere Opfer als Erbschleicher verunglimpft haben. Das böse Wort machte in der Siedlung die Runde. Auf diesem Boden schwelten die Feindseligkeiten zwischen gut situierten Menschen mit ehrbaren Berufen, stellte die Staatsanwältin fest. Bis sich lange aufgestauter Frust und Ärger entluden. Der Ex-Soldat habe möglicherweise empfindlich auf die joviale Herablassung des ehemaligen Bankers reagiert.

„Mir sind die Sicherungen durchgebrannt“, erklärte der Ex-Soldat. „Es tut mir leid.“ Offenbar rechnete er bereits fest mit seiner Verurteilung: Noch vor dem Richterspruch kündigte er seiner Verteidigerin an, in Berufung zu gehen. Laut Urteil muss der Angeklagte dem Opfer die Anwaltskosten bezahlen. Der Nebenkläger hatte dreieinhalb Jahre Haft gefordert.