Corona-Krise

„Wir sind näher miteinander verbunden als je zuvor“

Dr.  Michael Zorawski arbeitet als psychologischer Psychotherapeut in Norderstedt und Hamburg.

Dr. Michael Zorawski arbeitet als psychologischer Psychotherapeut in Norderstedt und Hamburg.

Foto: Bianca Bödeker / Bödeker

Psychotherapeut Dr. Michael Zorawski glaubt, dass Solidarität, die zu entstehen scheint, Zeichen sein kann für besseres Miteinander.

Das Coronavirus betrifft uns alle und ist damit das dominierende Thema in dieser Zeit. Doch weder Panik noch Ignoranz sind hilfreich, sagt der Psychotherapeut Dr. Michael Zorawski. Was kann uns Menschen jetzt Halt geben? Wie können wir uns gegenseitig stärken? Wie erklären wir die Situation unseren Kindern? Und welche Chance liegt in der Überwindung der aktuellen Krise? Auf diese und weitere Fragen antwortet der Experte im Abendblatt-Interview.

Herr Dr. Zorawski, Sie sind psychologischer Psychotherapeut in Norderstedt und Hamburg. Auf Ihrer Homepage schreiben Sie: „Es gibt nur einen Weg zum Glück und der bedeutet, aufzuhören mit der Sorge um Dinge, die jenseits der Grenzen unseres Einflussvermögens liegen.“ Wie passt dieser Satz in die herausfordernde Corona-Zeit?

Dr. Michael Zorawski Das ist ein 2000 Jahre altes Zitat von Epiktet, einem römischen Stoiker, und drückt gewissermaßen eine Grundhaltung kognitiver Verhaltenstherapie aus. Ziel ist es, sich nicht mehr als nötig an den Dingen aufzureiben, die man ohnehin nicht beeinflussen kann. Da es menschlich ist, dies doch zu tun, sollte man das Zitat nicht als absolut ansehen, sondern vielmehr als Orientierung. Manche Begebenheiten führen naturgemäß zu vermehrter Sorge. Erfreulicherweise kann man jedoch lernen, zwischen Beeinflussbarem und Unbeeinflussbarem zu unterscheiden und auch über die eigenen Wertungen das Ausmaß der Sorgen zu regulieren. Das gilt auch und insbesondere für die aktuelle Corona-Zeit. Weder Panik noch Ignoranz sind hilfreich. So können wir konkret dazu beitragen, die Ausbreitungsgeschwindigkeit einzudämmen, indem wir den Maßnahmen, die Wissenschaft und Regierung propagieren, Folge leisten. Es ist auch emotional in unserem Sinne, sich sagen zu können: „Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Alles, was darüber hinausgeht und lästig oder gar schlimm für mich sein mag, ist – je nach Weltanschauung -- Schicksal oder Pech.“

Was ist das Besondere an Tagen wie diesen?

Das Besondere an der aktuellen Krise ist sicherlich, dass das Coronavirus uns alle betrifft und uns allen von jetzt auf gleich drastische Einschränkungen als auch ein Umdenken abverlangt. Unabhängig von Nationalität, Geschlecht, politscher Gesinnung, sozioökonomischem Status etc. sitzen wir alle im selben Boot. Wir wollen die älteren und besonders anfälligen Mitglieder der Gesellschaft schützen, den Einbruch des Gesundheitssystems verhindern und die Krise überwinden. Erschwert wird dies dadurch, dass Maßnahmen, die üblicherweise psychologisch hilfreich sind, um eine Krise zu bewältigen – ein soziales Miteinander und Zusammenkommen, vor allem im Sinne körperlicher Nähe – in diesem Fall potenziell schädlich und deshalb zu vermeiden sind.

Was kann uns Menschen jetzt Halt geben?

Ein Bewusstsein dafür, dass wir als Gesellschaft trotz der derzeit notwendigen sozialen Distanz gedanklich und emotional näher miteinander verbunden sind als vielleicht je zuvor. Dass wir nicht allein sind und dass die Solidarität, die in dieser Krise über Länder-, Parteien- und Interessensgrenzen hinaus zu entstehen scheint, ein gutes Zeichen sein kann für ein besseres Miteinander und für eine Besinnung auf die wirklich wichtigen Dinge. Dass in der Überwindung dieser Krise auch Chancen liegen mögen, etwa indem man die Digitalisierung noch mehr für Klima-, Gesundheits-, Verkehrs- oder Bildungspolitik nutzt. Außerdem kann ich nur unterstreichen, was der Virologe Prof. Drosten zuletzt immer wieder gesagt hat: Schuldzuweisungen sind in solch einer Krise überhaupt nicht hilfreich. Sie ändern nichts am Status quo, und sie helfen auch psychologisch nicht. So ist Ärger oft eine Folgeemotion von Angst oder Traurigkeit, mit der man kurzfristig scheinbar besser umgehen kann. In Wirklichkeit wird der Weg zurück zur Gelassenheit jedoch länger. So kann man beispielsweise auch besser mit traumatischen Ereignissen umgehen, wenn diese sich zufällig zugetragen haben, als wenn es einen konkret Verantwortlichen gibt.

Ihr Tipp: Wie starten wir kraftvoll und sorgenfrei in diese Tage?

Es sind doch in der Tat besondere Tage. Da mag man mal auch ein bisschen weniger Kraft oder ein paar mehr Sorgen haben. Wichtig ist, sich das auch zu erlauben. Vor allem sollten wir uns vor Augen führen, dass das Virus für die meisten von uns gesundheitlich eher unproblematisch verlaufen dürfte und dass wir gerade dabei sind, unseren wichtigen Anteil zu leisten an der Überwindung dieser Krise, auch wenn der „nur“ darin bestehen mag, nicht das Haus zu verlassen.

Mit welchen Ritualen können wir uns über den Tag hinweg immer wieder mental stärken?

Sowohl Rituale und Gewohnheiten können in dieser Zeit hilfreich sein als auch ungewöhnliche oder neue Aktivitäten. Wie diese aussehen, ist natürlich individuell unterschiedlich. Aber beispielsweise mag es für Kinder, die jetzt nicht mehr in den Kindergarten oder in die Schule gehen können, hilfreich sein, eine Art Morgenkreis oder Unterrichtseinheit mit Mama oder Papa zu machen. Man könnte sich auch vornehmen, regelmäßig ein paar Sport-, Yoga-, Entspannungs- oder Achtsamkeitsübungen zu machen. Wenn das bisher schwerfiel, mag genau jetzt ein guter Zeitpunkt sein, damit anzufangen. Oder man kontaktiert mal wieder einen alten Freund, mit dem man Jahre lang nicht kommuniziert hat, oder reaktiviert ein altes Hobby.

Und wie am Abend sorgenfrei ein- und durchschlafen?

Auch das mag derzeit nicht immer gelingen, und es gilt, sich gewisse Ängste zuzugestehen. Selbst wenn ich schlecht schlafe, geht auch morgen die Sonne wieder auf. Mir persönlich hilft es beim Einschlafen, den Fokus weg von den eigenen aktiven Gedanken zu lenken, beispielsweise indem ich ein, am besten nicht allzu spannendes, Hörbuch höre. Autogenes Training oder andere Entspannungstechniken können auch hilfreich sein.

Ereilt mich Panik, wie schaffe ich es, mich zurückzuholen in eine positive Grundstimmung?

Erst einmal ist es wichtig zu verstehen, dass Panik – im Sinne der körperlichen Symptome starker Angst – an sich nicht gefährlich ist und schließlich auch von allein wieder vorbeigeht. Ein tiefes Ein- und insbesondere verlängertes Ausatmen ist dabei hilfreich. Auch sollte man neben bewusster Atmung in diesen Zeiten immer wieder im Sinne von Achtsamkeit sensorische Reize, wie etwa den Lufthauch am Fenster oder die Sonnenstrahlen, ganz genau spüren, sich dadurch ins Hier und Jetzt bringen und dies als kleinen angenehmen Moment wahrnehmen. Im Internet gibt es viele Anleitungen für Atmungs-, Entspannungs- und Achtsamkeitsverfahren, die der Panik entgegenwirken können. Außerdem kann es hilfreich sein, einen positiven Grundgedanken zu entwickeln und diesen Mantra-haft zu wiederholen. „Wir kriegen das hin.“ oder „Irgendwann werde ich meinen Enkeln davon erzählen.“. Zu guter Letzt, versuchen Sie ab und an, einen leckeren Tee, schöne Musik oder ein gutes Buch ganz bewusst zu genießen und dabei die Seele etwas baumeln zu lassen.

Wie zaubere ich positive Gedanken? Wie wichtig ist es, diese zu Hause mit der Familie zu teilen?

Mit der Zauberei ist es nicht so einfach, und Gedanken müssen ja auch nicht immer positiv sein. Vielmehr ist es wichtig, sich auch unangenehme Gefühle wie Angst zuzugestehen, darüber reden zu dürfen und zu versuchen, auch mit Hilfe von Familie oder Freunden, die Dinge möglichst sachlich und rational zu betrachten. Was befürchte ich denn letztendlich? Wie wahrscheinlich ist das? Wäre das tatsächlich so schlimm? Außerdem sollte man vor dem Hintergrund, dass es ohnehin so ist, wie es ist, auch die positiven Seiten einer Situation zu entdecken versuchen. Zum Beispiel, dass die momentane Lage auch eine Chance dazu sein kann, sein Leben zu entschleunigen, seine Werte und Ziele zu überdenken, oder alte Kontakte oder Beschäftigungen wiederaufleben zu lassen.

Hilft es auch, sich schöne (Natur-)Erlebnisse von früher wieder vor Augen zu führen und diese ebenfalls zu teilen?

Ein ständiges Überdenken der Situation im Sinne von Grübeln ändert nichts an der Situation, sondern hält lediglich negative Emotionen aufrecht. Man kann sich also fragen: „Möchte ich lieber Corona-Krise oder Corona-Krise plus Angst/Depression/Bluthochdruck?“ Insofern sind Gedanken an schöne Erlebnisse oder aber auch andere Formen von Ablenkung oder Unterhaltung sicherlich hilfreich.

Wie erklären Erwachsene die Corona-Situation ihren Kindern?

Das kommt sicherlich auf das Alter der Kinder an, aber generell würde ich sagen, dass man den Kindern gegenüber ehrlich, einfühlsam und sachlich sein sollte. Man sollte zwar keine Angst schüren, aber durchaus klar kommunizieren, was jetzt warum wichtig ist. Außerdem sollte man den Kindern offen und geduldig zuhören, ihre Gefühle ernst nehmen und ihnen Geborgenheit vermitteln. So haben wir unserer knapp fünfjährigen Tochter erklärt, dass momentan ein Virus von einem Menschen auf den anderen übertragen werden kann, wenn man sich zu nahekommt. Dass man deshalb besonders oft und gründlich die Hände waschen muss, nur in die Armbeuge husten sollte und dass der Kindergarten und viele andere Aktivitäten leider erst einmal ausfallen müssen. Und dass sie zwar keine Angst haben brauche, aber zum Schutz der Oma zu dieser erst einmal Abstand halten müsse. Das hat sie recht gut verstanden. Für unsere zweieinhalbjährige Tochter sind einfach verlängerte Ferien.

Homeffice und Kinderbetreuung gleichzeitig zu wuppen, das ist in diesen Tagen eine neue Herausforderung für viele Eltern. Wie können sie es schaffen, beidem gerecht zu werden?

Hier gilt es, erst einmal den Begriff „gerecht werden“ zu überdenken. Perfektionismus ist selten ein guter Ratgeber, und nur weil die Anforderungen steigen, steigt nicht automatisch die Leistungsfähigkeit. Man sollte sich zugestehen, dass man als Mensch pro Zeiteinheit nur so-und-so-viel wuppen kann, ganz egal ob mit oder ohne Corona-Krise. Wer Homeoffice macht und sich gleichzeitig um die Kinder kümmert, sollte seine Ansprüche auf ein realistisches Maß umformulieren. Man wird nicht mehr ganz so viel Arbeit schaffen bzw. seine vormaligen Ansprüche hinsichtlich der Kinderbetreuung nicht mehr einhalten können. Das ist zwar schade, aber überhaupt kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben. Vielmehr gilt es, sich zu sagen: „Ich mache es nach bestem Wissen und Gewissen.“

Stichwort Ernährung: Wie wichtig ist es gerade jetzt, seine Familie und sich gesund und vielseitig zu ernähren? Was halten Sie von Ausflügen in die Natur zur Stärkung des Immunsystems?

Sicherlich sind sowohl eine gesunde und vielseitige Ernährung als auch frische Luft und Naturerfahrungen prinzipiell eine gute Sache­ für Körper und Seele. Jedoch sollten wir uns erst einmal daran erinnern, dass es zumindest für die meisten von uns primär wohl weniger darum gehen sollte, das Virus nicht zu bekommen, sondern vielmehr darum, es nicht jetzt/bald zu bekommen, damit das Gesundheitssystem entlastet und die besonders gefährdeten Personen unter uns besser geschützt sind. Ernähren Sie sich also so gesund und vielseitig wie möglich und versuchen Sie, regelmäßig ein wenig in die Natur zu kommen, aber nur dann, wenn dies nicht im Kontrast zu den derzeitig notwendigen Maßnahmen des social distancing steht.

Abschließend eine persönliche Frage: Welcher positive Leitspruch trägt Sie im Moment durch diese krisengeschüttelte Zeit?

Meine Frau hat neulich ein chinesisches Zitat entdeckt, das wir beide für die aktuelle Situation passend und auch hilfreich finden: „Wenn Wissen und Gelassenheit sich gegenseitig ergänzen, entsteht Harmonie und Ordnung.“
Im Übrigen wäre es meines Erachtens wünschenswert, China lieber mit solchen Weisheiten zu assoziieren als mit neuartigen Viren.